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Angebliche "Gefahr von Rechts": Apothekenblatt warnt vor blonden Mädchen mit Röcken

So schlimm wie Rassisten, die sich fremdenfeindlich verhalten und äußern, sind auch alle anderen, die Menschen pauschal verurteilen. So geschehen in einem Apothekenblatt, das vor einigen Monaten vor vermeintlich rechten Familien warnte.

Artikel aus Baby und Familie

Der Artikel in dem Apothekenblatt "Baby und Familie" erschien in einer Ausgabe vor etwa sieben Monaten.

rückt nach rechts, das Problem ist bekannt. Rassisten verbreiten ihre fremdenfeindlichen Äußerungen nicht erst seit der jüngsten Flüchtlingskrise, seitdem aber wieder etwas lauter und häufig in ihren eigenen, mittels sozialen Netzwerken erschaffenen Filterblasen. Der Satzanfang "Ich bin kein Nazi, aber [...]" ist zur Phrase geworden, mit der sich eine ganz neue Bevölkerungsschicht ausdrückte: Menschen, die sich selbst nicht als rechtspopulistisch - oder noch weiter von der politischen Mitte entfernt - betrachten, die sich trotzdem auf montäglichen Pegida-Demonstrationen wiederfanden, gegen Kriegsflüchtlinge wettern und AfD wählen.

Diese Problematik scheint das Apothekenblatt "Baby und Familie" erkannt zu haben. Die Redaktion der auflagenstarken Schrift sah den Handlungsbedarf - und handelte denkbar schlecht. "Gefahr von rechts" ist ein Text überschrieben, der Familien mit jungen Kindern warnen soll: warnen vor diesen "kein Nazi, aber"-Leuten. Rechts sind heute längst nicht mehr nur Menschen, die sich durch Glatze und Bomberjacke offen zu erkennen geben (Männer, wie das Blatt zusammenfasst), so der Tenor. Der Artikel erschien in einer Ausgabe vor gut sieben Monaten, die Geschichte tauchte jüngst durch eine Verlinkung im Internet wieder auf.

Was stand da also? Der Text war eingeleitet mit den Worten: "Rechtsextremismus. Das Wort schürt Angst. Und man denkt an brennende Flüchtlingsunterkünfte, Männer mit rasierten Köpfen oder auch an die Verbrechen der NSU. Mit Frauen, Familien oder Kindern verbindet man ihn dagegen selten und genau darin besteht die große Gefahr." Während dieser Tenor noch zu rechtfertigen wäre, so sind es die pauschalen Zuschreibungen und Vorverurteilungen, die folgen, keineswegs mehr.


Mädchen mit Zöpfen und langen Röcken? Oje!

Die "Baby und Familie" will schließlich nicht vage bleiben, sondern handfeste Tipps liefern für Eltern, die weltoffen und gut sind. Da braucht es schon ein paar eindeutige Hinweise. Schließlich schicken die ihre Kinder täglich in die Kindertagesstätte und in die Schule, wo sie Umgang haben mit einem unübersichtlichen Menschenpulk. Wie sind die gefährlichen Frauen und Kinder denn zu erkennen, die den eigenen Nachwuchs in dessen Alltag umgeben und beeinflussen können? Die Redaktion hat eifrig Attribute gesammelt: "unauffällig, blond, nett, engagiert" - das sind laut dem Text Erkennungsmerkmale für Rechtsextreme und deren Kinder.

Dazu wurde offenbar sogar eine "Soziologin und Rechtsextremismus-Forscherin an der Frankfurt University of Applied Sciences" befragt. Die warnt: "Erstmal sind sie nett und engagiert" - das Gefährliche bei rechtsradikalen Eltern sei jedoch, dass sie gerne Ämter im Elternbeirat oder in ähnlichen Gremien übernähmen. Das Äußere der Kinder der vermeintlich Rechten erscheint der Redaktion von besonderer Bedeutung. So wird im Text doch tatsächlich vor Mädchen mit "akkurat geflochtene[n] Zöpfe[n] und lange[n] Röcke[n]" gewarnt. Das sei bereits ein Warnsignal und "Hinweis auf rechte Eltern". 

Kennzeichen: keine amerikanischen Marken

Eine Rechtsextremismus-Forscherin lenkt ein: Jemand, "der sich damit nicht auskennt", werde diese subtilen Anzeichen allerdings nicht unbedingt bemerken. Umso wichtiger, dass ein weit verbreitetes Apothekenmedium vor blonden Mädchen mit Röcken warnt. Außerdem, so heißt es weiter, trügen die rechter Eltern "vielleicht bestimmte Kleidermarken". Ein Kennzeichen, das ernsthaft genannt wird: keine amerikanischen Schriftzüge auf der Kleidung. 

Dann gibt die Redaktion aber doch zu: "Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als Kinder anderer Eltern." Eine Leiterin einer Fachstelle Gender und der Amadeu Antonio Stiftung lässt das Blatt erklären: "Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind". Auch brave Kinder scheinen also nicht das zu sein, was sie einmal waren.

In Acht nehmen sollte man sich wohl weniger vor Mädchen mit Mädchenfrisuren. Stattdessen eher vor Texten voller Vorverurteilungen. Übrigens: Rassisten können jede erdenkliche Haarfarbe (oder eben eine Glatze!) und die unterschiedlichsten Pässe haben. Dennoch sollten Ihre Kinder auch weiterhin mit Mädchen mit Zöpfen spielen dürfen.

jen