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Julia Engelmann: "Jede Woche, Baby!": Wer bloß schön sein will, ist doof

... aber wer schön ist, ist nicht gleich doof. Für Julia Engelmann ist Schönheit ein komplexes Thema. Höchste Zeit also, sich ein paar Gedanken darüber zu machen.

Von Julia Engelmann

Schöne Menschen haben es einfacher im Leben. Denn Schönheit macht glücklich. Und ich will glücklich sein. Deshalb will ich schön sein." Das ist der Dreisatz, den ich schon oft in meinem Kopf mit meinem imaginären Abakus überschlagen habe. Aber so läuft das nicht. Nur vergesse ich das andauernd.

Schönheit ist ein überpräsentes Thema

Schönheit ist ein komplexes, heikles, omni- und überpräsentes Thema. Es dreht sich ernsthaft viel zu oft viel zu viel darum, das ist längst aus der Balance geraten. Und ich finde, dass diesbezüglich ein ungesunder Dualismus herrscht. Es wird Wasser gepredigt und Wein getrunken.

Denn einerseits steht auf jeder zweiten Grußkarte "Wahre Schönheit kommt von innen!". Andererseits nehmen psychische Probleme im Zusammenhang mit Aussehen und Selbstwert zu. Einerseits beschweren sich Menschen darüber, dass alles in Zahlen mess- und vergleichbar gemacht wird. Und andererseits bewerten sie sich untereinander auf einer Skala von 1 bis 10. Da steht eine äußere, intellektuelle Gelassenheit einem inneren, kollektiven Druck gegenüber.

Messbar in Euros, Kilos und Likes

Obwohl es oft als "oberflächlich" abgetan wird, gibt es gesellschaftliche Anerkennung für Schönheit. Sie scheint wichtig, glücklich machend und messbar zu sein – in Form von Euros, Kilos und Likes. Dieses Bild wird durch die Medien, von "Vorbildern" und von einer ganzen Industrie propagiert. Das ist ein nicht ungefährlicher Zustand, dem wir uns schwer entziehen können. Aber wir können anfangen, ihn zu verändern. Es sollte nicht nur gleichviel Anerkennung für kluge Gedanken, sozialen Einsatz und ein gutes Herz geben wie für Schönheit, sondern deutlich (!*) mehr. Und zwar aus einer Überzeugung heraus und nicht, weil es auf schillernden Grußkarten steht.

Denn was ist Schönheit überhaupt? Sie ist nicht objektiv oder numerisch messbar, sondern relativ und subjektiv. Sie ist kein sicheres oder gutes Indiz für Glück und Selbstwert. Sie geht nicht nur längst über Sixpacks, Extensions und symmetrische Gesichtszüge hinaus, sie hat sich nie in diesen Grenzen bewegt. Das wäre Mumpitz.

Und was kann sie überhaupt? Sie kann einen ersten Eindruck bieten, vielleicht Eindruck schinden. Sie kann Türen zu Häusern öffnen, die vielleicht niemand betreten wollen sollte. Und da hört es auch schon auf. Schönheit geht nämlich nicht abends mit dir eine Runde spazieren und lässt mit mir den Tag Revue passieren. Sie umarmt dich nicht, wenn du Trost suchst, freut sich nicht mit mir, wenn du etwas Schönes erlebst. Schönheit sagt dir nicht, dass du frei bist und gut genug. Schönheit ist ein Symptom. Eine äußere Fassade. Die ist höchstens bewundernswert. Um die geht es nicht. Die vergeht.

Der Mensch an sich aber, der Charakter in all seinen Facetten, der ist die Ursache. Ein innerer, substanzieller Kern. Der ist liebenswert. Um den geht es. Der bleibt. „Wahre Schönheit kommt von innen!“ ist keine rührselige Floskel, sondern die Wahrheit. Wirklich schön ist: Charisma, Wahrhaftigkeit, Interesse, Kreativität, Empathie, Selbstbewusstsein, gute Werte, gute Absichten, gute Laune, Humor, Spontanität, Wahrhaftigkeit, Leichtigkeit. Es wird Zeit, das laut zu verbreiten und zu feiern. Das ist nämlich eine gute Nachricht.

Äußerlichkeiten zu wichtig, um sie auszublenden

Es geht hier nicht darum, Äußerlichkeiten komplett auszublenden oder zu verurteilen. Das würde auch gar nicht gehen, dafür sind sie ein zu wichtiger Bestandteil der Wahrnehmung. Es geht auch nicht darum, dass es verwerflich ist, in irgendeiner Form Wert auf sein Äußeres zu legen. Es ist wichtig, sich wohl zu fühlen und sich um sich zu kümmern. Das richtige Maß dafür kann ja jeder für sich selber finden – Obsession und Verwahrlosung mal ausgenommen.

Es geht vor allem um angemessene Relationen und darum, womit wir unsere kostbare Zeit verbringen. Es geht um verantwortungsvolle Vorbilder und ein achtsames Miteinander. Wir sollten nicht nur gut zu uns selbst sein, sondern auch zu unseren Mitmenschen. Wenn das jeder tut, ist nämlich für alle gesorgt. Wir sollten alle nicht so streng mit uns und anderen sein. Wir sollten uns nicht gegenseitig auf Skalen, sondern uns inspirieren.

Schönheit und Intelligenz: Entweder-Oder?

Und wer schön ist, ist nicht automatisch doof. (Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, Schönheit und Intelligenz treten nach dem entweder-oder-Prinzip auf?) Aber wenn Schönheit einem das Allerwichtigste ist, dann ist das aus meiner Sicht tatsächlich doof. Und dann stimmt das auch: Wer bloß schön sein will muss leiden, weil er so doof ist, dass er bloß schön sein will.

Ich will ehrlich sein: Ich schreibe das hier auch für mich. Denn ich selbst bin absolut nicht frei von all dem. Ich wünschte, ich wäre freier und noch mutiger das zu leben. Danach strebe ich. Ich will nämlich gerne das Wasser trinken, das ich predige.

*!!!!!!!!!!!!!!

Mein Soundtrack zum Text: "Appearance" - Trashlagoon