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TV-Kritik

"Maischberger": Wie Mesale Tolus kleiner Sohn der Anti-Terror-Einheit trotzte: "Er hat Größe gezeigt"

Mesale Tolu spricht bei "Maischberger" über ihre Festnahme. Ihr Bericht scheint klar zu machen: Dem türkischen Präsidenten Erdogan darf in Deutschland nicht der rote Teppich ausgerollt werden. Europapolitiker Elmar Brok sieht das allerdings anders.

Mesale Tolu berichtet bei "Maischberger" von ihrer Festnahme und ihrer Haft in einem türkischen Gefängnis

Mesale Tolu berichtet bei "Maischberger" von ihrer Festnahme und ihrer Haft in einem türkischen Gefängnis

An dem Tag, an dem Außenminister Heiko Maas (SPD) die Türkei besuchte, fragte Sandra Maischberger nach dem richtigen Umgang mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der will in gut drei Wochen nach Deutschland kommen, doch soll man dem Autokraten wirklich den roten Teppich auslegen? Die Verbindungen zwischen den beiden Staaten sind seit den 1950er-Jahren vielfältig und eng; aufgrund des rigorosen Kurses Erdogans aber zerrüttet. Die EU ist auf die Türkei in der Flüchtlingsfrage angewiesen; gleichzeitig braucht das Land am Bosporus angesichts einer drohenden Wirtschaftskrise das Wohlwollen der Europäer.

Doch wo soll das herkommen angesichts zahlloser politischer Gefangener, die offenbar nicht mit einem fairen Verfahren rechnen können? Just am Tag vor dem Maas-Besuch in Ankara wurde in Bulgarien ein weiterer deutscher Staatsbürger auf Betreiben der Türkei festgenommen. Mindestens sieben weitere Deutsche sind noch in der Türkei in Haft. Die viel beachtete Freilassung der deutschen Journalistin Mesale Tolu wurde als Versuch Erdogans interpretiert, vor dem Besuch in Deutschland Gutwetter zu machen. Wie also umgehen mit Erdogan?

Wer diskutierte bei Maischberger?

Mesale Tolu (Journalistin und Übersetzerin, sieben Monate in türkischer Untersuchungshaft): "Die Türkei ist kein Rechtsstaat."

Günter Wallraff (Schriftsteller, Enthüllungsjournalist): "Diesen Despoten empfängt man nicht mit aller Ehrerbietung."

Elmar Brok (CDU-Europa-Abgeordneter): "Wir haben schon ganz anderen Staatsoberhäuptern mit Blut an den Händen den roten Teppich ausgerollt."

Cigdem Akyol (Journalistin, Erdogan-Biografin): "Die Türkei ist keine Diktatur. Wir sollten mit solchen Begriffen nicht so beliebig umgehen."

Erkan Arikan (TV-Moderator): "Deutschland muss Erdogan die Hand reichen, auch wenn das vielen nicht gefällt."

Clemens Fuest (Chef des Ifo-Instituts): "Wir müssen uns massive Sorgen machen. Der türkischen Regierung ist es nicht gelungen, vertrauensbildende Maßnahmen für Investoren einzuleiten."

Wie lief die Diskussion?

Günter Wallraff konnte nicht aus seiner Rolle. Einen Despoten wie Erdogan mit allen Ehren zu empfangen, sei falsch: "Der lacht über uns".

Doch es war der erfahrene Europapolitiker Elmar Brok, der der Frage der Sendung ihre Schärfe nahm - und dessen Argumentation auch Wallraff letztlich nichts entgegenzusetzen hatte. Roter Teppich für Erdogan - na und? "Ich habe kein Problem damit, weil es gewöhnlich ist", degradierte der CDU-Mann das Protokoll für Staatspräsidenten. "Das ist Routine, keine besondere Ehre". Viel wichtiger sei, die schwache Lage Erdogans auszunutzen, die sich aus der immer schlimmer werdenden Wirtschaftskrise ergebe. Erdogan habe erkennen müssen, dass seine Großmachtgelüste nicht tragen. "Und jetzt kommt er an", so Brok. Nur die EU, so zeige sich, biete die Märkte, die die türkische Wirtschaft brauche. Die für die Türkei wichtige Ausweitung der Zollunion mit der EU und die Visa-Freiheit seien von Seiten der Europäer stets mit Bedingungen verknüpft worden. Nun sei die Chance da, dass diese Bedingungen erfüllt würden - nicht zuletzt in der Menschenrechtsfrage, so Brok.

Auch Wirtschaftsexperte Clemens Fuest, der die wirtschaftliche Lage der Türkei als "sehr schlimm" diagnostizierte, plädierte dafür, dem Land nicht beim Zusammenbruch zuzuschauen. "Wir wissen nicht, wie Erdogan reagiert, wenn es zum Kollaps kommen sollte", so Fuest. Mit Abschottung? Mit einem Austritt aus der Nato? Das alles in einer sehr fragilen Region. "Diese Risiken sollten wir nicht eingehen", so Fuest. Der Westen habe ein starkes Interesse an einer stabilisierten Türkei, da niemandem an einer weiteren Destabilisierung des Nahen Ostens gelegen sein könne.

Erdogan-Biografin Cigdem Akyol erinnerte daran, dass in einer Wirtschaftskrise vor allem die einfachen Leute leiden. "Die Menschen in der Türkei merken die Krise im Alltag sehr stark", ergänzte TV-Moderator Erkan Arikan. Innerhalb eines Tages könnten die Preise etwa für Fleisch um 15 bis 20 Prozent steigen. Die Grundnahrungsmittel würden immer teurer. "Da ist es doch ein viel stärkeres Signal zu zeigen: Wir sind da", so Akyol, "allerdings unter Bedingungen."

Der besondere Moment

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu, die vor wenigen Tagen aus der Untersuchungshaft in der Türkei frei gekommen ist, wurde abseits der Runde von Sandra Maischberger befragt. Die in Ulm geborene 34-Jährige berichtete von ihrer Festnahme durch eine 10-köpfige, rigoros vorgehende, bewaffnete Anti-Terror-Einheit. "Einer der Männer hat sich auf mich gesetzt", berichtete sie von der Aktion um halb 5 Uhr morgens. Die gesamte Wohnung sei durchsucht worden, sie als "deutsche Agentin und Spionin" festgenommen worden.

Auch ins Kinderzimmer ihres zweijährigen Sohnes Serkan seien bewaffnete Männer gestürmt. Sie habe den Jungen, der auf seine Mutter fixiert gewesen sei, schließlich bei Nachbarn lassen müssen, die sie nur vom Grüßen her kannte. Dort würde der Opa kommen und ihn abholen, habe sie ihrem Kind noch erklären können. "Mein Sohn hat einfach begriffen, dass es eine spezielle Situation war. Er hat Größe gezeigt", sagte Mesale Tolu stolz. "Er hat nicht geweint. Ich habe geweint, aber er hat nicht geweint."

Doch später ging es dem Jungen schlecht. Wie der Großvater ihr klarmachte, sei Serkan sauer auf Tolu, "weil er denkt, Du hast ihn verlassen." Daher fiel die Entscheidung, den Kleinen zu ihr ins Gefängnis zu bringen, weil eine weitere Trennung schlimmer gewesen wäre als ein Aufenthalt in der Haft. Mehr als 80 Kinder seien in dem Frauengefängnis, in dem auch Mesale Tolu festgehalten wurde, gewesen; in ihrer Zelle sei Serkan jedoch das einzige Kind gewesen.

Spielzeuge, selbst ein Ball, seien allerdings nicht erlaubt gewesen. Viele Frauen, auch aus Deutschland, hätten Malbücher für den Jungen geschickt. "Die Frauensolidarität hat mir sehr geholfen", berichtete Mesale Tolu. Doch die Malbücher blieben nutzlos, da Stifte wiederum verboten waren. "So haben wir aus Papier Flugzeuge gebastelt" und manch andere kreative Idee entwickelt. Dennoch leide Serkan nun unter Trennungs- und Verlustängsten. Zudem habe der Kleine durchaus Erinnerungen an den Aufenthalt im Gefängnis. "Da gehst Du nicht mehr hin, oder?", frage Serkan seie Mutter immer wieder.

Dass Mesale Tolu wieder in ein türkisches Gefängnis kommt, ist allerdings nicht ausgeschlossen. Das Verfahren gegen sie sei nicht ausgesetzt, ihr drohten angeblich 20 Jahre Haft wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda. Trotzdem will sie zurück in die Türkei, da ihr Mann Suat Corlu noch da sei. Das Verfahren gegen Corlu und ihres seien zusammengelegt worden, die Vorwürfe identisch, dennoch habe sie ausreisen dürfen und ihr Mann nicht. "Das zeigt die Willkürjustiz", so Tolu. Ob es wirklich ratsam sei, wieder in die Türkei zu reisen, wird sie mit ihren Anwälten besprechen müssen. Es könne aber nichts passieren, glaubt die Journalistin, "außer, dass sie mich nicht rein lassen."

Die wichtigsten Zitate

  • "Eine türkischer Macho wird sich nicht bei einer Dame entschuldigen. Das sollte man auch nicht zur Bedingung machen. Es würde mich freuen, aber ich bin Realist." (Elmar Brok zur Frage, ob sich Erdogan wegen seiner Nazi-Vergleiche bei Angela Merkel entschuldigen werde.)
  • "Nazi- und Hitler-Vergleiche sind in der Türkei nicht so ungewöhnlich. Das hat es auch früher schon gegeben." (Cigdem Akyol)
  • "Mit der deutschen Brille betrachtet ist Erdogan ein Despot und Autokrat. Mit der türkischen Brille betrachtet ist er ein starker Mann." (Erkan Arikan)
  • "Erdogan hat die türkische Gesellschaft umgekrempelt. Eine islamo-faschistische Diktatur, das ist sein Fernziel und er ist auf einem guten Weg." (Günter Wallraff)
  • "Erdogan hat die Demokratie lediglich benutzt. Dass, was jetzt in der Türkei ist, hat sich seit Jahrzehnten angekündigt. Sein Ziel war stets das Präsidialsystem." (Cigdem Akyol)
  • "Die 2. bis 4. Generation der Türken in Deutschland hat keine Vorbilder in der deutschen Politik. Jeder, der die Türkei basht, ist für die nicht wählbar. Sie sind angekommen, fühlen sich aber nicht angenommen." Daher rühre die Anerkennung für Erdogan. (Erkan Arikan)
  • "Erdogan will kein osmanisches Reich. Das ist politisches Geplänkel, um von Problemen abzulenken." (Cigdem Akyol)
  • "Die Infrastruktur hat Erdogan dramatisch gut ausgebaut. Er hat in Istanbul zwei Flughäfen gebaut, wo wir nicht mal einen hinkriegen, böse gesagt. Doch der Boom ist vorbei." (Elmar Brok)
  • "Erdogan verschreckt das Ausland, hat aber gleichzeitig im Ausland hohe Schulden. Das passt nicht zusammen. Zudem ist die Türkei zu sehr in Auslandswährungen verschuldet." (Clemens Fuest)

Fazit

Die selbst verschuldete Wirtschaftskrise zwingt Erdogan zu Zugeständnissen. Diese Chance, da ist sich die Runde letztlich einig, dürfe man nicht verstreichen lassen. Wird Erdogan aber auch 2023, im Jahr des 100-jährigen Bestehens der Türkei, noch Präsident sein?, fragt Sandra Maischberger. "Regime können schnell implodieren", stellte Elmar Brok fest, wagte aber keine Prognose. Günter Wallraff glaubt dagegen fest an ein Aus Erdogans binnen der kommenden zwei bis vier Jahre, weil die Krise zu Wahlverlusten und zur Abkehr vieler Unterstützter des Autokraten führen werde. "Dann muss er sich vor Gericht verantworten, wenn er nicht im Exil in Bahrain ist", so Wallraff. Widerspruch erntete er von Erkan Arikan: "Erdogan wird dann sicher noch Präsident sein, weil es keine fähige Opposition gibt." Auch Erdogan sei endlich, meinte seine Biografin Cigdem Akyol, aber 2023 sei er sicher noch im Amt. Und viele Menschen würden darunter zu leiden haben.

tis