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Mongolei: Jagen mit dem König der Lüfte

Die besten Adler sind die mit dem roten Feuer in den Augen, sagen die Nomaden im Altai-Gebirge. Mit den Raubvögeln auf Jagd zu gehen ist für sie der Inbegriff von Freiheit - seit über 5000 Jahren.

Wind pfeift über den Höhenkamm. Der Adler stößt laute, krächzende Schreie aus. Jeniskhan murmelt ein Gebet, das reiche Beute bescheren soll. Behutsam zieht er dann die maßgeschneiderte Lederhaube nach unten über den krummen, spitzen Schnabel seines Adlers: Jeniskhan entsichert seine Waffe.

Die rötlichen, knopfgroßen Adleraugen blitzen. Schneller Blick nach links, schneller Blick nach rechts. Der Steinadler, einer der stärksten Greifvögel, ist bereit. Einen Wolf etwa kann er auf zwei Kilometer Entfernung ausmachen und mit der Kraft seiner Fänge schlagen. Er breitet seine Schwingen aus und erhebt sich in die Luft, hoch über dem steil abfallenden Bergrücken. Granitfels, Höhlen, keine Menschenseele.

"Mit einem Gewehr kann jeder jagen", sagt Jeniskhan. Der kalte Wind treibt dem Kasachen Tränen in die Augen, die nun über sein zerfurchtes Gesicht rinnen. "Mit Adlern ist das Jagen eine Kunst. Jedes Mal ein neues Abenteuer."

Hier, im Altai-Gebirge, in der Mitte Zentralasiens, begründeten die Ahnen des 61-jährigen Nomaden einst den Ursprung der Falknerei. Heute ist es der letzte Platz auf Erden, wo diese Kunst noch in ihrer reinsten Form existiert. "Land der Gewinner" heißt der gottverlassene Flecken Erde in der von Schneebergen gesäumten Ebene, 2020 Meter hoch, wo Jeniskhan mit seiner Sippe wohnt. Fünf Erwachsene, zehn Kinder, 400 Schafe, 35 Pferde, 18 Yaks, ein Adler. Hier fühlen sich die Könige der Lüfte wohl. Hohe Berge, steile Felsen und jede Menge Beute. Füchse, Hasen, Wölfe, Schneeleoparden.

Gleich nach dem Aufstehen ist Jeniskhan vor seine Hütte getreten, um nach dem Wetter zu schauen, dann hat er sich seinem Adler zugewandt, der im Vorraum der Hütte mit seinen krächzenden Schreien Jagdlust signalisierte. Er hat dem Vogel über Rücken und Beine gestreichelt, hat ihm den Bauch gekrault und mit ihm gesprochen. Mit Khana, wie hier die fünfjährigen weiblichen Adler genannt werden. Khana bedeutet: "In dem blutigen Jahr".

Jagdglück war Voraussetzung fürs Überleben


Um sieben Uhr ist durch das einzige Fenster von Jeniskhans 30-Quadratmeter-Behausung noch kein Blick nach draußen möglich. Es ist von innen zugefroren. Bilkei, seine Frau, heizt ein. Cirirsul, 17, seine jüngste Tochter, hackt Eis und wirft es zum Schmelzen in den großen Topf. Nurgut, die Schwiegertochter, serviert gesalzenen Tee mit Stutenmilch auf dem niedrigen Tischchen, an dem Jeniskhan auf einem abgewetzten Hocker kauert, direkt neben seinem Bett. Er tunkt einen steinharten Brocken getrockneten Quark in den Salztee, schmatzt und denkt laut über Khana nach: "Ihre Muskeln sind locker, der Magen leer, ihr Blick wach. Khana ist hungrig. Wenn sie hungrig ist, ist sie gut. Heute wird ein guter Tag für uns."

Einst war das Jagdglück Voraussetzung für das Überleben der Sippe. "5000 Jahre alte Steinzeichnungen zeugen von der langen Geschichte der Adlerjagd", sagt Atai Aytkam, der 47-jährige Chef des "Altai Tavan Bogd"-Nationalparks. "Sie zeigen Jäger zu Pferd mit einem Adler auf dem Arm." Marco Polo, Ende des 13.

Jahrhunderts am Hofe des Mongolenherrschers Kublai-Khan, damals Kaiser von China, notierte: "Seine Majestät lässt auch Adler abrichten, (um) auf Wölfe zu jagen. Sie sind so groß und stark, dass sich kein Wolf ihren Klauen entreißen kann."

"Mein Vater hat 75 Jahre lang mit Adlern gejagt", erzählt Jeniskhan. "Ich bin Adlerjäger seit 45 Jahren. Und natürlich jagt auch mein Sohn. So gehört sich das. Es ist eine Fortführung der Tradition." Und ein nicht ganz billiges Hobby. Ein Adler wie Khana vertilgt in einem Jahr so viel Fleisch, wie eine Kuh und ein Schaf zusammen auf die Waage bringen. Manchmal, wenn ein Wolf ein Tier von Jeniskhans Herde schlägt, bekommt Khana den Rest, den der Räuber liegen lässt.

Schafsdung dient zum Heizen


"Ich mache mit der Wolle meiner Schafe zweieinhalb Millionen Tugrik im Jahr, das sind gut 2000 Dollar", sagt Jeniskhan. "Das reicht zum Leben." Milch, Käse, Quark, Fleisch - alles hat er von seinen Herden. Der Dung dient zum Heizen. "Was will ich mehr?", fragt der Alte. Der Adler und die Jagd sind für ihn ein Symbol von Freiheit. "Der Adler ist der König der Lüfte, der Mensch ist der Herrscher auf Erden. Gemeinsam sind wir unschlagbar."

Khana kreist über der Gebirgslandschaft. Manchmal verschwindet sie hinter einem Bergrücken. Jeniskhan zündet sich erst einmal eine der zahlreichen Filterlosen an, die wie ein Misthaufen stinken. Sein drahtiger Körper steckt in einem schwarzen Mantel, dick gefüttert mit Schafwolle und Fuchsfell. Füchse lieferten auch das Futter seines roten Hutes. Die langen Lappen über Ohren und Nacken sind aus dem Fell von 24 Läufen gemacht.

Seine Adler und er haben schon weit über 1000 Füchse und einen Wolf erlegt. Jeniskhan ist ein stolzer Jäger, der mit durchgestrecktem Rücken ins Revier reitet, den Raubvogel auf dem rechten Arm, den Arm auf eine Holzgabel gestützt. Der Sattel ist über 100 Jahre alt, ein Erbstück. Das Blattgold ist längst von den silbernen Beschlägen abgeblättert. Seiner Khana hat er lederne Krallenschützer angelegt, genäht von seiner Mutter, vor 80 Jahren schon. "Damit der Adler das Fell der Beute nicht zerfetzt", erklärt der Alte.

Stets in gebührendem Abstand folgt Dastan, sein Sohn, einen schrundigen Karabiner geschultert. Der 22-Jährige hat seinen eigenen Adler schon bei der ersten Jagd der Saison im September verloren. Der war unerfahren, ein "balapa", wie die Einjährigen heißen. Er stürzte sich im Sturzflug auf einen Hasen, etwa mit Tempo 100. Starker Wind machte ihm zu schaffen. Der Hase schlug im letzten Moment einen Haken. Der Adler krachte gegen den Fels, war sofort tot. "Es war furchtbar", sagt Dastan. Er stieg mit seinem toten Vogel auf den Gipfel eines Berges und beerdigte ihn unter Steinen. Er sollte dem Himmel möglichst nahe sein.

Gelb-rötliches Gefieder gilt als Qualitätsmerkmal


"Wichtig ist, dass du den richtigen Adler hast", sagt Jeniskhan. Lange, kräftige Klauen muss er haben. Der Alte schwört, dass Exemplare mit roten Augen die besten Jäger sind. Es gibt Bücher in der Mongolei, die sich dem Thema widmen. Gelb-rötliches Gefieder im Nacken gilt als Qualitätsmerkmal. Gekräuselte, weiße Federn an den Beinen ebenso. Besonders aggressive Adler sollen einen schwarzen Punkt unter der Zunge haben. Jägerlatein? Die Erkenntnis jedenfalls, dass weibliche Tiere die weitaus besseren Jagdgehilfen sind, teilen sämtliche Adlerjäger. Weibchen sind größer, kräftiger. "Und vor allem angriffslustig", sagt Jeniskhan.

Er war fünf, als er seinem Vater zum ersten Mal helfen durfte, dessen Adler zu füttern. Im Sommer steht meist fettes Murmeltier auf dem Speiseplan, jeden Tag etwa ein Kilo. Im Winter, in der Jagdsaison, gibt‘s Hase. Aber nur jeden dritten Tag, und das Fleisch wird vorher mit Wasser gespült, um Nährstoffe auszuwaschen. Das reinigt den Magen von Fett. Und immer nur kleine Portionen, gerade genug, um den Adler bei Kräften, aber immer hungrig zu halten. "Das ist das Wichtigste", sagt Jeniskhan. "Wenn der Adler satt ist, kommt er nicht mehr zurück."

Mit sieben durfte der Junge schon seinem Vater beim Training assistieren. Mit Hilfe einer Stange lehrte er den Adler, auf dem Arm zu sitzen. Langsam gewöhnte er ihn an die Haube. Nach zwei Wochen landete der Raubvogel bereits auf dem ausgestreckten Arm des Meisters, um ein Stückchen Fleisch zu schnappen. Nach und nach werden die Flugdistanzen erhöht. Zur Belohnung bekommt der Adler immer etwas zu essen. "Du musst viel reden mit ihm, ihn viel streicheln, ihr müsst Freunde werden", hatte ihm schon sein Vater gesagt, "der Adler soll ein Mitglied der Familie sein." Als Jeniskhan 14 war, hat ihm der Vater erlaubt, seinen ersten eigenen Adler zu holen.

Es war Anfang Juli. Wenn selbst hier im Tal des Weißen Flusses das Thermometer auf 20 Grad steigt, sind die frisch geschlüpften Adler kurz davor, zum ersten Mal aus dem Nest zu fliegen. Das ist die Zeit, sie aus dem Horst zu rauben. Adlerjäger reiten oft Tage, um ein geeignetes Nest zu finden. Jeniskhan stand mit seinem Vater schließlich auf einem Felsen, der Adlerhorst zehn Meter senkrecht unter ihnen. Die Adler-Eltern waren gerade ausgeflogen. Nur die zwei Jungen waren da. "Die sahen so klein aus. Ich habe meinen Vater zweimal gefragt, ob das wirklich Adler sind", erzählt er.

Ritterschlag für Jeniskhan


Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er hatte Angst. Die Adler-Eltern konnten jeden Moment zurückkommen und ihn attackieren. Der Vater sprach ihm Mut zu. Der Bruder ließ ihn, gesichert an einem Seil, hinab in die Tiefe. Jeniskhan wickelte das Junge in eine Jacke und kletterte wieder nach oben. Das war der Ritterschlag. Jeniskhan hatte seinen ersten eigenen Adler. Seither holt er sich alle fünf Jahre einen neuen, dann trennt er sich von dem alten Adler, schenkt ihm die Freiheit wieder.

"Nach fünf Jahren sind sie nicht mehr angriffslustig genug", sagt Jeniskhan. Manchmal holt er sich drei, vier Adler, um unter ihnen den aggressivsten auszuwählen. Die übrigen werden an Freunde verschenkt. Noch ist kein Mangel. Doch in letzter Zeit tauchen immer häufiger reiche Araber in der Provinzhauptstadt auf. Für 100 Dollar, heißt es, sei dort ein Adler auf dem Schwarzmarkt zu haben. Jeniskhan verkauft höchstens die Felle der erlegten Füchse. Zehn Dollar das Stück.

Auch sein Enkel Dosgun kennt schon jedes Adlernest im Umkreis von 50 Kilometern. "Ich bin gespalten", sagt Jeniskhan, "der Raub ihrer Jungen ist für die Adler so, als ob man mir eines meiner neun Kinder nehmen würde. Aber ich bin Kasache. Ich muss einen Adler nach Hause bringen." Tradition - der Alte weiß, dass dies nur ein anderes Wort ist für die unstillbare Lust auf die Jagd. Die ihn auch heute wieder hinausgetrieben hat.

Eiskalter Wind fegt über die Hochebene. Der Alte hustet furchterregend. Er setzt seinen abgewetzten Feldstecher an. Den hat er noch von den Kommunisten. In den langen Jahren, als die Mongolei eine De-facto-Kolonie der Sowjets war, galt selbst für Adlerjäger ein Plansoll, 60 Füchse pro Saison. Die Felle waren begehrt. Gute Jäger bekamen ein Fernglas als Prämie. Und Jeniskhan war immer einer der Besten. Noch immer kreist Khana über den Reitern, doch nirgendwo ist ein Beutetier in Sicht. Dastan steigt ab, wirft auf Geheiß des Vaters Steine in den Steilhang. Das Echo verhallt. Weit und breit lässt sich kein Fuchs aufscheuchen.

Vom höchsten Punkt der Berge lassen Vater und Sohn Khana noch einmal starten und reiten ins Tal. Oben kreist der Adler schwerelos. Jeniskhan zündet sich eine neue Filterlose an. "Der Fuchs hat 40 Finten, dem Menschen zu entwischen. Der Mensch aber hat eine entscheidende Finte mehr. Er kann sich einen Adler vom Himmel holen", sagt er, bindet einen toten Fuchs vom Sattel und zieht ihn an einer Leine hinter sich her. "Kra, Kra, Kra", brüllt er: Khana soll kommen. Der Adler schwebt knapp 500 Meter über ihnen. Noch späht er nach Beute. Doch plötzlich setzt er zum Sturzflug an und wirft sich auf den toten Fuchs.

Bei seiner Hütte will es Jeniskhan noch einmal versuchen. Er steigt auf einen Fels. Wieder nimmt er Khana die Kappe ab, zeigt ihr, wohin es geht. Khana startet, steigt empor und stürzt sich auf einen flüchtenden Hasen, verfehlt die Beute um Haaresbreite. Dastan erlegt das Tier mit einem Schuss. Regungslos bleibt Khana sitzen. Nun folgt sie nicht mal mehr den Lockrufen ihres Meisters. Der muss zu ihr gehen, um sie aufzunehmen.

Festmahl: erschossener Hase auf Schafsfell


Nach vier Stunden Jagd ist Jeniskhan müde. Vorbei die Zeiten, als er noch zwölf Stunden am Stück ausreiten konnte. Zur Stärkung gibt‘s in der kleinen Hütte Nudeln mit Pferdefleisch. Der Adlerjäger ist heiser vom vielen Schreien, seine Stimmung ist schlecht. Die reiche Beute von vergangener Woche kann daran nichts ändern. "Khana ist nicht zu mir zurückgekommen", sagt der Alte. "Sie hätte gern weiter gejagt." Jeniskhan eigentlich auch. Aber das Alter fordert seinen Tribut. In ein Tagebuch notiert er Details der Jagd und den Kommentar: "Harte Arbeit."

Wie ein Festmahl serviert er danach seiner Khana den erschossenen Hasen vor der Hütte. Auf einem großen Schaffell, damit kein Sandkörnchen die Delikatesse verdirbt. Gierig hackt der Adler in das Tier und reißt zunächst das Fell in Stücke. Der eisige Wind treibt die Haarbüschel hinauf ins Gebirge. Dorthin, wo Khana im Mai in die Freiheit entlassen wird. Jeniskhan wird ihr als Abschiedsmahl wieder einen Hasen kredenzen und dann mit ihr auf einen der umliegenden Gipfel reiten. Er wird ihr einen zweiten Hasen niederlegen, für den Fall, dass sie nicht rechtzeitig selbst ein Tier erbeutet. Er wird ihr die Lederriemen, Geschüh genannt, abnehmen und als Zeichen seiner Hochachtung ein kleines, blaues Band anbringen, bevor er sie endgültig in Freiheit entlässt.

Ein Jahr lang wird Khana ganz in der Nähe ihr alten Heimat nisten. Sie wird immer wieder über Jeniskhans Hütte fliegen und beobachten können, ob ihr ehemaliger Meister weiter jagt.

Und vielleicht wird sie Zeuge, wie sein Enkel, der kleine Dosgun, seinen ersten Adler bekommt.

Joachim Rienhardt / print