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Europaweiter Lebensmittel-Skandal Pferdefleisch auch in Tortelloni und Gulasch


Erst Lasagne, dann Tortelloni und Co. Europaweit arbeiten Behörden an der Aufklärung des Pferdefleisch-Skandals. Dabei tauchen immer neue Firmen und betroffene Produkte auf.

In den europaweiten Pferdefleisch-Skandal sind mehr Firmen verwickelt als bislang bekannt. Nach und nach kommt Licht in das Netz aus Produzenten, Lieferanten und Händlern von Fertigprodukten, in denen nach ersten Erkenntnissen nicht deklariertes Pferdefleisch verarbeitet wurde. In vielen Ländern suchen Kontrolleure nach verdächtigen Lebensmitteln, die Ermittlungen gegen mutmaßliche Betrüger laufen. Politiker fordern schärfere Kontrollen und Strafen im Kampf gegen Tricksereien mit Fleisch.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner äußerte sich am Samstag besorgt über das wachsende Ausmaß des Pferdefleischskandals. "Der Betrugsfall nimmt immer größere Dimensionen an. Hier wurde offenbar mit großer krimineller Energie gehandelt", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Zusätzlich zu einem EU-Aktionsplan wolle der Bund gemeinsam mit den Ländern ein nationales Kontrollprogramm mit zusätzlichen Tests aufstellen, kündigte Aigner an. "Nur so können wir das tatsächliche Ausmaß dieses Skandals erfassen."

Produktion in Deutschland ebenfalls betroffen

Spuren führen dabei auch nach Deutschland. Die Brandenburger Firma Dreistern-Konserven räumte ein, Rindergulasch eigener Herstellung enthalte Spuren von Pferdefleisch. Der Sprecher des Umweltministeriums im Nordrhein-Westfalen, Frank Seidlitz, sagte am Samstag, der Discounter Aldi Süd habe die NRW-Behörden auf die Gulasch-Konserven eines Herstellers aus Brandenburg hingewiesen. Auf ihrer Internet-Seite teilte die Neuruppiner Firma Dreistern mit, Pferde-DNA sei in Konserven mit der Bezeichnung "Rindergulasch 540g Omnimax" nachgewiesen worden. Die Konserven seien aus dem Sortiment der Dreistern-Kunden entfernt worden.

Auch der ostwestfälische Hackfleisch-Lieferant Vossko prüft wegen des Pferdefleisch-Skandals seine Ware. Vossko liefert Hackfleisch als Rohware an den Tortelloni-Hersteller Hilcona. Von dieser Firma kommt das aus den Regalen des Discounters Lidl entfernte Nudelgericht "Tortelloni Rindfleisch". "Wir beziehen das Fleisch von mehreren Lieferanten, wir haben alle Lieferanten angeschrieben und alle haben uns mitgeteilt, dass es keine Vermischung von Fleischsorten gibt", sagte Vossko-Vertriebsleiter Josef Knappstein auf Anfrage. "Momentan laufen die Analysen, Ergebnisse liegen uns noch nicht vor."

Die Firma sei lediglich Lieferant für andere Marken, betonte Knappstein. Die Hilcona AG fertige das Nudelgericht "Tortelloni Rindfleisch" in Schaan im Fürstentum Liechtenstein, teilte ein Lidl-Sprecher am Samstag mit. "Die Rohware dafür stammt von Vossko aus Ostbevern oder dem Schweizer Hersteller Suttero aus Gossau", sagte der Lidl-Sprecher. Gusto heiße die Handelsmarke von Hilcona in Deutschland und in Österreich. In der Lidl-Ware "Tortelloni Rindfleisch" war in Österreich ein nicht deklarierter Anteil an Pferdefleisch gefunden worden. Bei einer von zwei genommenen Proben war nach Informationen des dortigen Gesundheitsministeriums Pferdefleisch nachweisbar.

144 Tonnen verdächtige Produkte

Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Renate Künast, verlangte in der "Passauer Neuen Presse", dass verarbeitetes Fleisch gekennzeichnet und die Aufzucht- und Mastbetriebe benannt werden müssen. Gebraucht werde eine Pflicht für Unternehmen, auch reine Täuschungsfälle bei den Behörden zu melden. Die Behörden müssten sie dann öffentlich machen dürfen, fügte Künast hinzu. Derzeit müssten Fälle, in denen es keine Gesundheitsgefahr gebe, von Unternehmen nicht gemeldet werden und Behörden dürften sie auch nicht veröffentlichen. Das dürfe so nicht bleiben.

Frankreich will zum Schutz von Verbrauchern rasch eine freiwillige Kennzeichnung von Fleisch erreichen, wie Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll der Zeitung "20 Minutes" sagte. In Frankreich ist das Unternehmen Spanghero schwer belastet. Es soll für falsch deklarierte Lieferungen verantwortlich sein. Das Unternehmen weist das zurück.

Nach Ermittlungen hat Spanghero aber wissentlich solches Fleisch etwa an den Hersteller Comigel verkauft. Dort wurde es verarbeitet und auch nach Deutschland geliefert. Nach einem Bericht des "Spiegel" kamen allein zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 mindestens 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland. Zusammen haben diese Produkte ein Gewicht von knapp 144 Tonnen. Das Magazin beruft sich auf eine interne Lieferliste der EU-Kommission.

EU sucht nach Medikamentenrückständen

Vertreter der EU-Staaten hatten sich am Freitag darauf geeinigt, bei der Fahndung nach falsch deklariertem Pferdefleisch auf Gentests zu setzen.Die EU-Staaten wollen dabei auch nach Rückständen des entzündungshemmenden Medikaments Phenylbutazon fahnden. Diese Substanz war in exportiertem Pferdefleisch aus Großbritannien entdeckt worden. Es ist für den Einsatz bei Tieren, die später verzehrt werden sollen, nicht zugelassen.

Die Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker warnte vor Phenylbutazon. "Es ist ein stark wirksames Mittel gegen Entzündungen im Körper und keinesfalls total unproblematisch", sagte die Expertin Petra Zagermann-Muncke. Als Nebenwirkungen seien schwere allergische Reaktionen - Hautausschläge oder Asthma - oder Blutbildschäden möglich, auch unabhängig von der Dosis. Phenylbutazon wird bei Pferden als Dopingmittel verwendet.

In Großbritannien gingen die Untersuchungen in dem Fleischskandal am Samstag unvermindert weiter. Wie die Polizei mitteilte, wurden bei Razzien in drei Fleisch verarbeitenden Betrieben in London und in Hull, Nordost-England, umfangreiches Probematerial und Computerunterlagen beschlagnahmt.

cjf/AFP/DPA/Reuters DPA Reuters

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