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Inzest-Fall Amstetten: Sohn besaß offenbar Kellerschlüssel

Jetzt ist es offiziell: Alle sechs Kinder der 24 Jahre lang eingekerkerten Österreicherin E. stammen von ihrem Vater. Das ergab die DNA-Analyse. Josef Fritzl war offenbar nicht der einzige, der Zugang zum Keller seines Hauses hatte.

Von Malte Arnsperger und Katharina Schönwitz, Amstetten

Alle sechs Kinder aus der Inzest-Beziehung der Österreicherin E. stammen von ihrem Vater Josef Fritzl. Das ergab die DNA-Probe, wie Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, sagte. "Die DNA hat in diesem Fall entscheidenden Beweise geliefert. Es ist eindeutig: Josef Fritzl ist der Vater der Kinder."

Polzer präsentierte bei einer Pressekonferenz weitere Details der Ermittlungsarbeit. An einem Brief seien an Briefmarke und Klebestreifen des Kuverts DNA-Spuren von Josef Fritzl festgestellt worden. Dieser Brief war von dem Inzest-Vater in den Tagen vor seiner Festnahme der Polizei übergeben worden, während seine Tochter K. in der Intensivabteilung lag und nach ihrer Mutter gefahndet wurde. In dem Brief entschuldigt sich E., dass sie nicht wie geplant zu Weihnachten 2007 zur Familie zurückkehren könne. Aber dies wolle sie im Jahr 2008 nachholen. Dieser Brief sei im Januar 2008 in einem Nachbarbundesland aufgegeben worden, wahrscheinlich von Josef Fritzl, vermuten die Ermittler. Mithilfe dieses Briefes wollte Josef Fritzl wohl sein Doppelleben tarnen und beweisen, dass er E. nicht entführt hat. "Dieser Mann hat nichts ausgelassen, um sein furchtbares Verbrechen zu verschleiern, sowohl vor Verwandten als auch vor seiner Frau, Kindern und den Behörden", sagte Polizeichef Polzer.

Diese Taktik, mit angeblich von E. geschriebenen Briefen alle zu täuschen, hatte Josef Fritzl wiederholt angewendet. Bei allen drei Kindern, die er vor seiner Wohnungstür aufgefunden haben will und die dann von ihm aufgenommen wurden, waren Briefe von E. beigelegt.

Der 73-jährige Fritzl sitzt mittlerweile nach seinem umfangreichen Geständnis in einem Gefängnis der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten in Untersuchungshaft. Sie soll nach Angaben von Staatsanwalt Gerald Sedlacek zunächst 14 Tage dauern. Die Haftrichterin, der Fritzl am Dienstag vorgeführt wurde, habe die U-Haft angeordnet. Zu den Vorwürfen wollte sich Fritzl nicht äußern, sagte Sedlacek.

Der Rentner hatte nach seiner Festnahme am Samstag zugegeben, seine heute 42 Jahre alte Tochter E. 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten und sie immer wieder sexuell missbraucht zu haben. Aus dieser gewalttätigen Beziehung stammten sieben Kinder, von denen eines kurz nach der Geburt starb. Fritzl sagte aus, er habe die Leiche des Babys im Heizungskessel seines Hauses verbrannt.

Sohn hatte angeblich Schlüssel für Keller

Josef Fritzl war offenbar nicht der einzige, der Zugang zum Keller hatte. Nach Angaben von früheren Nachbarn besaß ein Sohn einen Schlüssel und stellte sich als Hausmeister vor, berichtet die Zeitschrift "Brigitte". "Wenn wir was brauchten, eine Fliese kaputt war oder was mit der Elektrik, dann ging er in den Keller und holte Ersatz", wird die frühere Nachbarin Sabine Kirschbichler zitiert, die die zwei Jahre im zweiten Stock des Hauses gelebt hätte. Ihr sei aufgefallen, dass er den Keller immer sorgfältig zugesperrt habe. Sie hätte damals keinen Kellerraum mieten können. Auf entsprechende Fragen habe Fritzls Sohn gesagt: "Ach, da ist nur ein Raum, mit Heizung und Kessel voll." Ob der Sohn auch von dem Verlies wusste, ist damit jedoch nicht klar.

Älteste Tochter weiter in kritischen Zustand

Alle Familienangehörigen mit Ausnahme des Vaters befinden sich weiterhin in ärztlicher Obhut. Am schlechtesten geht es der ältesten Tochter von E., der 19-jährigen K. Sie liegt mit einer schweren Erkrankung immer noch im Krankenhaus von Amstetten. "Die Patientin ist weiterhin in einem kritischen Zustand, befindet sich in einem Tiefschlaf und wird künstlich beatmet", sagte der Chefarzt der Intensivstation, Albert Reiter. Allerdings habe sich ihr Zustand leicht gebessert.

Die fünf Geschwister von K. sowie ihre Mutter E. und die Großmutter R. werden weiter psychologisch betreut. Zu dem großen Team der Therapeuten zählen neben Psychologen auch Logopäden, sagte der leitende Arzt Berthold Kepplinger. Allen gehe es körperlich gut, sie kommen nach Ansicht des Arztes gut miteinander aus. Ein durchaus bemerkenswerter Umstand, schließlich kannten die "Kellerkinder" die Bewohner des Hauses Übertage bis vor kurzem nicht. Die lange Zeit im Verlies haben bei den zwei Kindern S. (18) und F. (5) Spuren hinterlassen. Beide seien bleich. "Wir hoffen allerdings, dass keine Spätfolgen auftreten", sagte Kepplinger. Doch vor allem der älteste Sohn S., der auch bis vor wenigen Tagen im Keller lebte, könne nur schlecht lesen und schreiben. Aber es gibt auch positives zu berichten: M. (15), die im Haus ihres Vaters Josef aufgewachsen ist, wolle sogar wieder zur Schule gehen, sagte Kepplinger. Es sei aber auch möglich, einen Unterricht im Krankenhaus zu organisieren.

Lenze äußerte sich auch zu den Vorwürfen, sein Amt hätte früher reagieren müssen und die Eheleute R. und Josef F. genauer überprüfen sollen. "Im Rahmen der Jugendwohlfahrtspflege gab es 21 Kontakte mit dem Ehepaar Fritzl, teils persönlich, teils telefonisch", sagte Lenze. "Wir hatten einen sehr guten Eindruck von der Betreuung, die Kinder wirkten gut entwickelt und gefördert." Seine Behörde habe keinen Verdacht gehegt und habe keine Hinweise gehabt, dass weitere Kinder in dem Keller gefangen gehalten wurden. Deshalb habe man keine Veranlassung gehabt, eine Hausdurchsuchung durchzuführen, verteidigte sich der Bezirkshauptmann. Auch eine Überprüfung der Vaterschaft der Kinder durch DNA-Tests sei weder für nötig erachtet worden, noch sei sie Anfang der 90er Jahre technisch möglich gewesen.

Anders sei es jedoch bei den drei Kindesaussetzungen gewesen, die Josef Fritzl inszeniert hatte. "Wir haben jedes Mal die Polizei eingeschaltet", sagte Lenze. "Es gab jedes Mal einen Abschlussbericht mit dem Ergebnis, dass die Mutter nicht zu finden ist."

Behörden wissen nichts von angeblicher Vorstrafe

Unterdessen gibt es Spekulationen, wonach Fritzl wegen eines Sexualdeliktes vorbestraft gewesen ist. Wie die Wiener "Presse" berichtet, soll er in den 70er Jahren versucht haben, eine Frau in Linz zu vergewaltigen. Die Vorstrafe wegen dieses Sexualdeliktes sei inzwischen aus den behördlichen Unterlagen getilgt. Die "Times" zitiert die Sprecherin einer Firma, bei der Josef Fritzl in den 70er Jahren als Elektroingenieur angestellt gewesen sein soll. Alle Kollegen hätten gewusst, dass Fritzl wegen einer Sexualstraftat im Gefängnis gewesen war. Zudem soll Fritzl mit einer Brandstiftung in Verbindung stehen. Sowohl Staatsanwalt Sedlacek als auch der Verteidiger von Fritzl hatten zu stern.de gesagt, dass sie nichts über diese Vorwürfe wüssten. Ähnlich äußerte sich auch Bezirkshauptmann Lenze. Schon nach der ersten Kindesaussetzung seien R. und Josef F. 1994 auf eventuelle Vorstrafen kontrolliert worden. "Die beiden waren unbescholten", sagte Lenze. Eine St. Pöltner Staatsanwältin versucht derzeit, die entsprechenden Gerichtakten aufzuspüren. "Sie können aber auch vernichtet worden sein", schränkte aber Staatsanwalt Sedlacek, ein.

Trotzdem: Josef Fritzl muss mit Anklagen wegen fortgesetzter Freiheitsberaubung und Vergewaltigung rechnen. Die Maximalstrafe dafür liegt bei insgesamt 25 Jahren - bei einer Verurteilung würde der 73-Jährige wohl nie wieder frei kommen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur APA wurde Fritzl, dessen Gesundheitszustand als "gut" beschrieben wird, in einer Doppelzelle untergebracht. "Er hat die Nacht gut verbracht. Er ist am Dienstagvormittag bereits von einem Psychologen und einem Psychiater untersucht worden", teilte der Gefängnisleiter Günther Mörwald mit. Beide hätten festgestellt, dass bei dem Tatverdächtigen derzeit keine Selbstmordgefahr bestehe.

Aufgetauchte Urlaubsfotos von Josef Fritzl werden für die Ermittlungen keine Rolle spielen. Es steht noch nicht fest, wie lange diese Urlaube dauerten und wer sich in dieser Zeit um die Gefangenen kümmerte. Die Polizei vermutet aber, dass Fritzl bewusste Vorkehrungen für eine mehrwöchige Abwesenheit getroffen hatte. Es wäre also möglich gewesen, dass E. und ihre Kinder sich mehrere Wochen selbst verpflegt haben, sagte Polizeichef Polzer. Die Fotos zeigen Fritzl angeblich beim Urlaub in Thailand.

Von:

Katharina Schönwitz und Malte Arnsperger