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stern-Kolumne Winnemuth Aus der Zeit gefallen


Wieder wurden die Uhren umgestellt, wie seit 35 Jahren. Und wieder wird es Ärger geben. Dabei leben wir doch längst in unseren eigenen Zeitzonen.
Von Meike Winnemuth

Nie solidarisiert sich der Deutsche so sehr mit den Kühen und der Deutschen Bahn wie Ende März. Die armen Kühe, wie sehr sie unter der Zeitumstellung leiden! Die arme Deutsche Bahn, die 120.000 Uhren vorstellen muss! Den Rest des Jahres schimpft man reinen Herzens über Verspätungen oder verlangt Milchpreise, die nur durch Massentierhaltung zu erreichen sind, aber die Sommerzeit macht uns alle zu geknechteten Kreaturen. Eine Stunde weniger schlafen! Halt: War doch eine weniger, nicht mehr, oder?*

Leute drehen früher die Heizkörper hoch

Das kollektive Stöhnen dauert jetzt schon 35 Jahre. Seit die EWG 1980 die gemeinsame Sommerzeit eingeführt und schon kurz darauf festgestellt hat, dass sich die erhoffte Energieeinsparung leider, leider nicht einstellte, ganz im Gegenteil, denn die Leute drehen jetzt ja im März, April und Oktober eine Stunde früher die Heizkörper hoch, toben im Frühjahr und Herbst die Proteststürme aus Bürgerinitiativen, Petitionen, Leitartikeln und kleinen Anfragen im Bundestag.

Die Sommerzeit sei ein einziger Schwachsinn, der den Leuten auf den Geist und an die Körperfunktionen gehe. Der ganze Kontinent laboriere am Jetlag, Verkehrsunfälle nähmen zu, die Sache grenze an staatliche Körperverletzung. Und dass es dafür abends eine Stunde länger hell ist? Ist doch schön! Nee, denn wir stehen ja zwangsweise eine Stunde früher auf dafür. Die EU reagierte in bewährter EU-Weise auf alle berechtigten Einwände und verlängerte die Sommerzeit 1996 um einen weiteren Monat.

Meine Digitalkamera geht 15 Jahre nach

Umso mehr Beifall ernten Rebellen wie die Berliner Zooladenbesitzerin Renate Stahn, die für sich und ihr Geschäft in Prenzelberg kurzerhand die Sommerzeit aussetzt, weil die Wellensittiche zu sehr litten. "Meine Zeit bleibt die ganz normale mitteleuropäische Zeit", verkündet ein Zettel. "Bitte beachten Sie das bei meinen Öffnungszeiten. Vielen Dank!" Ich behaupte: Frau Stahn ist nicht die Einzige, die aus der Zeit gefallen ist. In Wirklichkeit lebt jeder von uns in einer Handvoll unterschiedlicher Zeitzonen. Mein Backofen zum Beispiel, der mir sagt, wann ich aus dem Haus muss, geht derzeit eine Stunde und zwei Minuten vor.

Er wurde vor zwei Jahren während der Sommerzeit angeschlossen und ist dort hängen geblieben. Irgendwo muss eine Anleitung sein, wie man die Uhr umstellt, aber wozu? Mein Auto geht acht Minuten nach (ab Sonntag 52 Minuten vor, denn es bleibt auf Winterzeit), meine Digitalkamera sogar 15 Jahre, der Zeitstempel steht immer noch auf 1. 1. 2000. Ich habe nie verstanden, warum man Fotos durch eine Stempeluhr jagen muss. Ob dieser Sonnenuntergang in der Ägäis nun am 15. 8. oder am 16. 8. stattgefunden hat, wen schert’s?

Uhrzeit hat nichts mehr mit wahrer Zeit zu tun

Und wenn man es mal recht bedenkt: Hinken nicht 99,9 Prozent aller Deutschen sowieso winters wie sommers der Zeit hinterher? Die Mitteleuropäische Zeit orientiert sich am Sonnenstand des 15. Längengrads, der mitten durch Görlitz führt, die östlichste Stadt Deutschlands. Bedeutet: Wenn in Görlitz High Noon ist, ist es in Aachen laut Sonnenstand eigentlich erst 11.24 Uhr; der Unterschied zwischen Berlin und Madrid beträgt sogar 68 Minuten. Eigentlich. Aber die EU und so weiter.

Sie sehen: Es ist eh alles egal. Die Uhrzeit hat schon so lange nichts mehr mit der wahren Zeit zu tun, dass es auf das bisschen Sommerzeit jetzt auch nicht mehr ankommt. Und solange mein Backofen nicht ausfällt, habe ich immer noch jede Verabredung geschafft.

*Kleiner stern-Service, um sich das ewige Vor und Zurück für alle Zeiten zu merken: die Straßencafé-Eselsbrücke. Im Frühling werden die Stühle vor das Café gestellt, im Herbst zurück ins Lager. Gern geschehen.

Die Kolumne

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