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Jahresrückblick 2007: Klimaprügelknabe Nummer 1

2007 war das Jahr des Treibhausgases Kohlendioxid. Im Fokus der Spar-Debatte: Das Auto. Zu Recht oder nicht? Ein Blick in den Rückspiegel zeigt 365 Tage mit brennenden Geländewagen, Tempolimit-Wahn und Politiker-Heuchelei.

Von Christoph M. Schwarzer

Zwölf Prozent. Das ist der Anteil des Autoverkehrs an den Kohlendioxid-Emissionen der Bundesrepublik Deutschland. Abgeschlagen auf den Rängen hinter Stromerzeugung, Industrieproduktion und Wohnungsheizung. Etwas mehr als FDP, Grüne und Linke bei der nächsten Kanzlerwahl bekommen werden, und trotzdem im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Zwölf Prozent, die gefühlt werden wie 80. Und zwölf Prozent, die dem deutschen Autofahrer weh tun und in Zukunft noch mehr weh tun werden. Aber der Reihe nach.

Schock an der Tankstelle

Die ersten Bilder des Jahres zeigten Diktator Saddam Hussein am Galgen. Ein Jahr der Weltpolitik ist 2007 trotzdem nicht geworden, es sei denn, man betrachtet den mentalen Klimaschock als Teil der Politik. Ausgelöst wurde er durch die Berichte des IPCC, der die globale Erwärmung als Realität anerkennt und zum Handeln mahnt. Da hilft nur eins. Runter mit dem CO2, und das bedeutet für Autofahrer runter mit dem Spritverbrauch. Und zwar sofort.

Der Rohölpreis kratzt an der 100-Dollarmarke. Der Preis für Superbenzin ist um mindestens 20 Cent pro Liter gestiegen. Der Preis von Diesel sogar noch mehr. Und Normalbenzin, das kostet jetzt nur noch einen Cent weniger als das Hochoktanige. Ein hartes Jahr für alle, die auf ihren fahrbaren Untersatz angewiesen sind, egal, ob sie damit zur Arbeit oder aus dem Dorf zum Supermarkt ins Oberdorf müssen. Dazu kam die Kürzung der Pendlerpauschale und die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Der Autofahrer, Prügelknabe der Nation und zugleich die Melkkuh: Allein die Mineralölsteuer spült über 40 Milliarden Euro in die Staatskassen.

Bemitleidenswert: Geländewagen

Mit besonderer Härte traf es Audi Q7, BMW X5 und Co., neudeutsch SUV oder schelmisch "Suff" genannt: Wenn es in der Stadt selbst mit dem Diesel nie unter zehn Litern voran geht, könnte bald Ebbe im Geldbeutel sein. Und dann dieses Imageproblem. Übergewichtig, unzeitgemäß, protzig und dumm, meinen einige, und andere meinen, dass die Dinger gleich angezündet gehören. In Hamburg brannte zu G8-Zeiten die fette Crossover-R-Klasse von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, die im dpa-Bericht vom Luxuswagen zum Familienkombi mutierte. Und jetzt, zum Jahresende, brennen in Berlin regelmäßig die schweren Off-Roader.

Aber die Käufer ficht das nicht an. Im Gegenteil: Das SUV-Segment wächst wie kaum ein anderes, und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Kunde sogar zum Kauf provoziert, weil er vermeintlich gegen den Strom der Zeit schwimmt: Seht her, ich produziere CO2, weil ich's kann, und zwar mit einem Auto, das zwar einen deutschen Namen trägt, aber in Osteuropa oder den USA zusammengeschustert wurde. Ich, so schreit es einem von den 20-Zoll-Felgen entgegen, ich bin politisch unkorrekt und stolz darauf.

Wie Politiker sich profiliert haben

Kein Vergnügen, wie jedes Jahr, waren die Politiker. Sie schlugen auf das Auto ein, als wenn es kein Morgen gäbe. Und, das ist ein neuer Wind, es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen. Dass Renate Künast nach ihrem Hybrid-Hype inzwischen auch BlueMotion gut findet, ist eher lobenswert und nicht wirklich erwähnenswert. Auch die permanente Regelungswut und die ständig neuen Forderungen nach einer allgemeinen Pkw-Maut, grüß' Gott, Herr Beckstein, oder der CO2-Steuerverwirrung, Moin, Herr Gabriel, entlocken dem lenkenden Michel nur ein müdes Lächeln. Erschreckend ist, dass sich neuerdings immer mehr EU-Politiker berufen fühlen, sich am Auto im Allgemeinen und am deutschen im Besonderen schadlos zu halten.

Da war zum Beispiel EU-Umweltkommissar Stavros Dimas, der angeblich seinen Mercedes gegen einen hybridisierten Japaner austauschen wollte. Ja, ja, schon klar, Herr Dimas, und dann mit 20 Litern Verbrauch nach Berlin brettern. Und der Präsident der EU-Kommission, José Barroso, stimmt mit in den Chor der Heuchler ein und fordert heimlich feixend Strafen für Klimasünder. "German Bashing" nennen das die Engländer und fahren zum Heizen nach Good Old Germany. Apropos Autobahnen: Die Forderung der SPD-Basis nach Tempo 120 war sicherlich der größte Bärendienst, den die Parteigenossen ihren Umfragewerten erweisen konnten. Auch hier nur Heuchelei, denn eine Forderung nach einem staatlich geförderten und umfangreichen Gebäudesanierungsprogramm, das mit wenig Aufwand gerade die klassischen SPD-Wähler vor einer kalten Winterwohnung schützen und immense CO2-Emissionen einsparen könnte, kam von den Genossen nicht.

Feigenblatt "grüne" IAA

Ordentlich Dresche haben die einheimischen Autobauer bezogen. Und das mit Recht und Unrecht zugleich: Fast alle der auf der IAA gezeigten "grünen" Modelle sind im Entwicklungsstadium. Es bleibt die Hoffnung, dass der Trend zum vollelektrischen Fahren nicht verpennt wird: Zwischenlösungen wie der Opel Flextreme machen Mut und neugierig auf mehr. Trotzdem stimmt das Vorurteil nicht, dass es keine spritsparenden Autos gäbe. Wer will, kann sie bei wirklich jedem Hersteller bekommen. Und entgegen der kolportierten Meinung werden diese Autos auch gekauft. Von den paar Prozent der verbliebenen Privatkäufer, von Flottenkäufern mit spitzem Bleistift und denen, die wissen, dass die Explosion der Spritpreise erst der Anfang ist.

Der erste Preis in Sachen Umweltschutz geht klar an den BMW-Konzern: Nicht für den neuesten Turbo-Benziner, sondern dafür, dass die "Efficient Dynamics"-Technologien ohne Aufpreis in die meisten Modelle eingebaut werden. Für einen langen fünften Gang, schmale Reifen und einen anderen Kühlergrill Aufpreis zu verlangen, wie es Volkswagen tut, ist die schlechtere Lösung. Dann lieber das Revival der Formel E als kostenlose Ausstattungsvariante. Und das Gewicht muss auch runter. Mazda macht vor, dass es geht. Speck weg.

Ein Blick voraus in Wehmut

Es bleibt dabei. Zwölf Prozent sind relativ wenig und zu viel zugleich. Denn abseits von Feinstaub und Klimamord ist klar, dass der Spritpreis steigt. Ohne Rücksicht darauf, dass Individualmobilität ein hohes Gut ist. Die Zukunft wird zeigen, ob nicht 2007 nur das Jahr des automobilen Selbstmitleids war: Vielleicht sind 1,52 Euro an der Zapfsäule bald ein Spottpreis und die öffentlichen Verwirrungen der Politik nur ein lustiges Schauspiel. Und die, die es können fahren Auto, und die anderen fahren Rad. Fürs Klima, weil sie müssen.