HOME

Atlantis der Nordsee: Doggerland war für die Menschen das Paradies der Steinzeit – bis ein Tsunami kam

Wo heute die Nordsee ist, lebten vor 8000 Jahren Menschen. Von Husum bis Dover erstreckte sich fruchtbares Land. Mit dem Abschmelzen der Eisschilde der letzten Kaltzeit kamen die Wellen. Jäger und Sammler kämpften mit dem Klimawandel.


Nordsee: Doggerland – das untergegangene Paradies aus der Steinzeit

"Doggerland" heißt die Landmasse, die vor etwa 8000 Jahren von einem Tsunami überspült wurde. Ein letzter Rest davon ist eine Untiefe in der Nordsee. Man kennt sie vom Seewetterbericht – es ist die "Doggerbank".

Die Menschen in dieser Geschichte sind Jäger, Sammler, Fährtenleser. Sie versuchen zu verstehen, wie der Menschheit eine ihrer größten Kulturleistungen gelungen ist: die Anpassung an dramatisch wechselndes Klima. Sie suchen eine Welt, die unwiederbringlich verschwunden ist. Beschwören ein Land, in dessen Mitte Themse und Rhein in einem riesigen See zusammenflossen. Die Menschen in dieser Geschichte suchen nach dem Herzen von Europa.

Es gab ein europäisches Paradies. Ein Land des Überflusses, der reichen Böden. Es ist untergegangen, vor mehr als 8000 Jahren. Hunderttausende Jahre lag es zwischen der Küste der britischen Grafschaft Suffolk und den Niederlanden. Dort, wo heute die Nordsee wogt, war Festland. Vor der letzten großen Eiszeit wanderten dort Mammutherden über die sanften Hügel einer ausgedehnten Steppenlandschaft. Auerochsen, Bisons und Wollnashörner grasten auf weiter Flur, umschlichen von Säbelzahnkatze, Höhlenlöwe und Riesenhyäne.

Steinzeitparadies

Nach der letzten Kaltzeit waren die großen Urzeittiere verschwunden. Nun zogen Hirsche und Kleinwild über die Ebenen. Je wärmer es wurde, desto höher stieg der Meeresspiegel. An den Ufern entstanden Sümpfe. Wo zuvor Kaltsteppe war, wucherte nun dichter Wald.

Kleine Gruppen von Jägern und Sammlern, die am Mittelmeer die Eiszeit überstanden hatten, durchstreiften die nörd­lichen Landschaften auf der Suche nach Beute. Erst brachte der steigende Meeresspiegel Fruchtbarkeit, dann Zerstörung. Das Steinzeitparadies wurde immer kleiner. Immer mehr Jäger und Sammler zogen sich in das heutige Großbritannien zurück. Die Vorfahren vieler Brexit-Wähler sind prähistorische Klimaflüchtlinge.

Die britische Schriftstellerin Julia Blackburn am Strand von Cove­hithe, Suffolk. Ihr Blick geht dorthin, wo vor Jahrtausenden Steinzeitmenschen Jagd auf Wildschweine und Wisente machten.

Die britische Schriftstellerin Julia Blackburn am Strand von Cove­hithe, Suffolk. Ihr Blick geht dorthin, wo vor Jahrtausenden Steinzeitmenschen Jagd auf Wildschweine und Wisente machten.

Mit fortschreitender Erderwärmung fluteten immer gewaltigere Wassermassen von den abschmelzenden Gletschern Nordamerikas an die Küsten Europas. Die Wucht der Wellen und der wachsende Druck von sich ablagernden Bodensedimenten setzten die Gestade großer Belastung aus. An der Küste Norwegens löste sich eine riesige Landmasse und stürzte in den Atlantik. So groß war dieser Brocken, dass er einen gigantischen Tsunami verursachte. Auf den Shetland-Inseln brachen sich mehr als 20 Meter hohe Wellen. In der Nähe des schottischen Inverness wurden Steinzeitmenschen an ihrem Lagerfeuer überrascht. Archäologen fanden dort eine prähistorische Feuerstelle, die mit einer 25 Zentimeter dicken Sand- und Kiesschicht bedeckt war.

Der Tsunami schwemmte die letzten Reste der Landbrücke zwischen Großbritannien und den Niederlanden hinweg. Das europäische Jäger-und-Sammler-Paradies war untergegangen. Archäologen nennen die versunkene Welt "Doggerland".

Die britische Schriftstellerin Julia Blackburn wandert mit weit ausholenden Schritten hinunter zum Meer. In der Ferne zeichnen sich Baumskelette vor dem golden leuchtenden Strand von Cove­hithe ab. Das hier ist Großbritannien. Noch immer Europa. Man soll es kaum glauben. Dieser Streifen lehmiger Steilküste ist eine Fundgrube für Fossilienjäger. Immer wieder blitzen Überreste einer untergegangenen Welt zwischen den Strandkieseln auf. Im Mittelalter war Covehithe ein prosperierender Hafen. Doch die einstige Pracht ist weggespült. Vom ehemaligen Glanz zeugen heute nur noch die Ruinen der mächtigen Kathedrale. Der Ort hat mit die höchste Erosionsrate Großbritanniens. Mensch und Wasser, eine Wechselbeziehung von Wertschöpfung und Zerstörung.

Zielstrebig steuert Julia Blackburn auf einen schwarzen Klumpen im Sand zu. Bückt sich nieder, drückt ihre Finger in schmatzenden Torf und sagt triumphierend: "Ein Stück Doggerland." Verrottete Wälder, Farne und Büsche aus dem untergegangenen Steinzeitparadies. Konserviert in den Tonschichten auf dem Meeresboden, von den Gezeiten freigespült und an Land geworfen.

Das klare Licht lässt die bröckelnde Lehmküste von Covehithe in sanften Ockerfarben erstrahlen. Schicht um Schicht türmen sich am Steilufer die Epochen aufeinander. Abbruchkante der Zeit. Davor liegt das Meer wie eine graue Folie. Blackburn schaut über die weite Nordsee und sagt: "Schmutzig und grau wie immer. Sieht solide aus. Man hat das Gefühl, man könnte drüberlaufen."

Rekonstruktion eines Kontinents

Hinüber in das Land, aus dem ihr Ehemann kam, der niederländische Bildhauer Herman Makkink. Nachdem er 2013 verstorben war, begann sie, über Doggerland zu recherchieren. Versuchte, den verlorenen Kontinent zu rekonstruieren. So oft war das Paar zwischen Suffolk und den Niederlanden hin- und hergereist. Wenn es ihr jetzt gelang, dieses Atlantis wiederauferstehen zu lassen, dann wäre es vielleicht auch möglich, mithilfe reiner Fantasie eine Brücke über den Styx zu erschaffen.

Schädel eines Mammutbullen

Schädel eines Mammutbullen

Hoch oben über der Klippe erscheint ein Traktor. Ein Bauer pflügt haarscharf an der Kante der Steilküste entlang. Bloß kein Ackerland ungenutzt lassen. Maximale Rendite. Wachstum, Wachstum, Wachstum. So machen es alle Bauernkulturen, seit sie die Jäger-und-Sammler-Gesellschaften vor etwa 12.000 Jahren abgelöst haben.

Diese größte aller Kulturwenden in der Geschichte der Menschheit fällt zusammen mit dem langsamen Untergang von Doggerland. Mit steigendem Wasserspiegel begann die Ära derer, die sich die Erde untertan machten; derer, die immer bis knapp zur Abbruchkante pflügen. Und nun droht wieder die Flut. Aber diesmal, weil wir schon zu lange zu nahe an der Kante pflügen.

Von Doggerland habe er schon einmal gehört, sagt der Bauer in seiner Kaffeepause. Natürlich hätte er nichts dagegen, wenn es noch existierte. Schließlich gäbe es dann mehr Land zum Pflügen. Fünf Meter pro Jahr verlieren sie hier durch Erosion. Zu einem leidenschaftlicheren Europäer mache ihn das Wissen um Doggerland allerdings nicht. Klar, gegen eine engere Verbindung mit den Niederlanden oder Dänemark hätte er nichts. Aber mit Griechenland möchte er lieber nicht allzu viel zu tun haben.

Blackburn schüttelt den Kopf. Sie verzweifelt am Brexit. Doch dann wendet sie sich wieder dem Meer zu und wird ruhig. "Ich liebe es hier“, sagt sie. "Hier gibt es nichts zu sehen. Du meditierst. Und dann findest du: ein Stück Torf, ein Fossil, ein prähistorisches Werkzeug aus Doggerland. Plötzlich siehst du die Vergangenheit aufblühen. Wie in einer Erleuchtung."

Mammuthüftpfanne

In ihrem jüngsten Buch "Timesong: ­Searching for Doggerland" (bislang nur auf Englisch erhältlich) lässt die Autorin die ganze versunkene Welt wiederauferstehen. Dafür hat sie Archäologen interviewt, sich von Kuratoren Museumsschätze zeigen lassen und hat Fossiliensammler besucht. "Ich habe versucht, die lineare Zeit zu durchbrechen. Sie ist nichts als ein künstliches Konstrukt", sagt Blackburn. "Wir schauen immer in die Zukunft. Aber die Steinzeitmenschen schauten zurück in ihre Vergangenheit, um einen Sinn für Ewigkeit zu bekommen. Das wissen wir aus ethnologischen Studien von ursprünglichen Jäger-und-Sammler-Kulturen wie den Netsilik-Inuit in der Arktis. Nicht in die Zukunft schauen, sondern in die Unendlichkeit der Vergangenheit: Das ist es, was wir von diesen Jägern und Sammlern lernen können."

Mammut-Experte Dick Mol im Ausstellungsraum von North Sea Fossils im niederländischen Urk

Mammut-Experte Dick Mol im Ausstellungsraum von North Sea Fossils im niederländischen Urk

Blackburn selbst ist Jägerin und Sammlerin. Durchstreift stundenlang die Küsten ihrer Heimat Suffolk auf der Suche nach Fossilien. Und jedes Mal, wenn sie ein bedeutsames Objekt in den Händen halte, sagt sie, zerreiße der Zeitschleier, und sie verspüre eine Ahnung von Unendlichkeit. Werde eins mit der Welt. Und mit Herman, ihrem verstorbenen Mann.

Blackburn lebt in einem kleinen Holzhaus etwa 16 Kilometer entfernt von der Küste. Es ist eine einzige Wunderkammer. Neben WLAN-Router und Obstschale liegen eine Mammuthüftpfanne und mehrere Faustkeile. Immer wieder treibt es sie an Orte, die den Menschen eingebettet zeigen in die großen, urzeitlichen Zusammenhänge.

"Wir brauchen eine neue Demut", sagt sie. "Jede Klimaumwälzung ist stärker, als wir es uns je vorstellen können. Der Tsunami, der Doggerland hinweggespült hat, beweist, dass Klimaveränderungen ganz ungeahnte Folgen haben. Als das Wasser in Doggerland stieg und stieg, wuchs auch die Gewalt. Archäologen finden aus dieser Zeit verstärkt Spuren von Konflikten: Immer mehr Menschen wurde der Schädel zertrümmert. Die Ankunft der Klimaflüchtlinge aus Doggerland führte zum Kampf um Ressourcen auf jenem Gebiet, das heute Großbritannien ist. Das Essen wurde knapp. Die Landschaft wurde unheimlich: Skelette ertrunkener Bäume, stinkende, düstere Sümpfe. Aus dieser Zeit findet man immer mehr rituelle Opfergaben in den Böden. Die Menschen haben versucht, die unheimlichen Mächte der Erde zu besänftigen."

Wir lassen Julia Blackburn für einen Moment zurück an der Küste von Suffolk, wo sie sich auf die Jagd nach Millionen Jahre alten Haifischzähnen macht. Wortlos marschiert sie über den glitschigen Ton und verschwindet in der Ferne, den Blick gesenkt, immer auf der Suche nach der Erleuchtung, die etwas Licht bringen könnte ins Gefängnis der Zeit.

Über die Nordsee nach Urk

Bevor wir Blackburn wiedersehen werden, machen wir einen Abstecher ans östliche Ende von Doggerland, einmal über die Nordsee, ins niederländische Urk. Das malerische Fischerdorf war einst eine von Fluten und Hochwasser bedrohte Insel, bevor das gesamte Umland durch das riesige Deich- und Pumpwerksystem Zuiderzeewerke trockengelegt wurde. Anders als in Doggerland haben die Menschen hier den Kampf gegen das Wasser gewonnen. Bis jetzt.

Die Küste von Covehithe in Suffolk hat eine der größten Erosionsraten Großbritanniens. In den Erdschichten finden sich zahllose Zeugnisse aus der europäischen Vorgeschichte.

Die Küste von Covehithe in Suffolk hat eine der größten Erosionsraten Großbritanniens. In den Erdschichten finden sich zahllose Zeugnisse aus der europäischen Vorgeschichte.

Vor einer Lagerhalle im Industriebezirk von Urk sitzt ein Mann im Blaumann und poliert mit einem Elektroschleifer einen Mammutstoßzahn. Das Fossil wurde erst kürzlich aus der Nordsee gefischt. Orange, ocker und weiß leuchtet 30.000 Jahre altes Elfenbein in der Sonne. Feiner Knochenstaub umhüllt das bärtige Gesicht des Mannes. In der milden Luft hängt ein Duft von verbranntem Horn.

Der bärtige Mann war früher Fischer und arbeitet heute für das Unternehmen North Sea Fossils. Seit über hundert Jahren ziehen holländische Fischer immer wieder Fossilien aus dem Meer. In ihren Schleppnetzen verfangen sich die Relikte aus Doggerland. Seit nun schon mehr als 20 Jahren kaufen die Fossilienjäger von North Sea Fossils den Fischern ihre Fun de ab. Gehen morgens früh an den Hafen und schauen, was sich in den Netzen gefangen hat. Kaufen kistenweise Knochen. Identifizieren die Funde, bereiten sie auf. Die wissenschaftlich interessanten Knochen gehen an Museen, der Rest an private Käufer. Ein Mammutstoßzahn kostet hier bis zu 12.000 Dollar.

Dick Mol ist Partner und Berater von North Sea Fossils. Im Hauptberuf arbeitet er beim Zoll am Amsterdamer Flughafen Schiphol, doch seine Leidenschaft gilt den Fossilien. Seit seiner Kindheit sammelt er. Er ist immer Amateur geblieben, hat sich jedoch in all den Jahren zu einem der weltweit größten Mammut-Experten entwickelt. Seit Jahrzehnten untersucht er die Nordseefunde. Kaum ein Forscher hat so viel von Doggerland gesehen wie Dick Mol.

Mit energischen Gesten pflügt er durch die Jahrtausende. Mol betrachtet Doggerland im Lichte der globalen Klimaverschiebungen. "Vor Millionen Jahren war West- und Mitteleuropa so etwas wie die Serengeti des Nordens", sagt er. Im Durchschnitt war es damals etwa drei Grad wärmer als heute. Flüsse wie Themse, Rhein und Maas strömten in Doggerland zu einem riesigen See zusammen. Der hatte sein Delta im Süden der heutigen Nordsee.

Säbelzahnkatze

Dick Mol ist ein bulliger Kerl mit dem Händedruck eines Ringers. Jahrzehntelang hat er die Hubkraft seiner Vorstellung an der Megafauna der Urzeit trainiert. Er sagt: "Wenn man sich an dieses Delta gesetzt hätte, hätte man riesige Herden von Mammuts sehen können, die hierherkamen, um ihren Durst zu löschen." Sofort spürt man bei ihm so eine Sehnsucht, den Boden mal mammutmäßig wackeln zu lassen. Er spricht fließend Deutsch. Die Worte "Durst löschen“ klingen bei ihm wie das Rauschen einer mächtigen Stromschnelle. "Bis zu 300 Liter Wasser brauchten die Grasfresser am Tag", fährt er fort. "Hob man den Blick, konnte man am Horizont ein Flusspferd beobachten. Und plötzlich taucht eine Säbelzahnkatze auf. Langsam schleicht sie sich an, um ein Jungtier von der Mammutherde wegzutreiben und zu töten."

2016 spülte die Nordsee in der englischen Grafschaft Northumberland einen uralten Doggerland-Wald frei. Die Stämme waren von schützenden Torf- und Sandschichten konserviert worden.

2016 spülte die Nordsee in der englischen Grafschaft Northumberland einen uralten Doggerland-Wald frei. Die Stämme waren von schützenden Torf- und Sandschichten konserviert worden.

Mols Augen leuchten auf. In seinem Gebiss blitzen hin und wieder Goldspangen, die einige seiner Zähne halten. Die sehen dann aus wie die kostbaren Elfenbein-Exponate im Ausstellungsraum von North Sea Fossils.

Mol skizziert die großen Klimaumwälzungen: "Vor 50.000 Jahren verwandelte sich die Savanne in einen riesigen Steppengürtel, der von Alaska über die Beringstraße, Russland und Nordeuropa bis hinüber nach Schottland verlief. Mammutherden, Auerochsen und Steppenrinder durchwanderten diese Grassteppe. Es war trocken, kalt und baumlos. Am ehesten ähnelt diese Landschaft den Steppen des heutigen Kasachstan."

Der Grasgürtel war ein riesiger Mammut-Highway, über den Millionen von Tieren zogen. Dick Mol und seine Partner haben Abertausende Skelettteile aus der Nordsee gefunden.

"Vor etwa 30.000 Jahren wurde es dann sehr viel kälter", sagt Mol. Doggerland verwandelte sich in eine Polarwüste. Vor 11700 Jahren wurde es schließlich dramatisch wärmer. Die Erde kam näher an die Sonne. Weltweit stieg der Meeresspiegel um über 100 Meter. Es entstand eine vollkommen neue Geografie. Das Meereswasser verdampfte im erwärmten Klima und kam als Niederschlag herab. Die kahlen Steppen von Doggerland verwandelten sich in dichte Wälder.

Alltag in Doggerland

Die Menschen folgten ihrer Jagdbeute von Süden nach Norden: Elch, Rothirsch, Reh, Wildschwein, Otter und Biber. Von all diesen Tieren finden sich Überreste in den bunten Plastikkisten von North Sea Fossils.

Dick Mol hat den Alltag in Doggerland genau vor Augen: "Wir sehen eine kleine Gruppe von Männern. Unsere Vorfahren aus dem Mesolithikum. 10.000 Jahre vor unserer Zeit. Sie tragen ein Wildschwein ans Ufer des Ur-Rheins. Nahe am Wasser zerlegen sie das Tier. Nach getaner Arbeit waschen sie sich im Fluss. Dann tragen sie das Fleisch in ihr Lager. Sie wohnen in Hütten, die mit Tierhäuten ausgekleidet sind. Hier leben Gruppen von etwa hundert Menschen miteinander. Hier stellen sie ihre Werkzeuge aus Feuerstein her."

Der Archäologe Bob Mutch in seinem Haus in Pakefield, Großbritannien

Der Archäologe Bob Mutch in seinem Haus in Pakefield, Großbritannien

Dick Mol hat viele ihrer Werkzeuge aus Feuerstein gefunden. "Diese Jäger und Sammler waren sehr geschickt", sagt er. "Man kann ihre Steinkeile sofort unterscheiden von Werkzeugen aus früheren Epochen. Sie sind kleiner und raffinierter als die Faustkeile von Neandertalern. Man kann mit ihnen sehr gut Fleisch zerteilen.“

Mol bekommt jetzt langsam Hunger. Doch bevor wir frischen Matjeshering essen gehen, muss noch der Ursprung von Mols wertvollstem Schatz erzählt werden. Er richtet sein inneres Auge auf das Lager im Mesolithikum und hebt an: "Am Feuer sehen wir einen älteren Herrn. Er schärft Feuersteine. Gleich neben ihm sitzt ein junger Mann. Vor einigen Tagen hat er ein Geweih gefunden, das ein Rothirsch abgeworfen hat. Nun stellt er aus den Geweihsprossen Pfeilspitzen für Harpunen her. Damit wird er später fischen gehen. Plötzlich sticht dem jungen Jäger ein besonders wohlgeformtes Geweihstück ins Auge. Er poliert es mit Sand. Dann nimmt er einen seiner scharfen Feuersteine zur Hand und verziert das Geweih mit kleinen, regelmäßigen Ritzungen. Nachdem er seine Arbeit vollendet hat, steht er auf, geht hinüber zu einer schönen Frau und schenkt ihr sein Kunstwerk."

8500 Jahre später entdeckten die Männer von North Sea Fossils das verzierte Hirschgeweih in einer Kiste bei den Fischern am Hafen. Es gilt als eines der ältesten Kunstwerke der Niederlande.

In den vergangenen Jahren konnten Forscher mithilfe von Ultraschallaufnahmen des Nordseegrundes die Geografie von Doggerland genau bestimmen. Dank Meeresbodenkarten und archäologischen Funden kann man sich heute ein gutes Bild vom Leben im Steinzeitparadies machen. Doggerland wies weite grüne Ebenen und bewaldete Hügel auf. Die fruchtbare, wildreiche Landschaft war von Flüssen durchzogen, die in Seen oder geschützte Meeresbuchten mündeten. Die Flüsse waren die Lebensadern der Steinzeitmenschen. An ihren Ufern lebten sie in Zelten oder Hütten. In grob behauenen Einbäumen gingen sie auf Fischfang und paddelten über die Wasserstraßen, um benachbarte Stämme zu besuchen und Handel mit ihnen zu treiben. An den Flussufern sammelten sie Beeren und Haselnüsse. Hier fanden sie auch Schilf, aus dem sie ihre Körbe und Reusen flochten. Aus Geweih, Knochen oder Stein fertigten sie scharfkantige Spitzen für ihre Holzspeere. Zur Beschleunigung dieser Waffen erfanden die Jäger eine Speerschleuder, mit deren Hilfe der Wurfarm verlängert wurde. So erreichten die Speere eine Geschwindigkeit von bis zu 150 km/h. Derart ausgerüstet, gingen die Doggerländer in den üppigen Wäldern auf Rentier- und Wildschweinjagd. Knochenfunde in der Nordsee belegen, dass sie manchmal sogar einen massigen Wisent erlegen konnten. Ihre Beute garten die Jäger über dem Feuer. Das soziale Leben der Doggerländer war weit entwickelt: Man trug Schmuck und begrub seine Verstorbenen. Als der Tsunami Doggerland wegspülte, stand hier die Steinzeitzivilisation der Jäger und Sammler in höchster Blüte.

Drei Versehrte auf der Jagd

Zurück in Suffolk. Immer wieder sind es Amateure, die mit ihren Funden die Geschichte der Archäologie neu schreiben. Einer von ihnen ist Bob Mutch. 2001 entdeckte er zusammen mit seinen Freunden Paul Durbridge und Adrian Charlton uralte Faustkeile am Strand von Pakefield in Suffolk, nur wenige Kilometer entfernt von Julia Blackburns Zuhause. Es war eine Sensation. Die Werkzeuge bewiesen, dass schon vor 700.000 Jahren steinzeitliche Pioniere auf englischem Boden siedelten – 200.000 Jahre früher als gedacht.

Es waren nicht zuletzt Mutchs lebendige Erzählungen, die Julia Blackburn dazu bewogen haben, ihr Buch über Doggerland zu schreiben. Zusammen besuchen wir den Archäologen.

Bob Mutch wohnt mit seiner Frau in einem Reihenhaus in Pakefield. Im Windfang lebt ein einsames Kaninchen. Sein Kaninchen-Partner ist vor Kurzem erst gestorben. Im Haus buhlt ein Hund um Aufmerksamkeit. Bob sitzt in einem Sessel in einem überheizten Wohnzimmer. Er ist sehr krank, kann sich kaum bewegen. Doch sobald er von seinem Fund erzählt, scheint er aus seinem geschundenen Körper herauszutreten. Vorgebeugt stützt er sich auf seinen handgeschnitzten Krückstock aus irischem Weißdorn und taucht in Strandabenteuer, für die er heute zu schwach ist. Er erinnert sich an die Zeit, als er noch runter ans Meer konnte. Als er mit seinen Freunden auf die Jagd nach Zeugnissen aus der Steinzeit ging. Der muskelkranke Bob, der krebskranke Paul und der Autist Adrian. In der Gegenwart mochten die drei Freunde vielleicht hinken, stolpern und straucheln. Aber niemand bewegt sich so geschmeidig durch die Vergangenheit wie sie.

Die drei Versehrten waren ein unschlagbares Team. Bob hatte das beste Gespür für interessante Sammelgebiete. Schon als Junge hatte er die Küste zwischen Cove­hithe und Pakefield auf der Suche nach Fossilien durchstreift. Paul hingegen war der Wissenschaftler des Teams. Niemand wusste die Funde so gewissenhaft zu dokumentieren wie er. Und Adrian besaß ein geradezu fotografisches Gedächtnis. Konnte Paul wegen Kälte und Nässe die Fundorte nicht mit seiner Kamera festhalten, musste Adrian einspringen: Legten sie im Pub ihre Funde auf den Tisch, wusste er sofort, welches Fragment von welchem Strandabschnitt stammte. Außerdem besaß niemand ein so zuverlässiges Auge wie er. Er schien ein inneres Sonar für archäologische Schätze zu haben.

Bob Mutch erinnert sich genau an den Tag, als sie die Werkzeuge entdeckten: "Da, wo wir die Faustkeile gefunden haben, war vor Hunderttausenden von Jahren ein Flussufer. Heute ist dort alles voller Müll. Dort machst du dich also auf die Suche. Und bekommst durch reinen Zufall einen Schnappschuss von diesen Jägern und Sammlern, die dort vor 700.000 Jahren gelebt haben."

"Fun, fun, fun"

Mutch fährt fort: "Einer von ihnen sitzt dort am Strand von Pakefield und macht seine Werkzeuge. Das wissen wir, denn neben den Faustkeilen haben wir auch noch den Steinblock gefunden, aus dem sie herausgeschlagen worden sind. Alles lag noch an derselben Stelle, wo der Jäger es hat fallen lassen. Die Werkzeuge waren unbenutzt. Daraus können wir schließen, dass dieser Jäger durch etwas aufgeschreckt worden sein muss. Etwas Furchtbares. So schrecklich, dass er seine wertvollen Werkzeuge liegen gelassen und die Flucht ergriffen hat. Ein Löwe, Bär oder eine Hyäne wird ihn überrascht haben. Mit seiner Steinklinge hatte der Jäger keine Chance gegen diese Tiere."

Bob hat inzwischen seine gesamte Sammlung an das örtliche Museum gegeben. Nur drüben im Windfang bei dem einsamen Kaninchen bewahrt er noch eine einzelne Tupperdose auf. Darin ist ein großer brauner Mammutknochen.

Das größte Rätsel der Archäologie ist für Bob Mutch die Frage, warum seine europä­ischen Pioniere über die Alpen und die Pyrenäen bis in den Norden kamen. "Was hat sie angetrieben?“, fragt er. "Warum kamen sie ans Ufer eines kleinen Flusses in Pakefield? Bevölkerungsprobleme existierten damals noch nicht.“ Für Bob gibt es keinen anderen Grund als Neugier. Der Antrieb, der ihn noch immer runter an den Strand führen würde – wenn er noch laufen könnte.

Julia Blackburn führt uns an jenen Ort, wo vor 700.000 Jahren ein Urzeitpionier seine Werkzeuge bei der Flucht fallen ließ. Heute befindet sich dort eine Feriensiedlung der Tourismus-Kette Pontins. Das Unternehmen wurde Ende der 40er Jahre gegründet, um der Arbeiterklasse bescheidene Fluchten aus ihrem Alltag zu verkaufen. Auf dem Schild am Eingang verkündet ein fröhliches Comic-Krokodil das Motto des Ferienparks: "Fun, fun, fun."

Die verwitterten Ferienbaracken sind von den Zeitläufen so gebeutelt wie die Menschen, die in ihnen "fun, fun, fun" haben sollen. Auf der Bühne einer riesi gen Veranstaltungshalle sitzt ein junger Moderator und heizt dem Saal für ein Quizspiel ein. Er schreit, als müsste er Tausende von tobenden Wrestling-Fans im Zaum halten. Dabei sitzen an den Tischen nur ein halbes Dutzend Rentner. Während der Moderator versucht, "fun, fun, fun" zu verbreiten, erklären sich die Rentner ein­ander aufgeregt die Spielregeln.

Nebenan lockt ein Automatenraum mit kostbaren Relikten der Gamer-Kultur aus den 80er Jahren. Zwei tätowierte Männer reparieren ein Groschengrab, stecken dabei bis zu den Armen in Geldstücken und wühlen darin herum, als vermuteten sie irgendwo auf dem Boden ein kostbares Fossil.

"­Jungle Blasta"

Draußen, wo vor Tausenden von Jahren die Fauna von Doggerland umherschlich, befindet sich ein Zoo – kein echter, sondern einer mit Löwen, Rhinozeros und Nilpferd aus Plastik. "Füttern verboten" steht auf einem Schild.

Julia Blackburn streift mit dem Blick einer amüsierten Anthropologin über das Gelände und bleibt vor ausgeblichenen Spielgeräten stehen: "Sieht aus wie die Zeugnisse eines fremden Kultes“, sagt sie. "Das hier ist das Endstadium der Bauernkultur, die mit dem Untergang von Doggerland begann: anbauen, ernten, sparen. Und über allem schwebt die Idee, dass Freizeit das Beste ist. Das hier ist ein Tempel. In hunderttausend Jahren wird man sich vielleicht fragen, wer ihn erschuf. Welcher seltsamen Zivilisation er wohl angehört hat. Und welchen seltsamen Göttern er gehuldigt hat. So, wie man hölzerne Strukturen aus Doggerland gefunden hat, von denen man auch nicht weiß, was es war."

Vor dem Schwimmbad, das hier "H2O-Zone“ heißt, steht ein Ballerspiel. Für ein Britisches Pfund kann man aus einem beweglichen Elefantenrüssel auf Plastiktiere in einer bunten Urwaldkulisse schießen: Löwe, Elefant, Affe. Das Spiel heißt "­Jungle Blasta".

Nicht weit von der Stelle, wo Bob Mutch die Werkzeuge von einigen der ersten Pioniere auf britischem Boden fand, steht ein Mülleimer in Gestalt eines roten Plastikpinguins. In seinem gelben Schnabel verrottet eine Zigarettenkippe.

Jungle Blasta, Groschengrab, Plastikpinguin. Wachstum, Wachstum, Wachstum. Und als Lohn zehn Tage Vollpension im modrigen Ferienpark. Dafür sollen 700.000 Jahre Zivilisation gut gewesen sein?

Das darf nicht alles gewesen sein.