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Erneut Mord an junger Frau: Die Türkei schreit auf - männliche Gewalt nimmt zu

Jedes Jahr werden in der Türkei Hunderte Frauen ermordet - durch männliche Hand. 2014 waren es mehr als 280. Der jüngste Sexualmord brachte das Fass zum Überlaufen: Tausende gehen nun auf die Straße.

Der Sexualmord an der Studentin Özgecan Aslan brachte in der Türkei das Fass zum Überlaufen: Hunderte Frauen gehen nun gegen männliche Gewalt auf die Straße

Der Sexualmord an der Studentin Özgecan Aslan brachte in der Türkei das Fass zum Überlaufen: Hunderte Frauen gehen nun gegen männliche Gewalt auf die Straße

Viele sind in Schwarz gekommen. Sie stehen stumm im Regen in der Istanbuler Innenstadt und halten Transparente mit dem Bild der getöteten Studentin Özgecan Aslan hoch. Seit Freitag protestieren in der Türkei Menschen gegen Gewalt gegen Frauen. Manchmal Hunderte, wie am Montagabend in Istanbul, oder Tausende, wie in der südtürkischen Provinz Mersin, aus der die junge Frau stammt. Die Brutalität des Mordes hat die Menschen im ganzen Land aufgeschreckt und erneut eine Diskussion über die Lage der Frauen in der Türkei ausgelöst, was an eine ähnliche Debatte in Indien erinnert.

Ein Minibusfahrer hatte vergangene Woche versucht, die 20-jährige Aslan zu vergewaltigen, nachdem alle Fahrgäste ausgestiegen waren. Als sie sich wehrte, attackierte er sie mit einem Messer und schlug mit einer Eisenstange auf ihren Kopf ein. Mithilfe seines Vaters und eines Freundes verbrannte er die Leiche anschließend.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren einen Anstieg männlicher Gewalt gegen Frauen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des unabhängigen Portals "Bianet" 281 Frauen von Männern ermordet. Im Jahr 2013 waren es 214 Opfer.

Gewalt an Frauen wird häufig verharmlost

"Der Mord an Özgecan hat das Fass zum Überlaufen gebracht", sagt die Demonstrantin Sevinc Uluer in Istanbul. In der Türkei werde Gewalt gegen Frauen oft als Kavaliersdelikt behandelt. "Für viele Männer sind Frauen selbst mitverantwortlich, wenn sie vergewaltigt werden. Sie sagen etwa, dass sich Frauen nicht so aufreizend kleiden sollen, und Richter zeigen dafür noch Verständnis."

Teil des Problems sei, dass Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP sich immer wieder sexistisch äußerten, sagt Uluer. Dass sowohl Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als auch Ministerpräsident Ahmet Davutoglu den Mord an Aslan scharf verurteilten, ändert für die 49-Jährige nichts am Grundproblem.

In den Fokus sind durch den Mord an der Studentin auch wieder umstrittene Aussagen islamisch-konservativer Politiker geraten, die regelmäßig für Irritationen sorgen. Im November etwa erklärte der heutige Präsident und einstige AKP-Mitbegründer Erdogan, Frauen und Männer könnten nicht völlig gleichberechtigt sein. Der AKP-Bürgermeister der Hauptstadt Ankara, Melih Gökcek, forderte vor drei Jahren bei einer Debatte über Abtreibungen, Frauen sollten ein Kind auch nach einer Vergewaltigung zur Welt bringen müssen.

Der türkische #aufschrei

Die Sprecherin der Plattform "Wir werden Morde an Frauen stoppen", Gülsüm Kar, kritisiert: "Die Politik mischt sich von der Geburt bis zum Tod in das Privatleben der Frauen ein. Doch sie unternimmt zu wenig, um sie zu schützen." So gebe es zwar ein Gesetz zum Schutz von Frauen gegen männliche Gewalt, es werde jedoch selten angewendet. Kar fordert außerdem, Morde an Frauen sollten härter bestraft werden als solche an Männern.

Der 30-jährige Ozan, der ebenfalls an der Demonstration in Istanbul teilnimmt, sagt, die Türkei sei schon immer eine patriarchalische Gesellschaft gewesen - auch bevor die AKP-Regierung im Jahr 2002 an die Macht kam. Die türkische Gesellschaft habe jedoch genug von der ständigen Diskriminierung.

Eine Aktion auf Twitter unter dem Hashtag #sendeanlat ("Erzähl auch du es") gibt ihm jedoch Hoffnung. Dort berichten Türkinnen als Reaktion auf den Mord an Aslan über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt. "Früher hätte niemand so etwas öffentlich zugegeben", sagt Ozan. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung".

Mirjam Schmitt/DPA / DPA