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Blindgänger im Boden: Mein Nachbar, die Bombe

Die Alliierten haben im Zweiten Weltkrieg über Deutschland mehrere Millionen Tonnen explosives Material abgeworfen. Blindgänger liegen noch massenweise im Erdreich - und sind eine permanente Gefahr.

Von M. Arnsperger und S. Wiese

Ein riesiger Feuerball steht über der Münchner Innenstadt, Dächer stehen in Brand, Splitter fliegen durch die Luft. "Wie im Krieg" oder "wie bei einem Bombenalarm", sagen Anwohner. Natürlich herrscht kein Krieg in München. Aber der Krieg, genauer gesagt der Zweite Weltkrieg, ist Schuld daran, dass Tausende in der bayerischen Landeshauptstadt Angst hatten. In Schwabing musste eine 250 Kilogramm schwere US-Fliegerbombe gesprengt werden.

Solche Blindgänger liegen überall in Deutschland verteilt und bedeuten eine ständige Gefahr für die Bevölkerung. Jahrzehntelang hatten die Mitarbeiter der "Schwabinger 7" über dem Sprengsatz gearbeitet, hatten Kneipengänger in unmittelbarer Nähe zu dem Weltkriegsrelikt ihr Weißbier genossen. Vor einigen Monaten wurde die Kneipe geschlossen, Bauarbeiter stießen auf die Bombe, die einen Meter tief im Erdreich lag.

Experten des Kampfmittelräumdienstes hatten größte Mühe mit dem Sprengsatz und dessen komplizierten Aufbau mit einem Säurezünder. Auch die eigens aus Brandenburg herbeigeeilten Spezialisten mussten die Entschärfung immer wieder verschieben, bis sie sich letztlich für die kontrollierte Sprengung entschieden. Und selbst die lief nicht reibungslos. Woche für Woche riskieren Entschärfer ihr Leben. 5500 Bomben werden jedes Jahr in Deutschland entschärft.

100.000 Blindgänger in der Bundesrepublik

Die Alliierten haben über Deutschland mehrere Millionen Tonnen explosives Material abgeworfen. Über 100.000 Fliegerbomben sind allein auf Hamburg niedergegangen, die Quote der Blindgänger betrug ungefähr 13 Prozent. Die Sprengsätze sind eine permanente Gefahr. Vor zwei Jahren schätzte die Feuerwehr ihre Zahl in der Hansestadt auf 3000. Mehr als 100 Stück beseitigt der Kampfmittelräumdienst im Jahr allein in Hamburg.

Auch in Berlin werden 3000 Blindgänger vermutet. Zahlen für das gesamte Bundesgebiet existieren nicht, weil die Kampfmittelräumung Ländersache ist. Es könnten um die 100.000 sein, schätzen Experten. In Großstädten und Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet ist die Gefahr am größten. Hier waren die Schwerpunkte der alliierten Luftangriffe. Entdeckt werden die Blindgänger meist bei Bauarbeiten.

Bevölkerung wiegt sich in trügerischer Sicherheit

Die Öffentlichkeit bekommt von der gefährlichen Arbeit der Sprengstoffexperten allenfalls etwas mit, wenn es zu weiträumigen Evakuierungen kommt wie jetzt in München oder zu spektakulären Sperrungen von Autobahnen oder Bahnlinien. Im Dezember 2011 gab es die bisher größte Vorsorgeaktion wegen eines Blindgängers in Deutschland: Rund 45.000 Menschen in Koblenz mussten damals ihre Häuser verlassen - fast die Hälfte der Einwohner der Stadt. Betroffen waren auch Altenheime, Krankenhäuser und ein Gefängnis. Grund waren zwei gefährliche Weltkriegsbomben im Rhein: eine 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine und eine kleinere US-Bombe.

Und nicht immer bleibt es bei der Entschärfung oder Sprengung bei einigen rasch beherrschbaren Bränden wie aktuell in München: Vor rund zwei Jahren explodierte in Göttingen Bombe, die wie der Sprengsatz in der bayerischen Hauptstadt mit einem Säurezünder ausgerüstet war. Drei Sprengmeister kamen ums Leben, zwei Menschen wurden schwer verletzt, vier weitere Männer erlitten einen Schock.

Die Bevölkerung wiegt sich in einer trügerischen Sicherheit, weil angesichts der Vielzahl von Entschärfungen Unglücke verhältnismäßig selten vorkommen. Doch je länger die Blindgänger unentdeckt im Erdreich lagern, desto riskanter ist ihre Entschärfung. Schuld sind die Zünder, die über Jahrzehnte im Erdreich oder im Wasser der Korrosion ausgesetzt sind.

Besonders tückisch Langzeitzünder. Die amerikanischen Fliegerbomben in München und Göttingen waren damit ausgerüstet. Der Detonationsmechanismus ist so angelegt, dass die Explosion erst mit zeitlicher Verzögerung erfolgt. "Der Sprengstoff verändert sich nicht, und das Zündsystem rostet nicht durch", berichtete Volker Scherff vom Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker. Das sollte bei Angriffen auf militärische Ziele wie etwa Flughäfen die Arbeit der Räumdienste erschweren. Und diesen Zweck erfüllt der Mechanismus auch noch 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine vollständige Überprüfung der Städte würde Hunderte Millionen oder gar Milliarden kosten. In Hamburg hat man 2005 damit aufgehört, systematisch Flächen absuchen zu lassen. Grundstückseigner, die einen Neubau planen, müssen ihr Gelände auf eigene Rechnung prüfen lassen. Dies kann schnell mehrere tausend Euro kosten.

Auch der Eigentümer der "Schwabinger 7" habe das Grundstück beim Kauf auf Bomben untersuchen lassen, berichtet die Münchner tz. Das Ergebnis damals: Es gebe kein Bombenrisiko - auszuschließen sei ein Fund dennoch nicht. Die Baulücke, auf der die Kneipe erbaut wurde, entstand demnach ausgerechnet durch einen Bombentreffer.

Malte Arnsperger und Sönke Wiese (mit DPA)