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Deutsch-italienische Beziehung: Amore trotz Furore

Sie haben für uns "wurstel con krauti" gekocht, und wir haben Ohropax genommen gegen nächtliche Vespa-Attacken. Kurzum: In Wahrheit lieben wir uns - trotz Berlusconi und allem

Lufthansa-Flug 3818, München-Rom. Ich bin auf dem Weg nach Italien, um herauszufinden, welches Volk lauter rülpsen kann, die Deutschen oder die Italiener. Es gibt einen Snack. Neben mir sitzen zwei Italiener. Einer nimmt die eingeschweißte Scheibe 'Wepu Katenbrot' in die Hand. "Was ist das?", fragt er seinen Nachbarn. "Eine Art Brot", sagt der andere. Er beißt einen kleinen Bissen ab und legt die geheimnisvolle Schnitte wieder hin. "Und?", fragt der andere. "Fa schifo", sagt er, "eklig." Sie schweigen, essen einen Schokoladenriegel.

Es stellt sich heraus, dass sie Mercedes-Verkäufer aus Frosinone sind. Sie reden mit großem Respekt von der neuen E-Klasse, aber diese viereckigen schwarzen Bremsscheiben? Sie heißen Pumpernickel, sage ich. Sie lachen sich schief über das Wort. Einer versucht es nachzusprechen. Es klingt wie Rummenigge. Den kennen sie.

Italiener und Deutsche sind wie ein altes Paar

Wir lieben und hassen uns, erforschen, beleidigen und verheiraten uns seit gut zweitausend Jahren. Es hat alles nichts genützt. Italiener und Deutsche sind wie ein altes Paar, eigentlich wissen wir alles voneinander, aber wir verstehen uns nicht. Wir schauen uns das Champions-League-Finale Milan gegen Juventus an und schlafen dabei vor der Glotze ein, sie hingegen geraten über ihr Rasenschach - null zu null nach 90 Minuten - völlig aus dem Häuschen. Sie peinigen uns seit 30 Jahren mit ihrem Catenaccio, wir quälen ihre Kellner mit unserem Akzent: "Kwando viene spaghetti?"

Wir bewundern ihren Einfallsreichtum - wer kommt sonst noch auf die Idee, mit schiefen Türmen die Leute ins Land zu locken? Sie kaufen wie wild alle unsere macchine, Porsch, Audi und Mjele. Sie kommen zu uns, um zu arbeiten, wir fahren zu ihnen, um zu faulenzen - wie soll man sich da kennen lernen? Wir essen gern schwer verdauliches Vollkornbrot und sie unsere kalorienarmen Singvögel. Hier die blonden Nazibestien, dort die korrupten Mafiagauner. Wir halten die Mafia gern für eine folkloristische Räuberbande, sie können überhaupt nicht darüber lachen, für Italiener ist sie ein Synonym für Tod und Leid. Eigentlich wissen wir es besser, aber manchmal im Sommer, bei Weltmeisterschaften oder wenn der Stolz mit uns durchgeht, kocht die alte zuppa wieder hoch.

"Wurstel con krauti" in den Fünfzigern

"Wurstel con krauti" haben sie uns gekocht, damals in den Fünfzigern, als wir in Rimini ankamen und noch nicht wussten, dass man linguine con frutti di mare lebend übersteht. Sie haben uns "deutshe filterkafee" aufgebrüht, als wir noch fanden, in den viel zu kleinen italienischen Tassen sei zu wenig drin. Sie haben uns, wie ihren Kindern, einen Löffel neben die Spaghetti gelegt, weil wir sie anders nicht auf die Gabel kriegten. Wir haben schnell dazugelernt, Italienischkurse gemacht, wir sagen nicht mehr Tschiantiwein und erscheinen nicht mehr um halb sieben zum Abendbrot, wenn die Köchin noch gar nicht vom Strand zurück ist.

Wir kaufen uns für 899 Euro eine original italienische Espressomaschine mit Milchschäumer - kaum ein Italiener käme auf die Idee. Da geht er lieber in die Bar. Wir sind oft italienischer als die Italiener, wie 'Bild'-Kolumnist und Armani-Träger Franz Josef Wagner: "In amerikanischen und französischen Anzügen sehe ich scheiße aus."

Der chauvinistische Rappel

Es waren zwei hirnrissige Wochen im deutsch-italienischen Verhältnis. Es ging zu wie im casino della madonna, wie die Römer sagen, im Freudenhaus der Muttergottes. Früher hätte man wahrscheinlich einen Krieg angefangen. Wenn wir heute einen chauvinistischen Rappel kriegen, wird der zwischen 'Bild' und einem durchgeknallten Staatssekretär ausgefochten. Eigentlich haben wir es weit gebracht.

Nun also wird Gerhard Schröder demnächst mit seiner Doris und einem Barolo vor dem Fernseher sitzen, der feine niedersächsische Landregen wird auf Hannover fallen und die Wetterkarte anzeigen, dass der Himmel in Pesaro wolkenlos ist, Luft 32, Adria 25 Grad. Sie werden eine Cassette mit "La Strada" einschieben und sich fragen: Warum sind wir eigentlich dieses Jahr nicht wieder dort? War es das wirklich wert?

Berlusconi vs. Schulz

Das haben die Schröders vor allem Berlusconi zu verdanken, der einst für deutsche Touristen im Hotel 'Sombrero' zu Rimini sang: "Er hatte eine gute Stimme und wirkte sehr sympathisch", erinnert sich der Hotelbesitzer. Im EU-Parlament hat der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor zwei Wochen dem deutschen Europa-Abgeordneten Martin Schulz (SPD), der ihn zuvor scharf kritisierte, eine Filmrolle als Kapo im KZ angeboten. Berlusconi fand seinen Vorschlag komisch, "wir erzählen gern Holocaust-Witze in Italien", behauptete er später. Obwohl Martin Schulz keinen komplizierten Namen hat, gelingt es kaum einer italienischen Zeitung, ihn richtig zu schreiben, meistens heißt er "Shultz". Italiener tun sich mit ausländischen Namen schwer. Kohl wurde dauernd Khol oder Köhl geschrieben. Sechs Jahre habe ich in Italien gelebt, unsere Kinder sind in Rom geboren - selbst in der Geburtsurkunde des ältesten Sohnes ist der Name falsch.

Das Deutschen-Bild des Herrn Stefani

Während die Deutschen sich noch über Berlusconi erregten, schlug der nächste Italiener zu, ausgerechnet der Staatssekretär für Tourismus. Der wohlhabende Goldschmuck-Fabrikant Stefano Stefani, 64, aus Vicenza fühlte sich von "Shultz" und dem 'Spiegel' beleidigt, der seinen Chef Berlusconi als Mafia-Paten porträtiert hatte. In 'La Padania', dem kaum gelesenen Zentralorgan seiner Partei Lega Nord, ließ Stefani unter der Überschrift "Wir kennen sie gut, die Deutschen" so viel heiße Luft ab, als würde er von spanischen Hoteliers bezahlt. Die Deutschen seien "besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit ... sie fallen lärmend über unsere Strände her ... wie alle Streber lassen sie keine Gelegenheit aus, unverschämt zu werden". Der "ehemalige Buchhändler Shultz" sei wohl mit "Wettkampf-Rülpsen aufgewachsen, das auf pantagruelsche Biergelage und Frittenfressereien folgte" (im Original stand: "kartoffen fritte").

Ein Unternehmer mit Donnerstimme

Ich rufe Stefano Stefani an (ach, was für ein schöner Name, Betonung jeweils auf dem e). Er flucht, weil ich ihn irgendwo im römischen Verkehrschaos erwischt habe. "Wie könnte ich etwas gegen die Deutschen haben", bollert er am telefonino, "ich war doch jahrelang mit einer Deutschen verheiratet, meine beiden Töchter sind doch halbe Deutsche!" Der Unternehmer mit der Donnerstimme braucht eigentlich kein Handy, "man hört ihn durch Panzertüren und dicke Mauern", schrieb das 'Giornale di Vicenza'. Stefani lacht dröhnend.

Irgendwann einmal im Hin und Her um Rücktritt oder nicht Rücktritt lädt er den Kanzler nach Italien ein, es gebe viele schöne Flecken "zwischen den Alpen und den Pyramiden, wie man bei uns zu sagen pflegt". Der Spruch stammt aus der Mussolini-Zeit, er ist so taktvoll, als würde ein deutscher Minister "von der Maas bis an die Memel" grölen.

Kein Prototyp eines Italieners

Der massige Stefani, der so gar nicht unseren Vorstellungen vom eleganten Italiener entspricht, stammt aus einem armen Elternhaus. Als Ältester von vier Kindern - der Vater ist früh gestorben - musste er die Familie mit durchbringen. Er schaffte sich vom Goldschmiede-Lehrling zum millionenschweren Fabrikbesitzer hoch, er liebt das Essen, den Wein und schnelle Autos. Einmal besaß er einen Ferrari, aber weil das Rückfenster rausfiel, kriegte er einen Wutanfall und rief seine Landsleute auf, Ferrari zu boykottieren.

Danach hatte er einen Porsche. Mit dem wurde er auf einer Landstraße bei 216 km/h geblitzt. Jetzt fährt er einen Audi A 6. Von seiner deutschen Frau Karolina ist er seit Jahren geschieden, aber sie sei nicht der Grund für seine antigermanische Allergie, sie stehe "voll" hinter ihm. Er nennt sie "crucca", das oberitalienische Schimpfwort für die Deutschen klingt so galant, als würde ein Deutscher seine polnische Frau "Polackin" nennen.

Der große Einfluß des Oktoberfests

Natürlich war Stefani auch schon in Bayern, beim Oktoberfest. Das hat wohl sein Deutschlandbild entscheidend geprägt. Das Gelage zieht Italiener magisch an, ein Besuch des Bierfests gehört zu den Mannbarkeitsriten der italienischen Dorfjugend. Sie kommt in Scharen, findet alle Vorurteile bestätigt - und macht begeistert mit. Wer je seinen italienischen Freund, wie wir unseren Raffaele, dort hat reihern sehen, der weiß, dass la festa della birra bei vielen Italienern traumatische Erinnerungen hinterlässt. Stefani hat wohl mitbekommen, wie sie rülpsen, diese röhrenden tedeschi. Dass er ihretwegen einmal die deutsch-italienischen Beziehungen in ihre tiefste Krise stürzen würde seit Conny Froboess "Zwei kleine Italiener" sang, das hätte er nie geglaubt. Die Hoteliers an der Adria nennen ihn "schlimmer als die Algenplage". Daheim in Vicenza verschenkt er ein paar Flaschen Prosecco an eine Gruppe deutscher Frauen. Die Prosecco-Offensive hat mittlerweile ganz Deutschland erfasst, wer zum Italiener geht, kriegt derzeit ein Glas spendiert. Das wissen die Wirte aus langer Erfahrung: Wenn mal die Minestrone versalzen ist, kann ein scusi allein die gute Laune nicht retten, ein Gratis-Grappa schon.

Tumult im italienischen Parlament

Mittwochnachmittag geht es im italienischen Parlament drunter und drüber, Berlusconi aber macht ungerührt einen Ausflug nach Positano zu seinem Freund Franco Zeffirelli. Der schmalzigste aller Regisseure ist ein treuer Verehrer des pomadigsten aller Premiers, Zeffirelli ist fest davon überzeugt, dass sein Freund Silvio Italien davor gerettet hat, "eine Sowjetrepublik" zu werden. In Rom steht derweil Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition vor dem Fall. Die Lega Nord hat zum vierten Mal gegen die Regierung gestimmt, der sie angehört. Es kommt zu Tumulten, man schreit sich an: "Höhlenmensch", "Idiot", "Gangster"! Eine Hand voll Lega-Abgeordnete werden aus dem Hohen Haus entfernt.

Eigentlich braucht Berlusconi die 3,9-Prozent-Partei mit dem rassistischen Hetzer Umberto Bossi an der Spitze nicht in der Koalition, seine Mehrheit im Parlament ist groß genug. Aber er wird sich gedacht haben: Besser man bindet die Rabauken ein, als sie gegen sich zu haben. Die EU sei eine Bande von "Kommunisten, Kinderschändern und Freimaurern" tobte Bossi kürzlich. Als eine streng katholische Parteigenossin es wagte, gegen ihn zu stimmen, schäumte er: "Zum Teufel mit der Pivetti, wir werden ihre Leiche, im Tiber treibend, in den Vatikan zurückschicken."

Wüten gegen Einwanderer

Besonders rabiat wüten die bizarren Nachfahren der Langobarden, die sich nicht als Italiener, sondern als Kelten fühlen, gegen illegale Einwanderer. Neulich verlangte Bossi, man solle auf Boote mit Flüchtlingen aus Afrika schießen: "Nach der zweiten oder dritten Warnung - bumm. Dann schießt die Kanone, ohne viel zu reden. Die Kanone tötet. Sonst kommen wir nie zu einem Ende."

Die Stimme der Vernunft wohnt in einem Philosophieprofessor

Nach so viel Wahnwitz suche ich eine Stimme der Vernunft. Der Philosophieprofessor Angelo Bolaffi wohnt in einem stattlichen Palazzo. Am Fahrstuhl hängt ein handgeschriebenes Schild: "Man bittet, den Aufzug nicht zu benutzen, da jederzeit der Strom ausfallen kann." Bolaffi hat in Berlin studiert, auch er war mit einer Deutschen verheiratet, auch er kennt die Deutschen. Er hat eines der besten Bücher verfasst, die über uns geschrieben wurden: "Die schrecklichen Deutschen", es ist eine Liebeserklärung, aber leider vergriffen.

"Eine Hand voll Idioten

"Da machen wir jahrzehntelang Kongresse, da reden wir miteinander, da schreiben wir Bücher - und da kommt eine Hand voll Idioten daher und reißt in zwei Tagen ein, was wir in dreißig Jahren aufgebaut haben." Bolaffi hält die Lega-Politiker für "Analphabeten" und ihren Führer Bossi für so schlimm, "dagegen ist der Haider ein Ehrenmann". Zum Glück seien sie "bald verschwunden, diese Idioten, ihre Zeit ist abgelaufen. Deshalb schlagen sie so um sich, weil sie bei den nächsten Wahlen noch tiefer absacken". Er geht in die Küche und kocht uns einen Espresso, mit der ganz ordinären kleinen Alu-Kanne, die man auf die Gasflamme stellt. Bevor ihn Berlusconi feuerte, trat Stefani am Freitagabend endlich zurück. Warum so spät, wird man sich im Kanzleramt fragen? Wenn Schröder je auf einem römischen Postamt versucht hätte, ein Einschreiben ins Ausland aufzugeben, dann hätte er gewusst - auch Dinge, die ganz einfach aussehen, brauchen in Italien manchmal wahnsinnig viel Zeit.

Claus Lutterbeck / print