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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Vollkorn für die Augen – Warum nur quälen wir uns mit der Wiederkehr des tausendfach Gesehenen?

Über die Augen erhalten wir 80 Prozent aller Informationen. Warum widmen wir uns dann nicht den Dingen, die unseres Blickes würdig sind?

Vollkorn für die Augen – Warum sehen wir uns ständig das Gleiche an?

"Es wäre doch schlau, die Augen mit wirklich Nahrhaftem zu füttern, mit Dingen, die unseres Blickes würdig sind, mit Vollkornbildern statt leerer Kalorien"

Eine Freundin betreibt in Hamburg ein Geschäft für Möbelklassiker aus dem vergangenen Jahrhundert, also für das, was unsere Eltern als Sperrmüll an die Straße gestellt haben und wofür wir heute absurdes Geld zu zahlen bereit sind. Auf ihrer Website pries sie neulich einen seltenen Tisch mit ungewöhnlichen Beinen als "sehr ungesehen" an. Sehr ungesehen – ein Ausdruck, der mich sofort interessierte. Lustig, dass man gleich weiß, was gemeint ist, oder? Dass man auf der Stelle versteht, dass das ein Qualitätsmerkmal ist? In einer Welt, in der das Gesehene die Norm ist, in der man meint, schon alles zu kennen, ist das sehr Ungesehene der Heilige Gral. Tragisch natürlich, dass auch ein sehr ungesehener Tisch, wenn man täglich sein Marmeladenbrötchen an ihm isst, recht bald ziemlich gesehen ist.

Krokodilhodenessender Z-Promi

Die ewige Wiederkehr des sehr Gesehenen bestimmt unser Leben – ob in der Mode (wie oft ist der Marinelook eigentlich schon wiedergeboren worden? Der Safarilook? Überhaupt jeder Look?), ob der Anblick krokodilhodenessender Z-Prominenter oder der ausgestreckten Bronzehand von Willy Brandt in der SPD-Zentrale, unter der die armen Delinquenten immer stehen müssen. Die Nachrichtenbilder, die vorfahrenden Limousinen, das verkrampfte Händeschütteln, die Blitzlichter auf ratlosen Gesichtern: Das ist alles so sehr gesehen, dass man nicht mehr hinguckt.

Wie die meisten nutze ich den Fernseher als akustische Tapete: Die Aufmerksamkeit ist nahezu nie mehr ungeteilt, ich checke derweil Mail oder Facebook oder surfe, nur um dabei auf noch mehr Gesehenes zu stoßen. Sich über die Vorhersehbarkeit des Fernsehens zu beschweren ist wohlfeil: Soll man halt abschalten. Tue ich auch, tun immer mehr, zumindest innerlich. Wir sind einfach zu gut darin, zu wissen, was kommt: eine schwedische Kommissarin mit irgendeinem Trauma, Dorfgemeinschaften mit dunklem Geheimnis, böse Unternehmer im Bett mit Kommunalpolitikern, Pathologen, die über die Todesursache rätseln, Comedians in Quizshows, Wettermänner auf Marktplätzen, explodierende Autos und am Freitagabend Frauen im besten Alter, die durch Italien fahren und ein neues Leben anfangen. Wir alle sind wie Rilkes Panther: mit müde gewordenem Blick hinter Gittern, dem man die immer gleichen vertrockneten Brocken zuwirft. Man schließt die Augen und hat nichts verpasst. Vielleicht ist dieser Wahrnehmungskanal auch einfach zu verstopft, vielleicht erklärt sich so der Boom der Podcasts – es brauchte mal einen anderen Zugang zum Gehirn, einen, den wir lange haben brachliegen lassen. Was man hört, fährt ungebremst ins Hirn, da kann man keine Lider drüberklappen.

Vollkornbilder statt leerer Kalorien

Über die Augen, las ich neulich, erhalten wir 80 Prozent aller Informationen über die Umwelt, jede zweite Nervenzelle im Gehirn ist direkt oder indirekt am Sehprozess beteiligt, unter anderem, indem Sinneseindrücke mit Erinnerungen, mit bereits Gesehenem verglichen werden. 80 Prozent! Da wäre es doch schlau, die Augen mit wirklich Nahrhaftem zu füttern, mit Dingen, die unseres Blickes würdig sind, mit Vollkornbildern statt leerer Kalorien. Ich versuche das seit einiger Zeit ganz bewusst: vergleiche das Blau der Traubenhyazinthen mit dem des Vergissmeinnichts, gucke mir die Wolken auf den Gemälden von Constable an – und stelle fest: Schöne Dinge werden immer schöner, je öfter man sie sieht. Die Natur überlebt sogar das Medium Fernsehen: Neulich saß ich zum ersten Mal seit Langem mit weit aufgerissenen Augen vor dem Bildschirm, bei der sechsteiligen BBC-Dokumentation "Der blaue Planet". Sehr, sehr Ungesehenes, an dem ich mich nicht sattsehen konnte.

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