HOME

Mehr Rücksicht in den Öffis: Wenn einen die Fahrgäste in der U-Bahn mal wieder ankotzen

Tropfende Döner, pöbelnde Betrunkene: Das Benehmen in den öffentlichen Verkehrsmitteln deutscher Großstädte lässt zu wünschen übrig. Die Berliner Verkehrsbetriebe werben jetzt für mehr Rücksicht.

An der Haltestelle Alexanderplatz in Berlin kann man schonmal seine gute Kinderstube vergessen, wenn es darum geht den Zug zu erwischen

An der Haltestelle Alexanderplatz in Berlin kann man schonmal seine gute Kinderstube vergessen, wenn es darum geht den Zug zu erwischen

Während man sich selbst in den frühen Morgenstunden gerade zur Arbeit aufmacht, sitzt man eingekeilt zwischen den übriggebliebenen Nachtschwärmern die noch den Restalkohol ausdünsten und Touristen die ihre Stadtpläne großräumig ausbreiten und einem somit die Sicht vollends versperren. Die Bahn wird quasi zum rechtsfreien Raum erklärt, hier ist scheinbar alles erlaubt was sonst der Anstand verbietet. Die Füße werden auf den Sitz gelegt und die Musik vom I-Pod wird auf volle Lautstärke gedreht, damit man ja nicht mit seinem Gegenüber kommunizieren muß.

Zufällige Alltagsmomente oder Anti-Höflichkeits-Trend in der Hauptstadt Berlin? "Wir haben ein Defizit in puncto Nettigkeit", heißt es ganz unumwunden bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), die für den öffentlichen Nahverkehr außer der S-Bahn zuständig sind.

Positive Momente fallen in Berlin richtig auf

"Positive Momente fallen in Berlin richtig auf", sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Sie schwärmt von einem Busfahrer, der einen älteren Briten über die Straße bringt - ohne dass sich die Fahrgäste über die Wartezeit beschweren. Es gebe aber auch böse Briefe über ruppige Kontrolleure oder genervtes Personal. Der Appell gelte für alle: "Benimm Dich so, wie Du selbst behandelt werden möchtest!"

Zum Jahresbeginn hat die BVG eine Imagekampagne gestartet ("Weil wir dich lieben"). "Wir versuchen, unsere Fahrgäste zu umarmen", sagt Reetz. Eine Aktion wie in New York, wo die Verkehrsbehörde jetzt gegen das breitbeinige und platzraubende Sitzen von Männern (manspreading) in der U-Bahn mobil macht, sei für Berlin kein Thema, sagt Reetz. "Wir haben keine New Yorker Verhältnisse."

Es geht um mehr Rücksicht

Nicht Macho-Gehabe sei das Problem in Berlin, sondern zu lautes Telefonieren und Musikhören, Essen und Trinken in den Bahnen, liegengelassener Müll. New York und Berlin hätten aber wohl ein gemeinsames Anliegen: Es gehe um mehr Rücksicht.

Vielleicht fehle die, weil viele Menschen gehetzt seien, gibt Beate Binder von der Freien Universität zu bedenken. Dass nun aber früher alles besser war - die Klage "ist wahrscheinlich so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst", sagt die Professorin und Expertin für Alltagskultur. Es komme eben auf den Blick an: Es gebe durchaus "kleine Verständigungen" und Aufmerksamkeiten im Nahverkehr.

Währenddessen steigt die Zahl der Menschen, die in Berlin in öffentliche Verkehrsmittel steigen. Allein die BVG zählte im letzten Jahr rund 970 Millionen Fahrten - so viele wie noch nie. Wegen Sanierung von Strecken weichen gerade viele noch zusätzlich auf die U-Bahn aus. Sekunden entscheiden - da bleibt am Alexanderplatz schon mal zurück, wer sich nicht schnell genug noch hineinquetscht.

Im Notfall gibt es Hausverbote und Anzeigen

Bei der S-Bahn sagt ein Sprecher: "Wenn man den rauen Charme Berlins kennt, kommt man zurecht und miteinander aus." Bis zu 1,4 Millionen Fahrgäste werden an Werktagen befördert.

Harte Kante zeigt die Bahn bei notorischen Straßenmusikanten, Bettlern, Schwarzfahrern und Gewalttätern. "Im Notfall gibt es Hausverbote und Anzeigen." Mehr als 500 Sicherheitskräfte seien in Kooperation mit den Verkehrsbetrieben unterwegs.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband findet, das beste Rezept gegen das Gedränge und Geschiebe wäre der Einsatz von mehr Zügen. Doch bei der S-Bahn, die zur Deutschen Bahn gehört, sei in den letzten zehn Jahren viel gespart worden.

Weiterer Stein des Anstoßes für ihn: Straßenbahnlinien wie die M10 zwischen den Szene-Stadtteilen Friedrichshain und Prenzlauer Berg, die oft Party-Zonen seien mit viel Alkohol und tropfendem Essen. "Ich würde mich freuen, wenn da auch mal das Sicherheitspersonal einschreitet." In London oder Warschau gehe es gesitteter zu, meint der Experte. Einen Freibrief für rücksichtsloses Benehmen gebe es zwar nicht. Aber: "Eine gewisse Ruppigkeit gehört in Berlin dazu."

jube/dpa / DPA
Themen in diesem Artikel