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Helikoptereinsatz am Mount Everest: Erdbeben in Nepal - wer zahlt, überlebt

Bergsteiger am Mount Everest wurden mit großem technischen Aufwand gerettet. Warum? Weil ihre Versicherungen den Lufteinsatz bezahlen.

Ein Kommentar von Silke Müller

Ein Hubschrauber landet im Basislager der Bergsteiger am Mount Everest, nachdem eine Lawine das Camp zerstört hat. Der Fotograf dieses Fotos - ein 48-jähriger Kanadier - übererlebte das Erdbeben zusammen mit seiner Frau

Ein Hubschrauber landet im Basislager der Bergsteiger am Mount Everest, nachdem eine Lawine das Camp zerstört hat. Der Fotograf dieses Fotos - ein 48-jähriger Kanadier - übererlebte das Erdbeben zusammen mit seiner Frau

Wie unter dem Vergrößerungsglas zeigt sich beim Erdbeben in Nepal das ausbeuterische Verhältnis zwischen den reichen und den armen Teilen der Welt: Die Reichen kleben am Berg aus purem Übermut, die Armen sterben im Tal aus purer Not. Und nun die Preisfrage: Wer wird mit größtem Eifer und technischem Aufwand gerettet? Eben.

Die über 100 Bergsteiger, die das Himalaya-Erdbeben am Mount Everest überlebt hatten und danach dort fest saßen, sind inzwischen in Sicherheit. Everest-Veteran Reinhold Messner kritisierte als erster diese "Zwei-Klassen-Rettung", andere Bergsteiger pflichteten ihm bei.

Nepals Innenminister erklärte im Fernsehen, warum die Zahl der Toten vermutlich so hoch steigen wird: "Wir haben nicht genügend Mittel, und wir brauchen mehr Zeit, um alle zu erreichen." Die Menschen in Nepal, das zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, können nicht gerettet werden, weil es an allem fehlt, was man dazu braucht: Fahrzeuge, die sich durch schwer zugängliches Gelände pflügen können, Medikamente, Wasser, Nahrungsmittel und, vor allem in den schwer zugänglichen Tälern Kathmandus: Hubschrauber*. Die Bergsteiger wurden nach Angaben eines Expeditionsveranstalters von privaten Hubschrauber-Betreibern gerettet. Warum? Weil die Versicherungen der Bergsteiger die Luftrettung bezahlen. Für die Rettung verletzter Bauern zahlt niemand.

Die ersten drei Tage sind entscheidend

Experten sagen, dass es vor allem auf die ersten drei Tage ankommt: Wer länger verschüttet, eingeklemmt oder verletzt sich selbst überlassen bleibt, wird kaum überleben.

Schnelle Hilfe also wäre angezeigt.

Bis zu 100.000 Euro zahlen Abenteurer auf der Suche nach dem ultimativen Kick, für das Selfie auf dem Gipfel aller Gipfel, das sich nahtlos in ein Leben voller Höhepunkte einreihen lässt, ein Leben, in dem es immer nur nach oben geht. Sie lassen sich ihr Gepäck, ihre Sauerstofflaschen und den ganzen technischen Schnickschnack, den man zur Dokumentation des persönlichen Höhenflugs benötigt, von einheimischen Assistenten voraus- und hinterhertragen. Es heißt, der Begriff "Kuli" sei noch üblich.

Vergangenes Jahr starben 16 von ihnen beim Versuch, eine Expedition vorzubereiten. 295 Dollar sollten die Hinterbliebenen jedes Toten erhalten. Die Sherpas traten in einen Streik. Ausgebeutet werden sie aber nicht nur von den Touristen, sondern auch von ihrer eigenen Regierung, die mehr an der Arbeit der Träger verdient als die Träger selbst.

Macht den Bergaufstieg teurer!

Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle in Nepal. Rund um das Geschäft mit den Bergsteigern ist eine Infrastruktur entstanden, von der viele Einheimische profitieren. Und mit zunehmend befestigten Lagern und Routen verschwindet scheinbar das Bewusstsein für die Gefahr, die der Berg und seine Witterungsbedingungen für den Menschen bereit halten. In den Sozialen Medien schlug man vor der Katastrophe schon fassungslos vor, doch gleich eine Rolltreppe für die Bergsteiger-Touristen zu installieren siehe Kommentarspalte:

Traffic jam just below camp 1 #Everest.

Posted by Northmen on Donnerstag, 23. April 2015

Daraus kann eigentlich nur eines folgen: Macht den Aufstieg teuer. Viel teurer als bisher. So teuer, dass genügend Berg-, Wander-, Müll- und Touristensteuer für das Land abfällt, um endlich erdbebensichere Schulen, Krankenhäuser und eine Infrastruktur aufzubauen, die das Land befähigt, andere Einnahmequellen zu erschließen. Und es in die Lage versetzt, sich besser auf solche - vorhergesagten - Katastrophen einzustellen.

Die Verwandlung der Freizeit in eine Kampfzone geht stern-Reporterin Silke Müller mächtig auf den Geist. Höher, schneller, weiter, teurer - blöder. Ihr Tip für den Sommer: Im Gras liegen und dem Löwenzahn beim Wachsen zuschauen. Sie können ihr unter @silkeundmueller folgen.

*In der Ursprungsversion dieses Textes stand, dass das Land Nepal nur sechs Hubschrauber besitze. Dies ist nicht korrekt. Wir entschuldigen uns für den Fehler. Red.