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Buskatastrophe in der Schweiz Ungebremst in den Tod


Kurz nachdem der Bus mit Schülern in die Tunnelwand im Wallis gerast war, treffen 200 Helfer am Unglücksort ein. Die grauenhafte Szenerie ist selbst für die geübten Retter schwer zu ertragen.

Zwei Worte sind in Siders immer wieder zu hören: unfassbar und ungebremst. "Der Bus soll ungebremst in den Tunnel gerast sein", sagt eine Zeitungsverkäuferin am Bahnhof, wenige hundert Meter vom Ort der Katastrophe entfernt. "Aber warum auch nicht? Da waren doch keine anderen Autos, die Straße war trocken, der Tunnel hell beleuchtet." Rätselraten überall. Doch viel mehr sind die Menschen damit beschäftigt, das Unglück zu verarbeiten, das in Sekunden eine Heimfahrt nach herrlichen Skiferien in höllisches Grauen verwandelte.

Unfassbar sei das, sagen die Menschen in Sitten, in Siders, überall in den Feriendörfern des Val d'Anniviers, dieser paradiesischen Landschaft, die zu den schönsten Europas gehört. Schweizer mögen für ihre sachliche, unaufgeregte Art bekannt sein. Doch hier und heute ist jeder getroffen und voller Mitleid. "Die Tragödie trifft unser ganzes Volk", sagt Jacques Melly, der Regierungspräsident des Schweizer Alpenkantons Wallis.

"Tuuut klang es und weg waren wir!"

Menschen haben Tränen in den Augen, als sie auf Tablet-PCs, Smartphones oder TV-Monitoren an Bahnhöfen lesen, was die meist 12-jährigen Mädchen und Jungen aus der Grundschule t'Stekske im belgischen Lommel in ihrem Internet-Tagebuch notierten: Wie toll der Luxus-Bus der Firma "Top Tours" sei. Wie schön, dass es endlich losgehe, ab in die schneebedeckten Berge, wie es sie nirgendwo in Belgien gibt. "Tuuut klang es und weg waren wir!"

Traumhafte Erlebnisse beim Wintersport zwischendurch, so mancher Daheimgebliebene ist neidisch. Dann der letzte, ein wenig betrübt anmutende Eintrag vom 13. März: "Kaffee und Duschen (wenn noch Zeit ist?) Aushändigung Skizeugnisse, Verladen des Gepäcks, Abendessen und Einpacken des Lunchpakets, Abreise nach Belgien".

In kürzester Zeit sind 200 Helfer vor Ort

Nur rund 30 Minuten liegen zwischen der Abfahrt vom Hotel "Du Cervin" im malerischen Bergferienort Saint-Luc und dem A9-Tunnel bei Siders, zwischen Leben und Tod für 22 Mädchen und Jungen, zwei Busfahrer und vier erwachsene Betreuer.

Minuten nach dem Aufprall im Tunnel klingeln überall in der Region Notruftelefone. In kürzester Zeit sind 200 Helfer, viele von ihnen freiwillige Rettungssanitäter, am Unglücksort. Notrettungsaktionen in den Alpen sind sie gewohnt. Doch was sie im Tunnel erleben, schockt viele, wird sie womöglich noch nach Jahren immer wieder einholen. Retter berichten von eingeklemmten, schreienden, blutenden Mädchen und Jungen. Von entsetzten, verängstigten Kindern, die erlebt haben, wie Klassenkameraden starben.

Ungebremst rast der Bus gegen die Tunnelwand

"Das ist etwas ganz anderes, als Verschüttete nach einer Lawine aus dem Schnee zu schaufeln", sagt einer. "Das geht dir viel, viel näher." Der Schock sei enorm, sagt Einsatzleiter Christian Varone. "Wir haben hier im Wallis schon so manches Unglück erlebt, aber das jetzt, es war wie Krieg", sagt der Kommandant der Walliser Kantonspolizei.

Etwa um 21.15 Uhr prallte der Bus - "ungebremst", wie immer wieder zu hören ist - auf die Tunnelwand. Um 21.59 Uhr geht bei den Rettungsfliegern von Air Zermatt der Alarm an. Wenig später sind die Hubschrauber in der Luft. Die Piloten warten vor dem Tunnel, Feuerwehrleute und Sanitäter bringen immer wieder verletzte Kinder zu den Helikoptern, die sie umgehend in Krankenhäuser der Umgebung fliegen.

Unvorstellbar schreckliche Bilder

"Die Art der Verletzung und die Tatsache, dass so viele Kinder unter den Opfern sind, lässt erahnen, was für ein unvorstellbar schreckliches Bild sich den Feuerwehrleuten, die vorne beim Bus im Einsatz standen, geboten haben muss", sagt Gerold Biner von der Air Zermatt später dem Schweizer Nachrichtenportal "20 Minuten Online".

Biner selbst wirkt mitgenommen, ja erschüttert. An Bord eines der Hubschrauber sei ein Mädchen seinen Verletzungen erlegen. Nach zehn Minuten Flugzeit habe ihm der Arzt an Bord resigniert mitgeteilt, die junge Patientin sei verstorben.

Solche Erlebnisse seien traumatisch für alle, sagt der Nothilfe-Psychiater Rafael Romano. Sehr viele Menschen bräuchten jetzt Beistand, Betreuung durch eigens für Katastrophenfälle geschulte Psychiater, aber auch durch Seelsorger. "Hilfe brauchen jetzt vor allem die Kinder, die nun mit diesen furchtbaren Erlebnissen in dem Tunnel fertigwerden müssen." Aber auch die Helfer, "die Bilder des Grauens mit sich herumtragen".

Auf jedes Kind kommen bis zu acht betroffene Angehörige

Und natürlich, so Romano, die Eltern und die anderen Angehörigen, der Getöteten, von denen viele aus Belgien angereist sind. Auf jedes Opfer im Kindesalter, so schätzen Experten, kommen fünf bis acht direkt unmittelbar betroffene Angehörige und Freunde, die so ein Tod zutiefst berührt.

Doch wie kann man Vätern und Müttern in so einer Situation überhaupt helfen? Man müsse "einfach bei ihnen sein und versuchen, ihre Fragen so offen und genau wie möglich zu beantworten". Aber man müsse sie zugleich ihren Schmerz zeigen lassen, sie weinen und trauern lassen. Das schöne Tal von Anniviers, es ist an diesem Tag im wahrsten Sinne des Wortes ein Tal der Tränen.

Thomas Burmeister, DPA DPA

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