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Kampf gegen Kindesmissbrauch: Europol-Fahndung: Wie ein Finne Spuren nachging und vormacht, wie jeder helfen kann

Internetnutzer sollen unbekannte Orte oder Gegenstände aufspüren, um Europol beim Kampf gegen Kindesmissbrauch zu unterstützen. Ein Architekt führte die Ermittler nach China – vom Schreibtisch in Finnland aus. So ging er vor.


Europol-Aufnahme, Luftbild von Shenzhen

Den Ort, an dem das von Europol veröffentliche Foto aufgenommen wurde, entdeckte ein finnischer Architekt bei einer Online-Recherche im chinesischen Shenzhen

Aus Finnland bei der Aufklärung eines Kindesmissbrauchs am anderen Ende der Welt helfen? Das ist möglich. Das zeigt der Fall von Olli, einem Architekten und Geschäftsführer aus Helsinki.

In den vergangenen anderthalb Jahren hat die europäische Polizeibehörde über 100 Fotos im Internet veröffentlicht, die aus Kinderporno-Aufnahmen stammen. Sie zeigen zum Beispiel Kleidungsstücke, Möbel oder Landschaften. Die Hoffnung der Ermittler ist, dass irgendwo auf der Welt irgendein Internetnutzer diese Objekte oder die entsprechende Gegend kennt oder Angaben zu ihnen machen kann, um so auf die Spur von Täter und Opfer zu gelangen und weiteres Leid zu verhindern. (Lesen Sie hier im stern mehr zu dem Europol-Projekt "Stop Child Abuse – Trace an Object".)

Ein Architekt aus Finnland identifizierte den Ort

Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte Europol zwei Aufnahmen, offensichtlich vom Dach eines Gebäudes. "In dieser Stadt, vermutlich in Asien, wurde ein Kind sexuell missbraucht. Erkennen Sie diese Stadt? Ermittler benötigen die Information, um den Täter aufzuspüren und ein Opfer zu retten", schrieb die Behörde bei Twitter zu den Fotos.

Europol-Aufnahmen

Diese Aufnahmen veröffentlichte Europol im vergangenen Oktober unter anderem bei Twitter

Einer von Tausenden Betrachtern der Bilder war Olli. In einem Interview mit der britischen BBC und mehreren Tweets erzählte er, wie er in mühsamer und kleinteiliger Arbeit den Ort der Aufnahmen identifizierte.

Zu Beginn habe er sich auf Asien festgelegt und sich dann einen Überblick verschafft. "Ich habe eine schnellen Blick auf alle asiatischen Ländern geworfen, um deren Architekturstil zu sehen." Dafür eignen sich etwa Tools wie "Google Streetview" oder dessen Pendants aus anderen Ländern oder von anderen Firmen.

Weil einige Gebäude im Hintergrund im "Sowjetstil" gebaut sind, habe er ein kommunistisches Land vermutet. Dadurch habe er die möglichen Staaten auf drei eingegrenzt. "Mir war klar, dass es sich um eine Großstadt handelt, allerdings nicht um ihr Zentrum." Nur China habe mehrere Städte, die in sein Raster passten und so nahm der Architekt sich das Reich der Mitte genauer vor.

Bei der weiteren Lokalisierung habe die Erhebung im Hintergrund eines der Bilder geholfen. "Mitten in der Stadt gibt es einen etwa 20 bis 40 Meter hohen grünen Hügel." Zu erkennen ist auch, dass eine Straße von dem Gebäude, auf dem die Aufnahmen entstanden in Richtung des Hügels führt. "Von ihr gehen andere Straßen im 90-Grad-Winkel ab", so Olli. Weiter im Hintergrund, etwa in fünf Kilometern Entfernung seien ihm weitere Erhebungen aufgefallen. Dazu habe er sich noch die zu erkennenden Gebäude in der Umgebung angeschaut. "Dann habe ich per Hand eine Karte gezeichnet, die zeigt, wie die Gegend von oben aussehen müsste." Diese habe er im Internet geteilt und Hinweise von Usern erhalten.

Geduld, Fleiß, Geschick – und ein bisschen Glück?

Mit diesen Informationen habe er mithilfe von Satellitenaufnahmen die gesamte Küstenregion Chinas mit ihren vielen Großstädten untersucht und zunächst Macau und Peking unter die Lupe genommen – vergebens. Die Gebäudestruktur passte nicht. Nächste Station: die Millionenstadt Shenzhen. "Sie schien mir die wahrscheinlichste Stadt zu sein aufgrund ihrer Architektur und ihrer Geographie." Auch andere Nutzer hatten die Vermutung geäußert, die Bilder seien in Shenzhen aufgenommen worden. "Drei bis vier Stunden habe ich mir die Umgebung der Hügel in der Stadt angeschaut." Dann habe er den Ort entdeckt, wie der Finne in einem Tweet belegt.

"Hallo Europol", schrieb er die Behörde an und nannte die exakten Koordinaten. "Der Hügel passt, das Dach passt, die umliegenden Gebäude passen, die Straße passt. Ich würde sagen 99,9 Prozent. Können Sie bitte bestätigen, dass Sie sich das ansehen werden."

Auch per Mail und telefonisch habe der Architekt Europol informiert. Dort bedankte man sich für den Hinweis. Da die Behörde keine eigenen Ermittlungsbefugnisse in China hat, habe man den Hinweis an die örtliche Polizei weitergegeben. Wie der Fall letztendlich ausging, ist nicht bekannt. Weiterführende Ermittlungen könnten sich oft über Monate hinziehen, so Europol.

Insgesamt habe er 15 bis 20 Stunden Arbeit investiert, erklärt der Finne, dazu ein wenig Fleiß, Geschick – und möglicherweise auch etwas Glück . "Großartiger Job!", "Europol sollte dir eine Festanstellung anbieten", waren einige der Reaktionen bei Twitter.

Der Finne bleibt jedoch bescheiden: "Die Suche hat mir Spaß gemacht, ich würde das jeder Zeit wieder tun." Ausführlich beschreibt die Online-Rechercheplatttform "Bellingcat" (auf Englisch) das Vorgehen Ollis und anderer User in dem Fall. In Deutschland hatte zuerst das Portal "Watson" über den Erfolg des Finnen berichtet.

Auch Sie können Europol helfen

Das Prinzip, nach dem er vorgegangen ist, ist auch unter dem Begriff "Open Source Intelligence" (OSINT) bekannt. Es beschreibt das Verfahren, sich für die Gewinnung von Information aus frei verfügbaren, offenen Quellen zu bedienen und die Erkenntnisse zusammenzufügen.

Auch der stern nutzt die OSINT-Methode regelmäßig bei seinen Recherchen, zuletzt im großen Stil und in Zusammenarbeit mit "Bellingcat" und anderen Medien beim Projekt "GermanArms". Wir konnten mithilfe öffentlich zugänglicher Informationen nachweisen, dass deutsche Waffen im Jemen-Krieg eingesetzt werden, während die Bundesregierung wahrheitswidrig behauptet, davon keine Kenntnis zu haben oder ihr Wissen zurückhält.

#GermanArms: Recherche-Bündnis deckt Deutsche Rüstungsexporte im Jemen auf

Wollen auch Sie Europol helfen, Kindesmissbrauch aufzuklären? Zurzeit hat die Behörde rund zwei Dutzend Bilder veröffentlicht, zu denen sie Hinweise sucht: Wissen Sie, wo ein bestimmtes Kleidungsstück verkauft wird? Erkennen Sie eine bestimmte Region? Diese und andere Fragen stellen die Ermittler. Hinweise nehmen sie auf ihrer Webseite (klicken Sie hier auf das entsprechende Foto, dann öffnet sich ein Kontaktformular) entgegen. Auch jede Polizeidienststelle in Deutschland steht für Angaben zu den Objekten oder Orten zur Verfügung. Klicken Sie sich durch die Bilder:

Fahndungsaktion: Wo wurden diese Bilder aufgenommen? Helfen Sie Europol, Kindesmissbrauch aufzuklären
Schaukel

Mit dem Projekt "Stop Child Abuse – Trace an Object" will die europäische Polizeibehörde Europol Internetnutzer im Kampf gegen Kindesmissbrauch mit ins Boot holen. Können Sie Fragen zu den Bildern beantworten?


Zu diesem Foto fragt Europol: Wo steht die Schaukel?

Quellen: Europol, BBC, "Bellingcat", Olli auf Twitter, "Watson"