VG-Wort Pixel

Drei Monate nach Brand Schlamm, keine Duschen, Gewalt gegen Kinder: Situation in "Moria 2" härter denn je

Eine Familie läuft im Camp Kara Tepe zwischen den Zelten
Im Camp Kara Tepe, auch "Moria 2" genannt, leben Erwachsene und Kinder seit Oktober in Zelten. (Archivbild)
© Panagiotis Balaskas/AP/dpa
Nach dem Brand im Camp Moria im September wollte die EU ein weiteres "Elendslager" auf Lesbos verhindern. Das ist ihr nicht gelungen: Das neue Lager zerfällt im Regen, die Lebensbedingungen sind menschenunwürdig. Nun soll eine Dreijährige schwer misshandelt worden sein. 

Mehr als drei Monate sind vergangen, seit in der Nacht zum 9. September das Geflüchtetencamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos abbrannte und die mehr als 12.000 Bewohnenden obdachlos wurden. Drei Monate, in denen in weiten Teilen der Welt die größte Aufmerksamkeit der Corona-Pandemie galt. Aber auch drei Monate, in denen Herbst und nun auch Winter über Europa hereinbrachen, während Asylsuchende auf Lesbos noch immer ohne ein festes Dach über dem Kopf leben. 

Denn seit dem Brand haben sich die Lebensbedingungen für Tausende Menschen, darunter unbegleitete Kinder und Jugendliche, auf der Insel kaum geändert. Rund 7300 Personen leben derzeit im provisorischen Lager Kara Tepe auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz. Geflüchtete berichten, im sogenannten "Moria 2" gebe es keine Heizung, kein warmes Wasser, keinen Strom. Laut "Ärzte ohne Grenzen" habe es sogar vermehrt Fälle gegeben, in denen Babys in den Zelten von Ratten gebissen wurden. 

Wie ist die Lage in dem Camp aktuell? 

Mit Schaufeln gegen die Überschwemmungen: Kara Tepe steht unter Wasser

Bereits bei der Errichtung des neuen Lagers hatten Aktivistinnen und Journalisten davor gewarnt, dass die Zelte und der lockere Boden darunter Regenfällen nicht standhalten würden. Und tatsächlich: Anfang Oktober stand Kara Tepe erstmals unter Wasser. Das hat sich auch im Dezember nicht geändert. "Immer wenn es regnet, versinkt das Lager im Schlamm", schrieb der EU-Abgeordnete der Grünen, Erik Marquardt, am Dienstag bei Twitter. 

Bereits zuvor hatte die Journalistin Franziska Grillmeier aus Lesbos berichtet, die Zelte seien mittlerweile undicht und nicht mehr fest verankert. Auf Bildern lokaler Hilfsgruppen sieht man Kinder durch einen knöchelhohen, schlammigen Teich waten. Dahinter liegen die weißen Zelte. Die griechischen Behörden sehen dem Camp offenbar bei seinem Zerfall zu.

Ein Zusammenschluss von Geflüchteten informiert auf Facebook als "Moria Corona Awareness Team" über die Situation. "Es gibt keinen trockenen Ort, an den wir gehen können", heißt es in einem Post vom 13. Dezember. "Und was ist passiert? Manche von uns haben Schaufeln bekommen, um das Wasser abzuleiten." Bei der Reparatur eines Zeltes habe man schließlich eine Granate im Boden des umfunktionierten Militärgeländes gefunden. Auch darüber gab es seit der Eröffnung des Camps immer wieder Berichte. 

Kaum Schutz vor Corona, keine Möglichkeit zum Händewaschen

Während für einen Großteil der deutschen Bevölkerung das Coronavirus das wichtigste Nachrichtenthema sein dürfte, gerät oft in Vergessenheit: Auch die Menschen in den griechischen Geflüchtetenlagern sind von der Pandemie betroffen. Einen Zugang zu ärztlicher Versorgung oder fließendem Wasser zum Händewaschen haben viele von ihnen allerdings nicht. Abstand halten in den überfüllten Lagern? Unmöglich. 

Den ersten Corona-Fall hatte es in dem alten Moria bereits Anfang September gegeben, eine Woche vor dem Brand. Damals war das gesamte Camp unter Quarantäne gesetzt worden. Seit dem 7. November gilt in Griechenland zudem ein Lockdown, die Geflüchteten dürfen auch das neue Lager nicht verlassen. Das verschlimmert psychische und andere körperliche Leiden, von denen viele der Menschen in den Camps betroffen sind. 

Mutmaßliche Vergewaltigung einer Dreijährigen

Wo so viele Menschen ohne Privatsphäre aufeinander leben wie in Kara Tepe, besteht kaum Schutz vor gewalttätigen Übergriffen durch andere Bewohner – oder die Sicherheitsbehörden. Wie am Wochenende bekannt wurde, müssen sich drei Grenzschutzbeamte und ein Polizist demnächst vor Gericht verantworten, weil sie Geflüchtete auf Lesbos misshandelt haben sollen. Gegen die Männer werde wegen Körperverletzung, Folter und Verstößen gegen Antirassismusgesetze ermittelt, hieß es aus Polizeikreisen. Zuvor war ein Video aufgetaucht, in denen die Gewalt zu sehen war. 

Besonders für Frauen und Kinder sind die Lebensbedingungen in den Camps gefährlich: Am Montagabend war ein dreijähriges afghanisches Mädchen blutend und halb bewusstlos in den Toilettenräumen des Lagers entdeckt worden, hieß es aus Kreisen des griechischen Migrationsministeriums. Es bestehe der Verdacht, dass das Kind vergewaltigt wurde. Ärzte im Camp hätten den Vorfall bestätigt. Die medizinischen Untersuchungen liefen zum Zeitpunkt der Bekanntgabe durch die Behörden noch. 

Bereits im ersten Moria-Camp hatten Frauen von gewalttätigen Übergriffen berichtet und gesagt, sie würden sich nicht alleine in die Toiletten- oder Duschräume trauen. 

Kein neues Moria? Die EU macht leere Versprechungen

Seit Jahren wird darüber gestritten, ob die Situation in den Lagern und an den EU-Außengrenzen Teil einer Abschreckungstaktik für andere Migranten und Migrantinnen ist oder schlichtweg das Resultat einer nicht-funktionierenden überstaatlichen Zusammenarbeit in der Union. Für die Menschen in den Lagern dürfte es ohnehin keinen Unterschied mehr machen. 

Im September hatte die EU-Kommissarin für Inneres, Ylva Johansson, noch verkündet, dass es auf dem Gebiet der Europäischen Union keine "Elendslager" wie Moria mehr geben würde. Gehalten wurde dieses Versprechen offensichtlich nicht. Nun kündigte die EU-Kommission an, dass griechische und EU-Behörden bis September 2021 ein "neues und dem Standard entsprechendes Aufnahmelager" auf Lesbos errichten würden.

Bis sie dort einziehen können, steht den Menschen in Kara Tepe und den anderen griechischen Camps aber noch ein Winter bevor. Mindestens. 

Quellen: "Tagesschau" / Ärzte ohne Grenzen Österreich

mit dpa/afp

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker