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Gasleck an Nordsee-Plattform: Betreiber bringt Spezialschiff in Stellung

Wie gefährlich ist das Gasleck auf der Nordsee-Plattform? Der Total-Konzern könnte nun Hightech gegen die drohende Katastrophe einsetzen. Greenpeace hat sich auf den Weg zur Plattform gemacht.

Gefährliches Gas von einer Nordsee-Plattform des Energiekonzerns Total strömt auch am dritten Tag nach der Entdeckung eines Lecks ungehindert ins Meer vor Schottlands Küste. Das französische Unternehmen habe dort das Überwachungsschiff "Highland Fortress" in Stellung gebracht, sagte ein Total-Sprecher. Das Schiff verfüge auch über ein ferngesteuertes Mini-U-Boot, mit dem Unterwasseraufnahmen gemacht werden können. Diese Technik sei aber bisher nicht zum Einsatz gekommen, sagte ein Total-Sprecher.

Die aus allen Konzernbereichen zusammengezogenen Experten berieten derzeit darüber, wie das Gas in den Griff zu bekommen sei. Infrage komme eine Entlastungsbohrung, die aber bis zu sechs Monate dauern könne. Auch ein sogenannter "Kill" mit einer Schlamminjektion komme in Betracht. Für welche Methode sich der Konzern entscheide, stehe aber noch nicht fest. Günstigstes Szenario sei, dass der Gasfluss aus mehr als fünf Kilometern Tiefe unter dem Meeresgrund von alleine versiege. Bisher seien rund 20 Tonnen Gas ausgetreten. Das Leck sei noch nicht genau lokalisiert.

Gasfilm auf 4,8 Quadratkilometern

Am Sonntag war an der Gasplattform 240 Kilometer östlich der Stadt Aberdeen ein Leck bemerkt worden worden. Umgehend brachte Total die 238 Arbeiter in Sicherheit. Tags darauf räumte der Shell-Konzern zwei benachbarte Plattformen. Die Küstenwache errichtete eine Sperrzone von drei Meilen für Flugzeuge und von zwei Meilen für Schiffe. Es hat sich auf 4,8 Quadratkilometern ein Film aus kondensiertem Gas auf dem Meer ausgebreitet.

Inzwischen haben sich Mitarbeiter der Umweltorganisation Greenpeace auf den Weg zur Unglücksstelle gemacht. "Es gibt eine Flugverbotszone, aber wir wollen so nah wie möglich herankommen und uns ein aktuelles Bild der Lage machen", sagte ein Sprecher in Hamburg. Zwei Kameraleute und ein Experte für die Themen Öl und Gas sind an Bord des kleinen Fliegers, der gegen Mittag an der schottischen Ostküste eintreffen sollte. Momentan sei schwer einzuschätzen, ob von Betreiberseite wirklich alles versucht werde, um die Situation unter Kontrolle zu bringen, betonte der Greenpeace-Sprecher. "Man muss immer alles hinterfragen, deshalb wollen wir uns selbst ein Bild vor Ort machen."

Wie gefährlich ist das austretende Gas?

Umstritten sind daher auch die konkreten Auswirkungen auf die Umwelt. Total hat bisher nicht die genaue chemische Zusammensetzung des austretenden Gases bestätigt. Es handele sich um eine entflammbare, potenziell explosive Kohlenwasserstoffverbindung, sagte der Sprecher. Umweltexperten befürchten, dass es auch hochgiftige Schwefelverbindungen enthält.

Während Umweltorganisationen erhebliche Schädigungen der Natur befürchten, stützt sich Total auf einen Bericht der staatlichen Umweltbehörde JNCC (Joint Nature Conservation Comittee), die keine Probleme für die Küsten Schottlands vorhersieht. Das Gas sei flüchtig und werde die Küste nicht erreichen.

Total-Aktienkurs auf Talfahrt

Die Plattformarbeiter hatten beim Verlassen der Insel am vergangenen Sonntag eine Flamme brennen lassen, mit der Gas abgefackelt wird. Dies sei absichtlich geschehen, sagte der Total-Sprecher. Die Flamme stelle derzeit keine Gefahr dar. Die Gaswolke und der auf dem Meer schwimmende Teppich eines Gas-Kondensats werde vom Westwind in die entgegengesetzte Richtung getrieben, sagte er. Die Windrichtung werde sich in den kommenden fünf bis sechs Tagen den Vorhersagen zufolge nicht ändern.

Unterdessen setzte die Aktie des Unternehmens ihre Talfahrt fort. Die Papiere rutschten am Mittwoch um bis zu 3,4 Prozent auf ein Drei-Monats-Tief von 37,26 Euro ab. Damit hat das gemessen an der Marktkapitalisierung größte Unternehmen der Euro-Zone binnen zwei Tagen 9,4 Prozent eingebüßt. Dies ist der größte Kursrutsch seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Seit Montag reduzierte sich der Börsenwert um 8,8 Milliarden Euro.

be/DPA/AFP / DPA