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Julia Engelmann: "Jede Woche, Baby!": Ich – einfach verbesserlich

Warum sollte man perfekt sein wollen? Und ist das überhaupt möglich? Wo doch Perfektionismus bloß ein albernes Fantasie-Konstrukt ist. Verbesserungswürdig ist man aber dennoch.

Von Julia Engelmann

Ich bin wie der Kölner Dom – eine ewige Baustelle. Kaum ist das eine Ende ausgebessert, steht auf der anderen Seite neue Arbeit an. Das ist eine lineare Entwicklung, die insgeheim ein Kreislauf ist. Ich bin eine wandelnde Baustelle, eigentlich mehr sogar eine Art chaotischer Dachverband von vielen parallelen, wandelnden Baustellen.

Niemand weiß, wann der Kölner Dom fertig ist, oder? Aber wann bin ich eigentlich fertig? Zeit für Prognosen!

Ich denke, ich bin fertig gebaut, wenn mein Ist-Zustand meinem Soll-Zustand entspricht. Hier ein paar Beispiele: Ich wäre gerne schlauer, effizienter und zufriedener. Und danach dann noch schlauer, noch effizienter und noch zufriedener. Ich wäre auch gerne fitter und dann noch fitter, bis ich freihändig Klimmzüge machen kann und dann noch freihändiger. Ich wäre gerne immer besser und schon jetzt die beste Version von mir selbst.

Wenn mein Ist-Zustand x ist, dann ist mein Soll-Zustand x+1. Aber x=x+1 wird niemals x=x. Demnach werde ich nie fertig gebaut sein.

Wettrennen gegen ein fantastisches Fantasie-Ich

Perfektion ist ein laut Wikipedia makelloser, unübertrefflicher Zustand, "der sich nicht noch weiter verbessern lässt". Ich dachte mal, dass ich genau das erreichen will, dass das mein langfristiges Ziel ist, und das Streben danach mein Motor. Allerdings gibt es ja gar keine objektive Definition davon, ab wann es an mir nichts mehr zu verbessern gäbe. Das gäbe es nämlich immer. Ich werde also nie perfekt sein können. Und selbst, wenn ich es sein könnte, würde das die absolute Stagnation bedeuten und damit das Ende. Aber ich will ja gar kein Ende, also ich will ich auch gar nicht perfekt sein.

Perfektionismus ist ein albernes Fantasie-Konstrukt. Ein Wettrennen gegen ein hypothetisches, fantastisches Fantasie-Ich, das nicht zu gewinnen ist. Warum wollen trotzdem so viele Menschen perfekt sein?

"Ihre größte Schwäche?" – "Ich bin Perfektionist!“"– Ist das nicht quasi der Bewerbungsgesprächs-Trumpf schlechthin? Nach dem Motto: Lieber Burnout als Balance, lieber besser als gut genug. Perfektion scheint für alles vermeintlich Gute zu stehen: Stärke, Schönheit, Reichtum, Erfolg, Macht. Vermeintlich Gutes, das endlich die lang ersehnte innere Ruhe, Liebe und Zufriedenheit bringen könnte. Perfektionismus scheint zu sagen: Ich werde nicht aufhören, ehe ich all das habe. Aber, wie gesagt: Niemand kann all das haben. Trotzdem streben viele danach und denken, sie könnten es. Und sie denken, dass sie genau das irgendwann zufrieden machen wird. Und deshalb sind sie niemals zufrieden und können es auch nicht sein. Und da liegt der Knackpunkt. Niemand sollte sein Lebensglück von einem unerreichbaren Fantasiemoment abhängig machen.

"Ich bin gerne der Kölner Dom"

Anders als Perfektionismus ist die allgegenwärtige Selbstoptimierung an sich übrigens nicht verwerflich. Sogar gut und ein natürlicher Instinkt. (Wer will sich schon freiwillig verschlimmbessern?) Aber sie schließt ein unperfektes, zufriedenes Dasein nicht aus. Ich kann meinen Ist-Zustand mögen und trotzdem eine neue Vision für einen guten Soll-Zustand haben.

Und genau dafür entscheide ich mich, das ist mein besserer Motor. Das ist der Grund dafür, warum ich nie fertig sein werde und es auch nicht will. Der Grund dafür, warum ich gerne eine ewige Baustelle wie der Kölner Dom bin.

Ja, das hier ist ein Plädoyer für Unperfektionismus. Für Genügsamkeit. Für Zufriedenheit. Für entspannte Bestimmtheit. Für Selbstoptimierung im Rahmen von Selbstfürsorge. Dafür, an sich und seine Möglichkeiten zu glauben. Dafür, sich nicht unter Druck zu setzen, sondern zu stärken. Dafür, sich immer gut genug zu sein.

Ich – einfach verbesserlich. Ich – gerne unperfekt. Ich – immer gut genug.

Mein Soundtrack zum Text: "Unperfekt" – Maeckes

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