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Ferienorte: Wo Kanzler Urlaub machten

In den 60er Jahren wurde an den Stammtischen die Frage gestellt, ob es nicht für einen deutschen Kanzler besser sei Heimaturlaub zu machen. So blieben Erhard und Schmidt lieber hier, Brandt dagegen verreiste gerne, und einer schuf eine Legende: Helmut Kohl.

Mit einer großen Ausnahme hat Urlaub in Italien unter deutschen Kanzlern keine nennenswerte Tradition. Der erste Regierungschef der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, erholte sich in Cadenabbia am Comer See in Norditalien. Das Haus des Alten ist heute eine Tagungsstätte der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zu seinen Regierungszeiten erlangten Fotos Berühmtheit, wie er im Garten Boccia spielte und seine Rosen pflegte. Auch ein kariertes Hütchen schmückte auf den offiziellen Bildern oft sein Haupt, um klar zu stellen, dass es sich um eine Aufnahme aus dem Freizeitbereich handelte.

Adenauers "zweite Heimat"

Trotzdem nutzte Adenauer (CDU, Kanzler von 1949 bis 1963) von 1957 an die Villa La Collina, die er gern als seine "zweite Heimat" bezeichnete, mindestens zwei Mal im Jahr während seiner Aufenthalte als Ersatz-Kanzleramt und traf sich dort mit hochrangigen Persönlichkeiten der internationalen Politik.

An den Stammtischen wurde damals allerdings hin und wieder die Frage gestellt, ob es nicht besser für einen deutschen Kanzler sei, Urlaub in der Heimat zu machen - so wie es sich noch heute nur ganz mutige führende Politiker leisten, privat ein Auto eines ausländischen Herstellers zu fahren.

Zwischen Brahmsee und Bodensee

In Deutschland blieben dagegen in der Regel die Kanzler Ludwig Erhard (CDU, Kanzler von 1963 bis 1966), Kurt-Georg Kiesinger (CDU, 1966 bis 1969) und Helmut Schmidt (SPD, 1974 bis 1982). Erhard ließ sich oberhalb von Gmund am Tegernsee von dem Architekten Sep Ruf einen Bungalow bauen, den er regelmäßig im Sommer bezog, Kiesinger zog es nach Kressbronn am Bodensee im heimischen Baden-Württemberg, und Helmut Schmidt besitzt noch heute eine Hütte am Brahmsee in der Holsteinischen Schweiz.

Im Ausland dagegen, nämlich in Norwegen, machte Bundeskanzler Willy Brandt (SPD, Kanzler von 1969 bis 1974) gern Urlaub. Es ist das Land, in dem er das Exil verbrachte und aus dem seine langjährige Ehefrau Rut kam. Im Zusammenhang mit "Brandt" und "Urlaub" kommt aber auch in Erinnerung, dass er 1973 den wenig später als DDR-Spion enttarnten Günter Guillaume mit in die Ferien nahm. Dieser begutachtete damals alle eingehenden Faxe und stand ihm als Berater zur Seite. Am Ende trat Brandt wegen dieser Affäre zurück.

Urlaub bei Wasser und trockenen Brötchen

St. Gilgen am Wolfgangsee wurde dagegen in der Ära Helmut Kohls (CDU, Kanzler von 1982 bis 1998) zur Urlaubs-Legende. Er machte dort regelmäßig Ferien und verband dies häufig mit einer Diät aus Wasser und trockenen Brötchen. Wie sein Vorbild Adenauer ließ ihn die Macht auch dabei nicht los; Kohl nahm stets einen - wenn auch verkleinerten - Arbeitsstab mit in die Berge und traf sich dort mit anderen Politikern in zwangloserer Umgebung. Er nutzte die inzwischen üblich gewordenen Sommer-Interviews auch überraschend für politische Weichenstellungen. Unvergessen bleiben Ankündigungen wie 1997 die, dass er 1998 noch einmal kandidieren wolle, obwohl alle davon ausgegangen waren, dass er Platz für Wolfgang Schäuble machen würde.

Die unübersehbare Präsenz des deutschen Kanzlers am Wolfgangsee hielt zwar die Österreicher nicht davon ab, hin und wieder gegen die "Piefkes" aus dem Norden zu stänkern, die ihre Alpenrepublik in der Ferienzeit heuschreckenartig heimsuchten. Aber der Beliebtheit des Landes tat das ebenso wenig Abbruch wie das Aufkommen rechtspopulistischer Tendenzen.

Nahziele Balkon und Garten

Als die FPÖ des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider 1998 an die Regierungsmacht kam, war Kohl in Deutschland gerade abgelöst worden. Damals allerdings wäre es auch schon nicht denkbar gewesen, dass Schröder in Österreich Urlaub gemacht hätte, gehörte doch die Bundesrepublik mit zu jenen, die in der EU am schärfsten gegen die Haider-Partei in Stellung gingen. Für Schröder war die Wahl des Urlaubsorts bisher immer unproblematisch: 1999 Italien, dann Spanien und im vergangenen Jahr Wahlkampf-bedingt: der eigene Garten in Hannover. Wie dieses Jahr auch.

Thomas Rietig