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Türkei: TV-Moderatorin Banu Güven: "Manchmal blutet mein Herz"

Mesale Tolu wurde entlassen – aber viele Journalisten sitzen weiter in Haft. TV-Moderatorin Banu Güven über das Weitermachen in einem Land voller Angst. Und die Kraft, die sie aufrecht hält.

Von Banu Güven

Mesale Tolu nach Haftentlassung: "Manchmal blutet mein Herz"

Mesale Tolu nach ihrer Freilassung am 18. Dezember 2017

Es war vor ein paar Monaten, als mich ein regierungstreues Nachrichtenportal angriff. "Banu Güven hat sich mit anderen zusammengetan", stand da, "um die Türkei im Ausland schlechtzumachen."

Ich hatte der österreichischen Tageszeitung "Kurier" ein Interview gegeben. Ich sagte, dass ich mich als Journalistin schon öfter in Gefahr befand, aber dass meine Mutter mir noch nie so oft sagen musste: Pass auf dich auf! Ich sagte, dass die Hälfte der türkischen Bevölkerung gegen Erdogan steht. Als man mich nach Pressefreiheit fragte, antwortete ich: "In der Türkei gibt es keine Freiräume mehr." Den regierungstreuen Medien reichte das für eine Schmierkampagne. Sie warfen mir vor, ich hätte für einen PKK-Sender gearbeitet und die Anführer der Terrororganisation interviewt. Dazu zeigten sie ein Foto von dem einzigen Interview, das ich mit den PKK-Vorsitzenden im März 2015 gemacht habe. Nun würde ich mich, hieß es, über mein Land bei den Türkei-Feinden beklagen.

Mesale Tolu darf weiterhin nicht die Türkei verlassen

Ironischerweise erfuhr ich das alles von meiner Mutter. Ein Bekannter hatte ihr den Link geschickt.

Zur Zielscheibe gemacht zu werden ist kein gutes Gefühl, und es wiederholt sich leider ziemlich oft. Es überrascht mich nicht mehr, ich will mich aber auch nicht daran gewöhnen. Innerhalb von vier Monaten habe ich bei der Staatsanwaltschaft sechs Beschwerden eingereicht. Bis jetzt ohne Ergebnisse. Aber – zu reagieren ist besser, als stumm zu bleiben.

Als alles hinzunehmen.

Jetzt sitze ich wieder am Tisch und schreibe, diesmal für das deutsche Publikum. Zu Hause verstehen viele nicht, dass Journalisten und Journalistinnen überall ihr Publikum haben. Wir berichten nicht nur für ein bestimmtes Volk. Die, die sich für das "Volk" halten, hassen uns, weil wir die Wahrheit sagen. Die Wahrheit gefällt ihnen nicht. Sie ist wie eine Sünde, die verborgen werden muss. Woanders davon zu erzählen ist für sie strafbar.

In diesen Tagen kommt die Nachricht, dass Mesale Tolu aus der Untersuchungshaft freikommt. Die Journalistin mit deutschem Pass darf zwar weiterhin nicht die Türkei verlassen, aber es ist ein gutes Signal. Gleichzeitig denke ich an Deniz Yücel und andere Kollegen und Freunde, die noch im Gefängnis sind und vor Gericht. Und immer dasselbe: Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. Als ich an diesem Text zu schreiben begann, wurde Oguz Güven verurteilt. Güven ist der Chefredakteur der Onlineausgabe von "Cumhuriyet". Drei Jahre soll er ins Gefängnis. Zum Teil, weil er mein PKK-Interview retweetet hat. Ihm wird vorgeworfen, bedrohliche Aussagen einer Terrororganisation veröffentlicht zu haben. Dabei enthält mein Interview keine "bedrohlichen Äußerungen". Es stammt aus der Zeit, bevor der Kurdenkonflikt wieder aufflammte.

Präsident Erdogan und seine Frau Emine beim Jahrestag des Putschs im Juli 2017

Präsident Erdogan und seine Frau Emine beim Jahrestag des Putschs im Juli 2017

Nein, dachte ich, das geht nicht, das kann ich nicht akzeptieren. Ich will nicht, dass Oguz wegen meines Interviews wieder in U-Haft genommen wird. Er musste bereits einen Monat in Haft verbringen. Ich rufe Oguz an, er hob gleich ab. Das hätten wir beide nicht erwartet. Er wird Berufung einlegen, sagte er. Dann hörte ich auf zu schreiben. Ich brauche Luft. Ich wollte laufen und über die Konsequenzen dieses Urteils nicht denken.

Man muss sich daran gewöhnen, mit dem Damoklesschwert über dem Kopf zu arbeiten und zu sprechen. Man weiß nie, wann das Schwert fällt. Mein Freund, der Philanthrop Osman Kavala, wurde am 1. November ins Gefängnis geschickt. Ihm werfen sie vor, die Gezi-Proteste organisiert und mit Putschisten Kontakt aufgenommen zu haben. Nach 15 Tagen Gewahrsam und zehn Stunden Verhör kam er in Untersuchungshaft. Es war vier Uhr morgens.

Manchmal schmerzt mein Herz

Und ich denke an die Nacht, die ich im vergangenen Juli im Justizpalast von Istanbul verbracht habe. Es war die Nacht der Verhandlung gegen Peter Steudtner und neun weitere Menschenrechtsaktivisten. Schon oft war ich bis spätabends im Gericht, aber dass ich einmal in dem Gebäude übernachten würde, zusammen mit ein paar Kollegen, das hatte ich mir nicht vorstellen können. Ich werde nie vergessen, wie erschüttert und erschöpft Peter Steudtner und Ali Gharavi aussahen. Morgens um 8.10 Uhr schickte das Gericht sie in Untersuchungshaft.

Erst 113 Tage später fuhr ich gegen Morgen mit ihnen in einem Minibus am Justizpalast vorbei, diesmal in die Gegenrichtung: in die Freiheit. Wir waren sehr froh, nur – richtig feiern konnten wir nicht. Am Tag davor hatte der Chefredakteur von "Cumhuriyet", Murat Sabuncu, Geburtstag. Er verbrachte ihn im Gefängnis.

Auch Murat sah ich das letzte Mal in einem Gerichtssaal, gemeinsam mit dem Journalisten Ahmet Sik. Wir winkten uns über Dutzende von Gendarmen hinweg zu. "Wie geht's?", fragten wir uns gegenseitig. "Gut." So gut, wie es einem unter den Umständen eben gehen kann.

Manchmal schmerzt mein Herz.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich in der Menschenmenge befand und versuchte, die Aufmerksamkeit eines inhaftierten Freundes zu gewinnen. Ihm zu sagen: Das war eine tolle Verteidigung!

Seit dem Putsch beseitigt Erdogan alle Gegner. Er räumte sich den Weg frei zum Verfassungsreferendum im vergangenen April. Am Abend des Referendums saß ich da und wusste nicht, was ich tun sollte. Zum zweiten Mal in meiner Karriere konnte ich über einen Wahlausgang nicht live im Studio berichten. Das erste Mal war 2011 gewesen, nachdem mich mein Sender NTV entlassen hatte. Jetzt, 2017, gab es den Sender nicht mehr, der mich danach anstellte.

Das Wahlergebnis war frustrierend. Unser parlamentarisches System und die Gewaltenteilung wurden uns mit einer knappen Mehrheit aus den Händen gerissen. Wenn auch mit Mühe und Not – Erdogan hat sein Ziel erreicht: die Allmacht. Sein nächstes Ziel sind die Präsidentschaftswahlen 2019. Er zieht die Zügel noch fester, weil er das Referendum in Istanbul und Ankara verloren hat. Die Bürgermeister beider Städte drängte er aus dem Amt.

Große Hoffnungen mache ich mir nicht. Erdogan hat den Korruptionsskandal von 2013 überlebt. Seine Anhänger lieben ihn. Sie brauchen ihn auch, damit sie ihre durch ihn erhaltene alltägliche und wirtschaftliche Macht nicht verlieren.

Mut kann ansteckend sein

Immerhin aber fühlt sich Erdogan bedroht. Deswegen wird er gegen seine Gegner, vor allem gegen den Oppositionsführer Kiliçdaroglu, alles Mögliche unternehmen. Ob die unglückliche Hälfte der Gesellschaft dann zusammenhalten wird, ist die Frage. Denn Erdogans Gegner sind unter sich sehr gespalten: Kemalisten, Nationalisten, Kurden, Linke.

Anders ist es bei den Frauen. Sie müssen kämpfen. Gegen die vielen Frauenmorde, gegen sexistische Angriffe wegen ihrer Kleidung in einer immer konservativeren Gesellschaft. Sie verlangen aber auch mehr: Frieden. Und Demokratie. Am 8. März eroberten Zehntausende Frauen die Hauptstraße des Stadtzentrums in Istanbul. Frauen jedes Alters, Feministinnen und Gläubige, alle sangen, tanzten und riefen ein lautes "Nein".

Ein Nein nicht nur zum bevorstehenden Referendum. Es war auch ein Nein zu Erdogans Haltung. Zu Aussagen wie: Männer und Frauen seien von Natur aus nicht gleichgestellt. Eine Frau müsse vor allem Mutter werden, mindestens drei Kinder auf die Welt bringen. Abtreibung sei Mord, Kaiserschnitt eine Sünde und Geburtenkontrolle im Islam nicht erlaubt.

Der Ex-Vizepremier Bülent Arinç sagte einmal, Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht laut lachen. Die Antwort der Frauen waren regelmäßige Lachkundgebungen. Am 8. März riefen sie deswegen laut lachend: "Ha-Ha-Ha-Hayir!", auf Deutsch: "Ha-Ha-Ha-Nein!"

Es gibt hoffnungsvolle Momente. Wenn Kollegen freikommen, wie jetzt Mesale Tolu. Oder dieser 8. März, als wir sangen: "Frauen könnten die Welt aus den Angeln heben." In dem Moment glaubte ich daran, dass wir es eines Tages schaffen könnten. Wenn nicht die ganze Welt, dann halt zunächst die Türkei.

Oder wie der kurdische Politiker Selahattin Demirtas in seinem verbotenen Gedicht sagt: Mut kann ansteckend sein.

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