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Einmarsch in die Tschechoslowakei vor 75 Jahren: Wie Zeitzeugen die Besetzung erlebten

Es war der letzte Schritt eines perfiden Plans: Vor 75 Jahren marschierten nationalsozialistische Truppen in die damalige Tschechoslowakei ein. Drei Zeitzeugen erinnern sich.

Von Linda Richter

Es war einer der letzten strategischen Züge vor dem großen Knall: Vor 75 Jahren marschierten nationalsozialistische Truppen in die damalige Tschechoslowakei ein. Sie besetzten das tschechische Gebiet, spalteten die Slowakei ab und gründeten das Protektorat Böhmen-Mähren. Ein Jahr nach der Annexion Österreichs war Adolf Hitler ein weiterer Schritt in seinen Expansionsbestrebungen gelungen, die schließlich im Angriff auf Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs münden sollten.

Wie erlebten die Menschen damals die Geschehnisse? Im Online-Projekt "Gedächtnis der Nation" erinnern sich drei Zeitzeugen an die Zeit vor und während der Besetzung. Hans Fischach war im März 1939 Schüler an einer SA-Elitakademie im bayerischen Feldafingen. Er erzählt, wie er und seine Mitschüler dort auf den militärischen Eingriff eingestimmt wurden.

Hans Fischach: "Uns wurde erzählt, wir seien im Recht"

Die Besetzung setzte einen militärischen Schlußstrich unter die Sudetenkrise. Aggressiv - und ohne Interesse an vorherigen europäischen Vereinbarungen. Am 30. September 1938 hatten Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien im Münchener Abkommen vereinbart, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland abtreten sollte. Frankreich und Großbritannien wollten damit einen militärischen Eingriff Deutschlands verhindern. Selbst innerhalb der deutschen Militärführung stieß Hitlers aggressive Politik auf Gegenwind. Doch gegen dessen Expansionsziele nützte das nichts.

Der Germanist Eduard Goldstücker arbeitete als Literaturwissenschaftler in Prag. Ab 1939 engagierte er sich in der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Er erzählt von dem deutschen Vorhaben, die Tschechoslowaken zu "Untermenschen" zu machen.

Eduard Goldstücker: "Ein niederschlagendes Ereignis"

Auch politisch hatten die Nationalsozialisten die Übernahme des tschechischen Gebiets lange vorbereitet: 1935 hatte die nationalsozialistische Sudetendeutsche Partei (SdP) die Mehrheit in der Tschechoslowakei. Konrad Henlein, der von den Nationalsozialisten als Vorstand eingesetzt wurde, stand hinter Hitlers Expansionszielen. Die SdP warb in dieser Zeit stark für neue Mitglieder - so auch den Ehemann von Frau Machleit. Die gebürtige Tschechin lebte mit ihm in Prag. Sie erzählt, wie sie von Parteigenossen ihres Mannes zur Bespitzelung von Kollegen animiert wurde.

Frau Machleit: "Ich sollte meine Kollegen ausfragen"

Die nationalistische Stimmungsmache beider Länder ging auch an der Bevölkerung nicht spurlos vorbei. Misstrauen und Wut bestimmten den alltäglichen Umgang zwischen Tschechen und Deutsch-Tschechen. Frau Machleits Erinnerungen zeugen von der Kluft zwischen den Menschen. Und sie erzählt von der bedeutenden Rolle der deutschen Juden in Prag.

Frau Machleit: "Wir waren voreingenommen"

Den späteren Diplomaten Eduard Goldstücker brachte die Besetzung Prags in eine gefährliche Situation: Von einem auf den anderen Tag waren seine Papiere nutzlos. Alle mussten sich nach der Besetzung bei der Gestapo einen Schein ausstellen lassen, um aus dem Protektorat ausreisen zu können. Goldstücker war Mitglied des kommunistischen Widerstands, bei einer Meldung wäre er verhaftet worden. Er erzählt, wie er die Ausreise dennoch schaffte.

Eduard Goldstücker: "Man war den Besatzern ausgeliefert"

Mehr Zeitzeugen-Berichte und Informationen zum Projekt "Gedächtnis der Nation" finden Sie hier.