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Interview

Vor Urteil im Prozess: Mesale Tolu zwischen Haft und Hoffnung: "Ich habe Sehnsucht nach Istanbul"

Acht Monate saß Mesale Tolu in der Türkei im Gefängnis, zum Teil gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn. Der Vorwurf: Terrorismus. Demnächst fällt in Istanbul das Urteil in ihrem Prozess. Im stern-Interview verrät die deutsch-türkische Journalistin, warum sie dennoch nicht mit der Türkei abgeschlossen hat.

Von Nikolaus Pichler

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu gibt nach ihrer Ankunft aus Istanbul ein Pressestatement

"Niemand der Erdogan-Anhänger in Deutschland würde in der Türkei leben wollen", sagt die Journalistin Mesale Tolu 

DPA

Der Fall der deutsch-türkischen Journalistin Mesale Tolu sorgte deutschlandweit für Aufmerksamkeit. Die 35-Jährige hatte über das öffentliche Begräbnis zweier Mitglieder der in der Türkei verbotenen Partei "MLKP" berichtet. Sie wurde daraufhin unter Terrorismusverdacht festgenommen, ohne dass die deutschen Behörden zunächst darüber informiert wurden. Von April bis Dezember 2017 saß Tolu in Istanbul in Untersuchungshaft, den größten Teil gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Serkan, damals nicht viel älter als zwei Jahre. Nach ihrer Entlassung unter Auflagen aus dem Gefängnis durfte sie für acht Monate das Land nicht verlassen. Im August 2018 hob ein Gericht die Ausreisesperre gegen Tolu auf. Tolu kehrte daraufhin nach Deutschland zurück und lebt mit ihrer Familie in Neu-Ulm.

Über ihre Zeit in einem Istanbuler Gefängnis hat sie ein Buch geschrieben, das nun erscheint. "Mein Sohn bleibt bei mir", heißt es und Tolu dokumentiert darin auch die politische Situation in der Türkei unter Präsident Erdogan. Im Mai könnte in Istanbul das Urteil in ihrem Verfahren fallen. Tolu hofft auf einen Freispruch: "Ich habe heute noch Sehnsucht nach Istanbul", sagt sie im Interview mit dem stern.

Frau Tolu, wie beginnt man ein neues Leben in Deutschland nach acht Monaten Haft?

Mesale Tolu: Eigentlich geht mein Leben da weiter, wo es vor der Haft aufgehört hatte. Es ist kein neues aber ein anderes Leben. Ich bin nicht mehr die Person, die ich vorher war, weil ich sowohl schlechte als auch gute Erfahrungen während dieser Monate gesammelt habe. Aber ich versuche da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe. Es ist nicht immer einfach, weil man das, was man erlebt hat, nicht einfach wegwischen kann. Es hinterlässt Spuren. Aber ich komme zum Glück sehr gut hier mit meinem Leben klar und kann hier als freie Journalistin arbeiten und Vorträge geben.

Ihre Istanbuler Wohnung wurde gestürmt und verwüstet. Polizisten gingen mit gezogener Waffe in das Kinderzimmer Ihres kleinen Sohnes Serkan. Sie wurden vor seinen Augen festgenommen. Was waren die positiven Dinge, die sie erlebt haben?

Ich habe enorme Solidarität und Unterstützung von allen möglichen Menschen bekommen. Es ist das Schönste, wenn Menschen, die man gar nicht kennt, hinter einem stehen. Als ich wieder ausreisen konnte, habe ich immer gespürt, dass es Menschen gibt, die für mich da sind.

Ich wollte nicht, dass mein Sohn denkt, wir hätten etwas verbrochen

Als ihr damals zweieinhalbjähriger Sohn nicht mehr aufhörte, nach Ihnen zu fragen, brachte ihn Ihr Vater zu Ihnen ins Gefängnis. Wie zieht man einen zweieinhalb-Jährigen in einem Gefängnis auf?

Es war schwer. Die Umstände waren begrenzt.

Es wurde damals berichtet, es hätte nicht einmal Einwegwindeln für ihn gegeben.

Man kann nicht einkaufen, was man braucht. Man kann es nicht zu jeder Uhrzeit machen. Man kann nicht spontan mit dem Kind spielen, laufen oder auf einen Spielplatz gehen. All das ist im Gefängnis nicht möglich. Alles hat seine Routine. Doch man kann nicht über diese Routine hinaus. Aber dank der Unterstützung der anderen inhaftierten Frauen fanden wir Alternativen. Wir versuchten das Leben im Gefängnis so zu gestalten, dass ein Kind sich dort wenigstens einigermaßen wohlfühlt.

Sie bastelten Bowlingkegel aus alten Flaschen für Serkan oder spannten ein Netz zum Volleyballspielen auf. Hat er je verstanden, dass er im Gefängnis ist?

Auch im Türkischen heißt Gefängnis "Strafvollzugsanstalt". Ich habe es nicht auf diese Weise erklärt. Ich wollte nicht, dass mein Sohn denkt, wir hätten etwas verbrochen und müssten deswegen bestraft werden. Aber ich habe versucht, ihm zu erklären, dass es ein Ort ist, an dem man nicht freiwillig ist und dass wir daran gehindert werden, ein anderes Leben zu führen. Er hat wahrscheinlich nur verstanden, dass wir nicht raus können.

Die gemeinsame Zeit mit ihrem Sohn in Bakırköy wird auch detailliert in ihrem Buch beschrieben. Der Erscheinungstermin fällt auf den 23. April, der in der Türkei sowohl als Tag des Kindes als auch als Feiertag der nationalen Souveränität gilt. Ein Statement?

Nein. Ich bin nur eine von vielen, die inhaftiert wurde. Mein Fall ist öffentlich geworden, deswegen interessieren sich die Menschen für die Hintergründe. Ich wollte meine Geschichte erzählen, damit die Menschen eine Vorstellung bekommen, was die türkische Bevölkerung alles durchmachen muss, und die Frage aufgreifen, wann es damit zu Ende ist.

Ihr für Januar geplanter Prozess wurde auf den 23. Mai vertagt. Bei einem Schuldspruch drohen Ihnen bis zu 25 Jahre Haft. Werden Sie an diesem Tag zu Ihrem Gerichtstermin in der Türkei erscheinen?

Das ist noch nicht sicher. Ich muss nicht erscheinen und habe bereits ausgesagt. Ich spreche das immer kurz vorher mit meinen Anwälten ab, deshalb steht heute noch nichts fest.

Wollen Sie je wieder zurück in die Türkei, wenn dieser Prozess vorbei ist und Sie freigesprochen werden sollten?

Ich habe nicht komplett mit der Türkei abgeschlossen. Ich habe noch Kollegen, die sich gegen das Regime wehren, die möchte ich unterstützen. Auch wenn ich keinen Funken an die Justiz der Türkei glaube, will ich einen Freispruch. Ich will nicht gehindert werden, wieder in die Türkei einreisen zu können. Wenn ich nicht freigesprochen werde, bleiben die Türen der Türkei für mich wohl eine Zeit lang geschlossen.

Ich werde sicher nicht verstummen

Sie haben keine Angst, wieder eingesperrt zu werden?

Man kann momentan in der Türkei ohnehin nicht damit rechnen, dass Regimekritiker straffrei ausgehen. Sogar Likes und Einträge in sozialen Medien können zu einer Inhaftierung führen. Das gilt ja nicht nur für mich, sondern für jeden. Sich deswegen jedoch einzuschränken, finde ich nicht richtig. Niemand würde sich dann gegen das Regime wehren. Ich will mich nicht selbst zensieren. Klar will ich all das nicht nochmal erleben. Aber ich werde sicher nicht verstummen.

Es heißt, als ihr Flugzeug in Istanbul Richtung Deutschland abhob, hätten Sie aus der Luke des Flugzeugs geschaut und in Nostalgie geschwelgt. "Ich liebe Istanbul" sollen Sie gesagt haben. Wie können Sie eine Stadt, in der Sie so viel verloren haben, noch lieben?

Ich habe heute auch noch Sehnsucht nach Istanbul. Ich verbinde mein Leid nicht mit der Stadt. Das verbinde ich mit der hiesigen Regierung, die die Menschen ihrer Freiheit beraubt. Die Regierung ist daran schuld, dass Menschen zu Unrecht inhaftiert werden - nicht die Stadt, nicht die Türkei und auch nicht die Bevölkerung. Das trenne ich ganz klar. Ich hatte vor meiner Inhaftierung ein schönes Leben in der Türkei. Ich lasse mir nicht die positiven Erfahrungen nehmen. Ansonsten würde ich das Land für das, was die Regierung verbrochen hat, bestrafen.

Sie teilen als Deutsche mit türkischen Wurzeln auf Twitter kräftig gegen den türkischen Präsidenten Erdogan aus. Deutsch-Türken, die mit Erdogan sympathisieren, sprachen dagegen Todesdrohungen gegen Sie aus. Warum hat Erdogan in der deutsch-türkischen Community noch immer Anhänger?

Weil sie die Repressionen und den Alltag nicht miterlebt haben. Sie kriegen nicht mit, wie die Bevölkerung unter dem System leidet. Sie müssen sich nicht tagtäglich Sorgen um ihren Job machen. Sie können in einem Land leben, in dem es Presse- und Meinungsfreiheit gibt, wo vieles läuft. Sie fühlen sich Erdogan zugehörig, weil er immer wieder sagt, dass die Deutsch-Türken auch Teil der Türkei sind. Er schafft eine Zugehörigkeit und stabilisiert das Nationalgefühl dieser Menschen. Das erklärt, warum Menschen Erdogans Partei AKP wählen oder ihn unterstützen.

Die Menschenrechtsverletzungen, die in der Türkei passieren, bekommt man auch in Deutschland mit.

Ja, aber Erdogan vertritt einen Islam, dem sich viele zugehörig fühlen. Für viele Menschen reicht das, um hinter ihm zu stehen. Doch ich glaube, niemand der Erdogan-Anhänger in Deutschland würde in der Türkei leben wollen.

Natürlich hat die Bundesregierung in der Integration Fehler gemacht

Mesut Özils Foto mit Erdogan hat letztes Jahr hohe Wellen geschlagen. Seitdem wird auch wieder vermehrt über die Integration von Deutsch-Türken diskutiert. Hat es hier ein Versagen der Politik gegeben?

Natürlich hat die Bundesregierung in der Integration Fehler gemacht, so dass Menschen sich vielleicht ausgegrenzt gefühlt haben. All das hat zu einem Loch geführt, das sicher von der türkischen Regierung gefüllt wurde. Ich kann mir gut vorstellen, dass unsere gescheiterte Politik durch die türkische Politik Erdogans ersetzt wurde.

Wie bewerten Sie die aktuelle Türkei-Politik der Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat immer wieder versucht, aus dieser Krise mit der Türkei rauszukommen. Dennoch sind deutsche Journalisten ausgewiesen und erst nach öffentlichem Druck wieder ins Land gelassen worden. Das zeigt, dass die Bundesregierung keine klaren Ansagen macht, weshalb die türkische Regierung immer wieder wagt, so ein undemokratisches Verhalten an den Tag zu legen. Man muss hier schon eine klarere Haltung einnehmen und nicht nur reagieren, wenn man selbst von etwas betroffen ist.

Alle schauen zu, wie in der Türkei Unrecht geschieht

"Menschenrechtsverletzungen nehmen stark zu in der Türkei. Das sehen auch die Europäer. Leider tun sie nichts dagegen", haben sie vor einem Jahr in einem Interview beklagt. Was sollten die Europäer dagegen tun?

Es gibt Abkommen, an die sich alle Länder halten müssen, und das wurde auch durch Gerichtsurteile bestätigt. Aber die Türkei hält sich nicht nicht an diese Urteile. Weder der Europäische Gerichtshof, noch die EU-Länder haben der Türkei hier etwas entgegengehalten. Alle schauen zu, wie in der Türkei Unrecht geschieht. Allein auf solche Abkommen zu schauen und hier den Finger in die Wunde zu legen, wäre wünschenswert.

Wirtschaftliche Sanktionen halten Sie nicht für sinnvoll?

Die Türkei ist schon in einer wirtschaftlichen Notlage. Die Menschen spüren schon jetzt die tägliche Krise im Land. Das Einkommen ist zu niedrig, die Arbeitslosenquote ist zu hoch, die Lebensmittelpreise sind in die Höhe geschossen. Mit Wirtschaftssanktionen würde sich die EU ins Bein schießen, weil dort sehr viele europäische Investoren sind. Natürlich kann man ein Land in den Abgrund gehen lassen. Aber es gibt gegenseitige Vereinbarungen zwischen EU-Ländern und der Türkei. Jede Sanktion betrifft auch die Bevölkerung. Man muss sich überlegen, welche Sanktion nicht nur die Bevölkerung trifft, sondern auch ein Signal an die Regierung ist.

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