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Zweiter Weltkrieg: Nazi-Terror und die erste Liebe – das Holocaust-Tagebuch eines jungen Mädchens

Zwischen 1939 und 1942 schreibt Renia Spiegel auf, wie ihr Land, Polen, von den Deutschen zermalmt und Juden wie sie entrechtet und verfolgt wurden. Sie schreibt aber auch über eine große Liebe, die die Nazis nicht zerstören konnten

Renia Spiegels Tagebuch zeigt ein junges Leben, das die Nazis zerstörten.

Renia Spiegels Tagebuch zeigt ein junges Leben, das die Nazis zerstörten.

Anfang 1939 begann die damals 15-jährige Renia Spiegel ein Tagebuch zu führen.  Renia wusste nicht, welche Schrecken in den nächsten Jahren auf das unglückliche Polen und vor allem auf sie, die Jüdin zukommen werden. Auch ahnte sie nicht, wie schnell und brutal ihr Leben enden wird.

Mehr als 700 Seiten schrieb sie voll. Sie schrieb über ihre Sehnsucht, verfasste Appelle an ihre Eltern und hinterließ lustige Geschichten über ihre Freunde. Der ganze Kosmos eines jungen wunderbaren Lebens. Hier unterscheidet sich Renias Tagebuch von dem berühmten Tagebuch von Anne Frank. Die war jünger und schrieb aus der beklemmenden Perspektive ihres Verstecks, in dem die Familie Frank hoffte, die Nazi-Herrschaft zu überstehen.

Lebensfrohes Mädchen

Und so entfaltet das Tagebuch des vitalen Mädchens aus Polen einen unheimlichen Sog. Denn sie – wie ihre Zeitgenossen – wusste nicht, was die Geschichte für sie bereithält, doch dem Leser ist die unausweichliche Katastrophe bekannt. Dieser Hintergrund verleiht den lebensfrohen Passagen von Renias Einträgen einen beklemmenden Unterton.

Im Januar 1939 dachte Renia nicht an Hitler in Berlin. Sie war enttäuscht und allein. Die Mutter weit weg in Warschau, der Vater auf dem geliebten Hof, auf dem das Mädchen aufgewachsen war. Ihre Mutter hatte die kleinste Schwester begleitet, die Achtjährige war ein aufstrebender Kinderstar. Renia und ihre Schwester Ariana wurden zu den Großeltern ins verschlafene Przemysl abgeschoben.

Nachdem die Deutschen im August 1939 Polen überfallen und das Land schnell niedergeworfen hatten, fand sich die Familie in getrennten Zonen wieder. In die Hauptstadt Warschau marschierten die Deutschen ein. Die Kleinstadt Przemysl  wurde von der Roten Armee besetzt, denn Hitler hatte Stalin in einem geheimen Abkommen große Teile Ostpolens versprochen.

Eine Liebe, die die Nazis überdauerte

Doch das Mädchen hatte einen eigenen Blick auf die Welt. Renia schrieb: "Was spielt es für eine Rolle, dass sie die Länder geteilt haben, dass sie Brüder getrennt haben, Kinder weit weg von ihren Müttern geschickt haben? …. Die Wolken, die Vögel und die Sonne lachen über diese Grenzen, über Menschen, über ihre Waffen. Sie gehen hin und her, schmuggeln Regen, Grashalme, Sonnenstrahlen. Und niemand denkt auch nur daran, sie zu verbieten. Wenn sie es überhaupt versuchen würden, würde die Sonne vor Lachen ausbrechen und sie müssten ihre Augen schließen. Die Wolken, Vögel und der Wind würden folgen. So würde es auch meine kleine menschliche Seele machen und viele meiner Gedanken."

Die Befreiung erlebte Renia nicht mehr. Das Foto zeigt das Moment, als ein Panzer Bataillon der US Army einen Todeszug in der Nähe von Magdeburg stoppte.

Die Befreiung erlebte Renia nicht mehr. Das Foto zeigt das Moment, als ein Panzer Bataillon der US Army einen Todeszug in der Nähe von Magdeburg stoppte.

Von 1939 bis 1941 legt das Tagebuch Zeugnis von einem Teenagerleben ab. Denn Renia verliebte sich in einen Jungen namens Zygmunt Schwarzer. Am 21. September 1940 notierte Renia: "Ich habe heute einen Jungen namens Zygmunt S. getroffen. Nora gab zu, dass sie ihn auch mochte, aber da sie wusste, dass er genau mein Typ war, ließ sie es sein. Nora hat ja den süßen, süßen Natek und Irka hat Maciek. Und ich? Ich weiß nicht, wie es laufen wird und ich habe nicht wirklich viel Selbstvertrauen."

Das Leben eines Teenagers

Renia ahnte nicht, dieser Junge bald darauf sein Leben für sie einsetzen wird und sie über den Krieg, die Verfolgung  und ihren Tod bis zum Ende seine Lebens lieben wird. Der Leser weiß, dass die Nazis damals schon planten, die Juden umzubringen. Gleichzeitig folgt er den Spuren einer Teenage-Love-Story, so lebendig und hoffnungsvoll, als stünde die ganze Welt Renia offen.

"Wenn ich Zygmunt sehe, habe ich dieses glückselige, angenehme Gefühl, das gleichzeitig unangenehm ist. Etwas lähmt mich. Ah, dieser Idiot, wenn er nur wüsste, wie sehr ich ihn liebe."

Die sowjetische Besatzung und die kommunistischen Propaganda beobachtete Renia mit interessierter aber doch auch distanzierter Neugierde – ihre Gedanken kreisten um ihre Liebe. Um Bälle, die Stern am Himmel und erste Küsse.

Dann überfiel die Deutsche Wehrmacht die UdSSR. Die Rote Armee wurde aus Polen gedrängt und musste schon im gleichen Jahr bis nach Moskau zurückweichen. Als die Rote Armee schließlich auf dem Weg nach Berlin auch Przemysl zurückeroberte, lebte Renia schon lange nicht mehr.

Mit den Deutschen kam der Terror

Am 26. Juni, fünf Tage nach Beginn der deutschen Offensive, war Renia voller Furcht.

"Ich kann nicht schreiben. Ich bin schwach vor Angst. Wieder Krieg, Krieg zwischen Russland und Deutschland. Die Deutschen waren hier, dann zogen sie sich zurück. Schreckliche Tage im Keller. Lieber Gott, gib mir meine Mama, rette uns alle. (…) Ich will so sehr leben. Ich demütige mich vor dir und flehe in unser aller Namen. Heute Abend wird es schrecklich werden. Ich habe Angst."

Bald darauf, am 1. Juli 1941, erreichte die Schreckensherrschaft der Nazis Renia."Morgen werde ich, zusammen mit allen anderen Juden, anfangen müssen, ein weißes Armband zu tragen. Für dich, mein Tagebuch, werde ich immer die gleiche Renia bleiben, aber für alle anderen werde ich jetzt jemand Minderwertiges werden: ein Mädchen mit einem weißen Armband und einem blauen Stern.

(…)  Ich schreibe das, solange ich noch unabhängig und frei bin. Morgen werde ich jemand anderes sein - aber nur von außen. Und vielleicht begrüße ich dich eines Tages als jemand anderen. Gib mir das, Herr Gott, ich glaube an dich."

Im Juli wurde sie in ein geschlossenes Ghetto hinter Stacheldraht gesperrt. "Heute um 8 Uhr wurden wir im Ghetto eingesperrt", schrieb Renia. "Ich lebe jetzt hier, die Welt ist von mir getrennt, und ich bin von der Welt getrennt."

Verzweifelter Rettungsversuch

Ihr junger Geliebter war inzwischen beim Widerstand. Die Lage im Ghetto wird verzweifelt.

Am 25. März 1942 schreibt Renia: 

"Sie schließen unser Quartier, sie treiben Menschen aus der Stadt. Überall gibt es Verfolgungen, Rechtswidrigkeiten. Und dazu gibt es den Frühling, Küsse, süße Liebkosungen, die mich die ganze Welt vergessen lassen."

Inmitten des Terror der Nazis erlebte Renia ihre Liebe.

"Jetzt weiß ich, was das Wort Ekstase bedeutet. Es ist unbeschreiblich; es ist das Beste, was zwei liebende Kreaturen erreichen können. Zum ersten Mal fühlte ich diese Sehnsucht, eins zu werden. (…) Zu Beißen und zu Küssen und zu Drücken, bis das Blut kommt. Und Zygmunt sprach darüber, wie er der beste Mann für mich sein werde."

Zygmunt  schaffte es, die Schwestern Renia und Ariana aus dem Ghetto zu schaffen, kurz bevor die Deutschen alle Juden abholten, um sie in ein Todeslager zu schicken. Er versteckte Renia und seine eigenen Eltern auf dem Dachboden eines Onkels. Der christliche Vater einer Freundin verbarg ihre 12-jährige Schwester.

Auf dem Dachboden wurden die drei von den Deutschen aufgespürt. Der letzte Eintrag des Tagebuches stammt nicht von Renia sondern vom verzweifelten Zygmunt: "Drei Schüsse! Drei Menschenleben verloren! Alles, was ich hören kann, sind Schüsse, Schüsse."

Liebe bis zum Tod

Ariana überlebte den Krieg – ihrer Mutter Roza gelang es auf abenteuerliche Weise an gefälschte Papiere zu kommen, die Mutter und Kind zu Katholiken machten.

Auch Zygmunt Schwarzer überlebte Krieg und KZ-Haft. Er starb 1992. Er bewahrte das Tagebuch und das Andenken. In seinem Haus errichtete er einen Schrein für Renia. Vor seinem Tod schrieb er in das Tagebuch. "Ich habe Renias Schwester gesehen. Diese Blutverbindung ist alles, was ich noch habe. Es ist 41 Jahre her, dass ich Renia verloren habe........ Dank Renia habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben verliebt, tief und aufrichtig. Und ich wurde von ihr auf eine außergewöhnliche, unheimliche, unglaublich leidenschaftliche Weise geliebt."

Das Smithosonian Magazine hat Auszüge des Tagebuches erstmals in einer englischen Übersetzung online gestellt: "Hear, o Israel, save us." Sie ist mit einer historischen Timeline zur Orientierung versehen. 2016 wurde das Tagebuch im Orginal - also in Polnisch - veröffentlicht.

Der Artikel "How an Astonishing Holocaust Diary Resurfaced in America" beschreibt detailliert, das Leben der Überlebenden nach dem Krieg und erklärt, warum das Tagebuch so lange versteckt blieb.

Auf der Seite der "Renia Spiegel Foundation" finden Sie weitere Informationen zu ihr und dem Tagebuch auch in deutscher Sprache.