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34 Jahre nach der Tat: Wird der Mordfall Olof Palme noch dieses Jahr gelöst?

Vor genau 34 Jahren wurde der damalige schwedische Ministerpräsident Olof Palme ermordet. Bis heute ist der Täter nicht gefunden, zahlreiche Verschwörungstheorien kursieren. Doch nun haben die Ermittler die Lösung des Falls angekündigt.

Großes Bild: Der Tatort des Palme-Mordes. Kleines Bild: Olof Palme

Großes Bild: Der Tatort des Palme-Mordes. Kleines Bild: Olof Palme

DPA / Picture Alliance

Es ist wohl einer der spektakulärsten und rätselhaftesten Mordfälle der jüngeren Kriminalgeschichte: der Mord an Schwedens damaligem Ministerpräsidenten Olof Palme vor 34 Jahren. Lange Zeit tappten die Ermittler im Dunkeln, immer wieder wurden neue Spuren und Theorien präsentiert – ohne Ergebnis. Doch nun könnte die Akte Olof Palme vielleicht schon bald geschlossen werden.

Stockholm, 28. Februar 1986. Der damals 59-jährige Palme geht nach einem gemeinsamen Kinobesuch mit seiner Frau Lisbet nach Hause. Dann, um 23.21 Uhr, wird Palme auf offener Straße erschossen, keine 300 Meter vom Kino entfernt, wie die Untersuchungskommission des Falls in ihrem Bericht von 1999 darlegt. Er wird später in einem Krankenhaus für tot erklärt. Der Schütze sei nach der Tat über die Straße Tunnelgatan verschwunden. Mehrere Zeugen geben später an, sie hätten "mysteriöse" Menschen in der Nähe des Kinos oder darin bemerkt. Andere sagten aus, dass jemand das Ehepaar Palme verfolgt habe.

Mord an Olof Palme bewegt noch heute

Knapp zwei Stunden nach den Schüssen auf den sozialdemokratischen Regierungschef verbreitet sich die Nachricht über dessen Tod. Das öffentlich-rechtliche Radio unterbricht das Programm um 1.10 Uhr. Rund drei Stunden später flimmert die erste Spezialsendung über die schwedischen Fernsehbildschirme. Die Trauer und die Anteilnahme gehen weit über die Grenzen Schwedens hinaus. Denkmäler werden errichtet, Straßen werden nach Olof Palme benannt. Bis heute ist die Tat nicht vergessen.

Es beginnen jahrzehntelange Ermittlungen. Nach Angaben der Untersuchungskommission wurden nur wenige Spuren am Tatort gesichert. Darunter seien zwei Pistolenkugeln. Sie sollen von einem Revolver der Marke Smith & Wesson, Kaliber .357 Magnum stammen.

Die Ermittler geraten schnell in die Kritik. Sie hätten verzögert reagiert und die Kommunikation soll nur schlecht funktioniert haben, heißt es. So wurde laut dem Untersuchungsbericht der Tatort nicht umgehend untersucht, sondern erst am nächsten Vormittag. Die Absperrung sei nicht umfangreich genug gewesen. Viele Menschen hätten schon in der Nacht Blumen an den Tatort gelegt. Ein nationaler Alarm der Sicherheitskräfte sei erst nach Stunden ausgelöst worden. Auch die gefundenen Kugeln seien erst am Morgen beziehungsweise am Mittag nach den eigentlichen Schüssen gefunden worden – allerdings nicht von der Polizei, sondern von Passanten.

Ein Foto der Polizei Stockholm, was eine der Kugeln vom Tatort zeigen soll

Ein Foto der Polizei Stockholm, was eine der Kugeln vom Tatort zeigen soll

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Verschwörungstheorien kursieren

Die Ermittlungspannen führten offenbar zu einer der vielen Verschwörungstheorien, die sich um das Attentat ranken: der sogenannten Polizei-Theorie. Sie tauchte im Laufe der Jahre mehrmals auf, wie der Sender SVT berichtet. Der Denkansatz besagt, dass Beamte selbst hinter der Tat stünden oder dem Täter bei der Flucht geholfen hätten.

Nach Angaben des Senders stellte sich heraus, dass es innerhalb der Stockholmer Polizei rechtsextreme Gruppierungen gab, die es auf Olof Palme abgesehen hatten. Darunter sei auch die sogenannte "Baseball Liga" gewesen, die seinen Tod gefeiert haben soll. Zeugen hätten zudem angegeben, dass sie in der Mordnacht mehrere Männer mit Walkie-Talkies in der Nähe des Tatortes gesehen hätten. Laut SVT hat die Untersuchungskommission die Polizei-Theorie als Verschwörungstheorie abgetan. Sie könne aber nicht ausschließen, dass einzelne Polizisten beteiligt gewesen seien.

Eine weitere Verschwörungstheorie macht die kurdische Arbeiterpartei PKK für die Tat verantwortlich, wie SVT weiter berichtet. Demnach habe die PKK hinter dem Mordanschlag gesteckt, als Rache dafür, dass die Palme-Regierung sie als Terrororganisation eingestuft hatte. Im Januar 1987 habe es Razzien gegeben, bei denen 20 Kurden festgenommen und verhört worden seien. Alle Festgenommenen wurden nach Angaben von SVT aber wieder freigelassen. Die Verhöre hätten nichts ergeben.

War es ein Einzeltäter - oder ein Geheimdienst?

Nachdem die PKK-Spur erkaltet war, geriet ein anderer in den Fokus der Ermittler: Christer P. Im Dezember 1988 wurde er laut SVT verhaftet. Lisbet Palme habe auf P. als Täter hingewiesen. Allerdings hatte die Polizei zuvor mitgeteilt, dass der Festgenommene Alkoholiker sei. Bei einer Identifizierung sagte Palmes Witwe laut SVT, dass "man sofort sehen kann, wer Alkoholiker ist". Christer P. wurde wegen Mordes verurteilt, aber von einer höheren gerichtlichen Instanz wieder freigelassen, nachdem Lisbet Palme zugegeben hatte, dass sie Vorkenntnisse hatte, wie der Sender weiter berichtet. Außerdem soll ein damaliger Ermittler und Ex-Drogenfahnder Zeugen aus kriminellen Kreisen in dem Fall manipuliert haben.

2004 starb Christer P. an den Folgen eines Sturzes. Drei Jahre später berichtete die Zeitung "Aftonbladet", er habe vor seinem Tod einer Liebhaberin den Mord an Olof Palme gestanden. Er habe es für einen "Bombenmann" getan, der zu lebenslanger Haft verurteilt worden sei, soll P. gesagt haben.

Eugene de Kock

Eugene de Kock

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Von den zahlreichen Spuren, auf die die Ermittler stießen, führte eine nach Südafrika, genauer gesagt in das Südafrika der Apartheid. Olof Palme galt als entschiedener Gegner der Rassentrennung in dem Staat. Zehn Jahre nach dem Mord an Palme habe Eugene de Kock, ein hochrangiger Oberst der südafrikanischen Polizei, vor einem Gericht in Südafrika gesagt, dass der Agent Craig W. der Täter gewesen sein soll, heißt es. Laut einem Bericht der "Zeit" aus dem Jahr 1996 war der sogenannte "Superspion der Apartheid" sogar zur Tatzeit in Stockholm, aber nicht am Tatort. Er habe allerdings keine 200 Meter vom Tatort entfernt gewohnt.

Dem Bericht zufolge hatte auch Dirk Coetzee, de Kocks Amtsvorgänger, die Aussagen erhärtet. Er habe gesagt, dass achtzig bis neunzig Agenten aus Südafrika an dem Mordanschlag beteiligt gewesen seien. Sowohl in Schweden als auch in Südafrika wurde diese Theorie demnach aber angezweifelt. Wie SVT berichtet, wurden Personen im Umfeld des südafrikanischen Geheimdienstes verhört – ohne Ergebnis.

DNA-Spuren führten Ermittler in Kalifornien nach 45 Jahren zu dem Mörder von Leslie Marie Perlov (21) und Janet Taylor (21).

War es der "Skandiamann"?

Dem schwedischen Sender zufolge kam im Mai 2018 ein weiterer Verdächtiger hinzu: Stig E., der sogenannte "Skandiamann". Er sei früh im Visier der Ermittler gewesen, so der Sender, wurde aber schnell wieder fallengelassen. Ein Journalist des Reportermagazins "Filter" habe die Spur aber wieder aufgenommen und herausgefunden, dass der "Skandiamann" – benannt nach seiner Arbeitsstätte, dem Skandiahaus – Verbindungen zum Tatort gehabt haben soll. Demnach soll er in der Nähe gearbeitet und Zugang zum verdächtigen Waffentyp gehabt haben und Gegner von Palme gewesen sein.

Die schwedische Zeitung "Expressen" berichtete im Mai 2018, dass Stig E. bereits im Jahr 2000 verstorben sei. Er soll Suizid begangen haben. Vor seinem Tod soll er mit seiner Ex-Frau telefoniert und den Mord gestanden haben. "Weißt du, wer der 'Skandiamann' ist?", soll er sie dem Blatt zufolge gefragt haben. Dann habe er kurz von der Tatnacht erzählt. Nach Angaben von "Aftonbladet" soll die Ex-Frau aber sicher sein, dass er nicht an dem Mord beteiligt war. "Nein, nein, er war einfach zu feige und hatte zu wenig Selbstwertgefühl, um so etwas zu tun", zitiert die Zeitung sie.

Laut einem weiteren "Expressen"-Bericht soll der "Skandiamann" seinen nur wenige Meter vom Tatort entfernten Arbeitsplatz kurz vor der Tat verlassen haben. Nach seinen eigenen Angaben sei er einer der ersten Zeugen gewesen. Seine Aussage habe sich allerdings von den Aussagen anderer Zeugen unterschieden. 

Auflösung soll vor dem Sommer kommen

Somit stehen nach 34 Jahren viele Theorien zum Palme-Mord im Raum. Doch bald soll der Fall gelöst sein. Der zuständige Staatsanwalt Krister Petersson kündigte kürzlich im schwedischen Fernsehsender SVT an, er sei zuversichtlich, im ersten Halbjahr 2020 aufzeigen zu können, was tatsächlich passiert und wer für den Mord verantwortlich sei. Bis zum Sommer solle Anklage wegen des Palme-Mordes erhoben werden - ansonsten werde die Untersuchung eingestellt. Spuren gäben Grund zu Optimismus.

"Expressen" berichtete kurz nach der Ankündigung des Staatsanwaltes, dass vieles auf den "Skandiamann" Stig E. hindeute. Demnach seien Verhöre in diese Richtung getätigt worden. Petersson habe sich dazu nicht geäußert. "Wir arbeiten weiter und erwarten, dass wir eine Lösung dafür finden können", zitiert ihn die Zeitung.

Der "Filter"-Journalist Thomas Pettersson sagte dem Blatt: "Ich weiß nur, dass sich die Ermittlungen in letzter Zeit zielgerichtet und intensiv mit dem 'Skandiamann' beschäftigt haben." Er betonte aber, dass nicht bestätigt worden sei, dass die Nachricht der Staatsanwaltschaft den "Skandiamann" betrifft. Ein Zeuge von damals sagte laut "Expressen", er sei im vergangenen Jahr verhört worden. Einige Fragen sollen sich dabei um den Verdächtigen Stig E. gedreht haben. Es sollen auch weitere Vernehmungen in der Vergangenheit stattgefunden haben.

Petersson: "Bin immer noch zuversichtlich"

Die Zeitung "Aftonbladet" berichtete, der Verdacht sei auf eine verstorbene Person gefallen. Diese sei aber nicht Christer P., der bereits verurteilt und später wieder freigelassen worden war. Auch der ehemalige Staatsanwalt Sven-Erik Alhem sagte dem Sender SVT, dass er es für höchst unwahrscheinlich halte, dass eine lebende Person strafrechtlich verfolgt werde. Laut "Aftonbladet" soll daher die Akte Olof Palme nach 34 Jahren geschlossen werden.

Ermittler Petersson glaubt dennoch weiter an eine Klärung des Falles: "Ich bin immer noch zuversichtlich, dass wir präsentieren können, was geschehen ist. Was um den Mord herum passiert ist, wer dafür verantwortlich ist (…)", sagte er der Zeitung "Dagens Nyheter". Falls es aber zu einer Anklage kommen sollte, sei dies "sensationell".

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, UntersuchungsberichtSVT, "Expressen", "Aftonbladet", "Filter", "Dagens Nyheter", "Zeit", "Stuttgarter Zeitung"

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