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In eigener Sache: Macht und Muffensausen

Der Ton in Redaktionen war und ist rau. Es gibt Herrenwitze und Anzüglichkeiten. Und manchmal vergreift sich einer.

In eigener Sache: stern-Autorin Ulrike Posche

In eigener Sache: stern-Autorin Ulrike Posche

Lange bevor sich die Zeiten änderten und das Hashtag erfunden war, begann ich beim . Das Ressort hieß offiziell "Erziehung und Gesellschaft". Redaktions-intern firmierte es jedoch unter dem griffigen Namen "Strick und Fick". Man ahnt, es ging um Frauenfragen und Sexualität. Gedöns eben.

Ich war 29. Nach der Wende wechselte ich ins Politikressort. Bei der Vorstellung im damals noch Bonner Parlamentsbüro fragte mich dessen Leiter: "Warum kommen Sie nicht zu uns? Sie als Frau haben hier doch ganz andere Recherchemöglichkeiten." Ich verstand schnell, was er meinte.

Als ich kurz darauf einen jungen -Ministerpräsidenten in seinem Amtszimmer interviewen sollte, fragte der als Erstes, ob ich Kinder hätte. Als ich verneinte, rief er fröhlich ins Vorzimmer: Frau Müller, machen Sie mal kurz die Tür zu, Frau Posche will ein Kind!" Ich fürchte, ich habe das damals witzig gefunden.

"Ich verstecke Fotos in meinem Giftkoffer"

Ein anderer SPD-Ministerpräsident schlug mir 1994 auf einem Sommerfest unseres Büros vor, schnell mal mit ihm in seine Landesvertretung zu verschwinden, "ich hab da auch Champagner". Ich wollte lieber auf der Party bleiben, er war beleidigt, umstehende Kollegen vom "Spiegel" amüsierten sich.


Einer meinte: "Jetzt hättest du mal richtig Karriere machen können!" Auf -Parteiabenden tanzte ich zu jener Zeit völlig arglos mit CDU-Ministern und verstecke bis heute Fotos, die es davon gibt, in meinem Giftkoffer. Vielen von uns jüngeren Journalistinnen wurde damals aufgetragen, "möglichst nah an die Politiker ranzukommen". Tanzen war ziemlich nah.

Als 1996 herauskam, dass der angehende Kanzlerkandidat Gerhard Schröder sich in eine ""-Redakteurin verliebt hatte, fragte mich mein Chefredakteur in vollem Ernst, warum er mich so oft über Schröder habe schreiben lassen, wenn nun eine "Focus"-Redakteurin das Rennen machte!

Keine Ahnung, ob er meine als Entschuldigung nahm oder eher als Ausrede. Ich habe ein Foto von einer Dienstreise mit einem Minister gefunden, auf dem seine Hand auf meinem Knie liegt, während ich gewissenhaft aufschreibe, was er sagt. Ich finde jedoch auch heute nicht, dass ein Minister zurücktreten muss, weil er irgendwann einmal einer Journalistin die Hand aufs Knie gelegt hat. Vieles an der aktuellen Debatte erscheint mir überzogen. Wir sind deshalb doch keine Opfer!

Auch Kolleginnen berichteten von Sexismus

Auf der Recherche für ein Porträt über einen ehemaligen DDR-Minister stand dieser nachts vor meiner Hoteltür im ehemaligen Berliner Grand Hotel. Ich verschanzte mich. Anderntags fragte er mich und meine Fotografin im Fond seines Dienstautos, ob wir nicht einmal mit ihm in seine Sauna kommen wollten – er habe übrigens "drei Eier". Damals hatte ich zum ersten Mal Muffensausen bei der Arbeit und wandte mich an meinen Chefredakteur mit der Bitte, etwas gegen den bekanntermaßen Testosteron-gesteuerten Mann zu unternehmen. Der Chef gab sich väterlich: "Ganz ehrlich, es hat euch doch auch ein bisschen geschmeichelt, oder nicht?" Aus den anderen Häusern und Redaktionen erzählten mir Freundinnen über die Jahre ihre Erlebnisse.


Alle unrühmlichen Geschichten ähneln einander. Vom berüchtigten "Kameltester" bei der "Zeit" war viel die Rede, einem alten Redakteur, der beinahe jede Praktikantin nötigte. Vom Fernsehchef bei RTL, der Frauen in den Schritt griff und fragte: "Wie geht es uns denn heute?" Bei den hipperen Hamburger Magazinen wurden Frauen häufig nach dem Aussehen eingestellt, oder wie ein Chefredakteur erklärte, als "Augentrost". Einer Redakteurin sagte sein Stellvertreter: "Du sollst hier nicht nur schön schreiben, sondern auch schön mit mir ficken." Wie gesagt, es hatte den Fall der damaligen stern-Reporterin Himmelreich noch nicht gegeben und die große Protestwelle, die Rainer Brüderles Dirndl-Spruch nach sich zog, auch nicht. Ich kann an dieser Stelle nur betonen: FDP-Mann Brüderle war nie einer von den Schlimmen. Ein Sprüchemacher, kein Nötiger. Aber sein Fall hat vieles verändert. Leider nicht alles.

"Nicht mit feuchtem Höschen schreiben"

Eine Fernsehmoderatorin erzählte neulich, wie ihr der Redaktionsleiter in die laufende Sendung hinein Nachrichten geschickt hat: "Du siehst heute wieder sooo geil aus!" Das Verrückte sei: Ihre Reaktion war nicht Wut, sondern Scham. Ihr war es peinlich, nicht ihm. Ich verstehe das gut.
In einer stern-Telefonkonferenz vor zwölf Jahren wurde entschieden, dass ich über einen bestimmten Politiker schreiben sollte. Wir saßen zu dritt in einem Hamburger Ressortleiterbüro, am anderen Ende der Leitung saßen Berliner Kollegen. Einer krähte ins Telefon: "Die soll aber nicht wieder mit feuchtem Höschen schreiben!" Großes Lachen in Berlin, betretenes Schweigen in Hamburg.

Der Punkt ist, auch wenn sich der Korrespondent bis heute etwa hundertmal entschuldigt hat, ich habe das Gefühl der Demütigung und Verunsicherung nie mehr verloren. In den Gesichtern meiner Kollegen sehe ich seither die Bilder, die sie eigentlich im Kopf haben, wenn sie über oder mit Journalistinnen reden. Vieles konnte ich überhören, weglachen und vergessen. Das nicht.

Vor zwei Jahren unterhielt ich mich auf einer Vorweihnachtsparty mit dem Gastgeber, einem Silberrücken unter den Journalisten. Wir sprachen über Sigmar Gabriel, glaube ich, weil ich soeben ein Porträt über ihn geschrieben hatte. Plötzlich packte mir der Gastgeber an den Hintern. Einfach so, voll hingelangt. Und ich, die erfahrene stern-Autorin, habe nicht "Flossen weg!" gesagt, ich habe getan, als hätte ich es nicht bemerkt. Die Frau des Klemm-Chauvis stand nur zwei Meter neben uns.


Das Schlimme ist, es hört nie auf. Denn nach den sexistischen Anmerkungen zu allerlei Körperfunktionen kommen ab 45 die, auf die es keine Replik gibt, keine tödliche Killerwaffe. Dann kommen die Klimakteriumssprüche. In einer großen Runde berichtete ein Kollege kürzlich von einem Schlagersänger, dessen Konzert er besucht hatte. Einer der Chefs fragte: "Und wer geht da so hin?" Darauf der Autor: "Das sind vorwiegend ...", Pause. Und dann zu mir gewandt, der einzigen Frau im Raum: "Äh sorry, also das sind vorwiegend Frauen im Klimakterium."

Als ich fragte, was genau das jetzt mit mir zu tun habe, lachten die Herren – alle um die 50 – groß und herzhaft auf. Soll sich mal nicht so anstellen, die Posche. Kolleginnen rieten mir später, die kleine Grenzverletzung lieber nicht an die große Glocke zu hängen, meistens bleibe das Etikett ja doch an der Frau kleben. Stimmt! Es war das Argument, das ich seit 30 Jahren hörte.

Das Schöne ist: Es war!

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