Kanzlerbungalow "Der Charme einer Hundehütte"


Willy Brandt zog gar nicht erst ein, Helmut Schmidt ließ eine Sauna einbauen und Helmut Kohl wohnte am längsten dort: der Kanzlerbungalow in Bonn, den Ludwig Erhard hatte bauen lassen, war nicht jedermanns Sache.

Hier tafelten zahllose Staatsoberhäupter, Wahlsiege wurden begossen, Koalitionen besprochen - und natürlich Strippen gezogen. Der Kanzlerbungalow in Bonn war über Jahrzehnte hinweg diskrete Schaltzentrale und zugleich auch private Herberge bundesdeutscher Regierungschefs. Von kleinen Geheimnissen, Krisengesprächen, Angebereien, Spötteleien und Kungeleien könnte wohl endlos berichtet werden, wenn sich die Beteiligten nicht Verschwiegenheit auferlegten.

Das unscheinbare Gebäude am Rhein

Seit mehr als vier Jahren steht das hinter Bäumen und Mauern gelegene unscheinbare Gebäude am Rhein leer. Seiner Staatsfunktionen beraubt, ödet es vor sich hin. Zumindest wieder Statisten-Leben eingehaucht hat ihm der Westdeutsche Rundfunk (WDR), der sich kurzerhand beim Eigentümer Bund einmietete. Moderator Steffen Hallaschka ("ein Geisterhaus") nutzt das Gebäude als Kulisse für die frech-satirische Polit-Sendung "Kanzlerbungalow". Deren zweite Staffel startet an diesem Donnerstag im WDR-Fernsehen.

Keine architektonischen Machtsymbole empfangen den Besucher. Die Einrichtung wirkt kühl-funktional, bieder. Düstere, holzverkleidete Gänge, ausladend abgewetzte Sessel samt Couch im Wohnzimmer, Gardinen aus Kunstfasern, eine Kunststofflampe über dem Küchentisch. "Ich hätte dort privat nicht leben wollen", sagt Norbert Blüm (CDU), als langjähriger Bundesarbeitsminister häufig abendlicher Gast im Bungalow bei Kanzler Helmut Kohl. "Der Wohnbereich hatte den Charme einer Hundehütte, und der offizielle Teil war eigentlich steif."

Als Günter Grass Egon Bahr küsste

Unions-Kanzler Ludwig Erhard hatte sich mit dem 1964 errichteten Wohn- und Empfangsgebäude des Architekten Sepp Ruf wohl damals seinen eigenen Traum von der Moderne erfüllt. Nach dem Geschmack von Kanzler Willy Brandt (SPD) war das verglaste Stahlskelett mit gelblichem Klinker im Wohnteil aber nicht. Mit seiner Frau Rut blieb der Ex-Außenminister lieber in der schmucken Dienstvilla des Auswärtigen Amtes auf dem Bonner Venusberg und nutzte nur die repräsentativen Räume des Bungalows. In jene Zeit fällt auch die Erinnerung des SPD-Politikers Egon Bahr, der nach dem Brandt-Wahlsieg 1972 einen "überwältigenden" Abend im Bungalow erlebte, als der Schriftsteller und Brandt-Sympathisant Günter Grass ihn vor Freude küsste.

Brandts Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) und Frau Loki richteten sich dann dort wieder häuslich ein und ließen eine Sauna in den Keller bauen. Von Loki wird berichtet, sie habe mit den einquartierten Sicherheitsleuten - damals waren die Terrorzeiten der RAF - gerne mal Karten "gekloppt" oder ihnen Suppe gekocht. Auch der Obergärtner saß bei ihrem wöchentlichen "Küchenessen" mit am Tisch.

16 Jahre Helmut Kohl

Am längsten, mehr als 16 Jahre, bewohnte seit 1982 Kohl mit Ehefrau Hannelore und seinen beiden Söhnen den Bungalow. Er fühlte sich offenbar so heimisch, dass er auch nach seiner Abwahl im September 1998 noch Monate lang blieb, obwohl der rechtmäßige Hausherr jetzt Gerhard Schröder (SPD) hieß und im repräsentativen Teil bereits Gäste empfing.

Doch Schröder verzog sich lieber ins benachbarte, klassizistisch-stilvolle Palais Schaumburg. Bis heute kann Schröder, der in Bonn offiziell seinen zweiten Dienstsitz hat, dem unbehaglichen Bungalow nichts abgewinnen. Nötigenfalls nächtigt er im Hotel.

Wie das benachbarte Kanzleramt wurde nach dem Regierungsumzug nach Berlin auch der Bungalow dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) zugeschlagen. Das mit Asbest verseuchte Kanzleramt wird zur Zeit noch saniert und wird als erster Dienstsitz des BMZ hergerichtet. Die weitere Nutzung des unter Denkmalschutz stehenden 225-Quadratmeter-Bungalows ist unklar.

Edgar Bauer DPA

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