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"Eine schreckliche, unglückliche, herzzerreißende Situation": Kanadier in China zum Tode verurteilt – Entsetzen bei der Familie, scharfe Worte der Regierung

Die Familie eines in China zum Tode verurteilten Kanadiers reagiert erschüttert auf den Richterspruch. Politisch sorgt das Urteil für weitere Anspannung in der Beziehung beider Länder.

Der Kanadier Robert Lloyd Schellenberg vor Gericht im Nordosten Chinas

Der Kanadier Robert Lloyd Schellenberg vor Gericht im Nordosten Chinas

AFP

Ein Gericht im Nordosten Chinas hat einen 36-jährigen Kanadier wegen Drogenschmuggels zum Tode verurteilt. In dem Wiederaufnahmeverfahren hoben die Richter ein früheres Urteil auf, nach dem Robert Lloyd Schellenberg für 15 Jahre ins Gefängnis gehen musste und umgerechnet rund 19.000 Euro zu zahlen hatte. Eine höhere Instanz hatte den ersten Richterspruch als zu milde beanstandet und ein höheres Strafmaß gefordert.

Der Kanadier wurde laut Bericht der britischen BBC 2014 in der chinesischen Provinz Liaoning mit über 200 Kilogramm Amphetaminen festgenommen, die er angeblich von China nach Australien schmuggeln wollte. "Ich bin kein Drogenschmuggler. Ich bin als Tourist nach China gekommen", sagte Schellenberg, kurz bevor das Urteil verkündet wurde, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Er sei über einen Freund mit einem zwielichtigen Mann in Kontakt gekommen. Dieser sei ihm als Übersetzer vorgestellt worden, tatsächlich sei er aber über ihn in einen internationalen Drogenschmuggelring hineingeraten. Der 39-Jährige hat nun zehn Tage Zeit, um Berufung gegen das Todesurteil einzulegen.

Der Kanadier Robert Lloyd Schellenberg vor Gericht im Nordosten Chinas

Der Kanadier Robert Lloyd Schellenberg vor Gericht im Nordosten Chinas

AFP

"Unsere schlimmste Angst ist wahr geworden"

Die Familie des Verurteilten reagierte entsetzt auf die Entscheidung des Gerichts. Schellenbergs Tante, Lauri Nelson-Jones, sagte der BBC, das Todesurteil sei "eine schreckliche, unglückliche, herzzerreißende Situation". Sie fügte hinzu: "Es ist unsere schlimmste Angst wahr geworden (...) Es ist ziemlich unvorstellbar, was er fühlen und denken muss."

Der Fall hat nicht nur eine persönliche, sondern auch eine politische Dimension. Die Beziehung zwischen Kanada und China sind ohnehin schon angespannt. Kanadische Behörden nahmen Anfang Dezember die Finanzchefin des chinesischen "Huawei"-Konzerns Meng Wanzhou auf Ersuchen der Vereinigten Staaten vorübergehend fest. US-Behörden werfen der Geschäftsfrau Verstöße gegen die Iran-Sanktionen vor und fordern ihre Auslieferung.

In der Folge wurden in China mehrere Kanadier festgenommen, zwei Männer sind dort weiter in Haft. Peking wirft ihnen vor, die "nationale Sicherheit" zu gefährden, sie stehen unter Spionageverdacht. Nach Einschätzung von Beobachtern war die Festnahme der beiden Kanadier eine Vergeltungsaktion der chinesischen Behörden für die Festsetzung der Managerin Meng, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Beide Regierungen haben sich gegenseitig aufgefordert, ihre Landsleute wieder auf freien Fuß zu setzen.

Reisehinweise für China verschärft

Kanadas Regierung verschärfte als Reaktion auf das Todesurteil gegen Schellenberg ihre Reisehinweise für die Volksrepublik und warnt die Bürger vor "willkürlicher Durchsetzung" von Gesetzen in China: "Seien Sie sehr vorsichtig", heißt es. Konsularische Betreuung könne nicht in jedem Fall sichergestellt werden. Kanadas Premier Justin Trudeau zeigte sich "extrem" besorgt darüber, dass China "willkürlich" die Todesstrafe gegen Schellenberg verhängt habe. Chinas Außenministerium forderte laut BBC von Trudeau, die Souveränität Chinas zu respektieren.

Der China-Experte William Nee von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wunderte sich, dass das Verfahren so schnell vor sich ging und die Staatsmedien ihm so viel Aufmerksamkeit gewidmet hätten. Es sei "sehr wahrscheinlich", dass "China Kanada eine Botschaft senden möchte", sagte Nee der Nachrichtenagentur AFP.

China ist laut Amnesty International der Staat, in dem am häufigsten Menschen zum Tode verurteilt werden. Die Organisation geht davon aus, dass in der Volksrepublik jedes Jahr die Todesstrafe tausendfach verhängt und vollstreckt wird. Genaue Zahlen gebe es nicht, da die Regierung entsprechende Zahlen unter Verschluss halte.

Das Auswärtige Amt in Berlin weist drauf hin, dass "die Einfuhr oder der Besitz schon relativ geringer Mengen von Drogen zu hohen Freiheitsstrafen oder sogar zur Todesstrafe führen" kann. 


Quellen: BBC, Reisehinweise des kanadischen Außenministeriums, Amnesty International, Reisehinweise des Auswärtigen Amtes

mit AFP-Material