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Fragen und Antworten

Gruppenvergewaltigung: Drogen, Vergewaltigung, Gewalt und Waffen – die Welt der Verdächtigen von Freiburg

Polizei und Staatsanwaltschaft haben nach der Gruppenvergewaltigung in Freiburg weitere Details zu den Verdächtigen bekanntgegeben und sich auch zu möglichen Fehlern im Vorfeld der Tat geäußert. Die Ermittler suchen indes weitere Mittäter.

"Seien Sie versichert: Es wird alles auf den Tisch kommen", sagte der Freiburger Staatsanwalt Michael Mächtel vor Journalisten. Seine Behörde und die Polizei haben geladen, um über den Fall der Gruppenvergewaltigung in Freiburg zu informieren. Doch der Ort, an dem alles auf den Tisch kommen werde, der sei "das Strafgericht". Die Ermittlungen "dürfen in keinem Fall gefährdet werden", vorschnelles Hinausposaunen von Informationen komme daher nicht in Frage – verständlich.

Doch die Freiburger Ermittler sind unter Druck. Sie müssen nicht nur das schockierende Verbrechen aufklären und alle Täter finden, sondern wollen auch Berichten entgegentreten, sie hätten die Vergewaltigung möglicherweise verhindern können. Denn gegen den Hauptverdächtigen lag zum Tatzeitpunkt bereits ein Haftbefehl vor, der nicht vollstreckt wurde. Und so gab es dann doch viele Informationen auf der Pressekonferenz im Freiburger Regierungspräsidium – und einen Einblick in das Milieu der Verdächtigen, in denen schwere Straftaten offenbar zur Tagesordnung gehören.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Verbrechen:

Wie ist der aktuelle Ermittlungsstand?

Die Erkenntnisse der Polizei zum Ablauf decken sich im Wesentlichen mit jenen, die schon bekannt waren. Gemeinsam mit einer Freundin ging das spätere Opfer am Abend des 13. August auf eine Party in einer Diskothek in der Freiburger Hans-Bunte-Straße. Dort soll die 18-Jährige zunächst vermutlich Ecstasy konsumiert und einen spendierten Drink zu sich genommen haben, bevor sie den Club um kurz nach Mitternacht gemeinsam mit dem Hauptverdächtigen verlassen haben soll.

An einer Baumgruppe sei es dann "gegen den erkennbaren Willen der 18-Jährigen zu sexuellen Handlungen und zur Vergewaltigung gekommen", teilte der Staatsanwaltschaft Mächtel mit. Anschließend soll der zum Tatzeitpunkt 21-jährige Syrer zurück in den Club gegangen sein und weiteren Männern mitgeteilt haben, "dass das Opfer im Wäldchen liege". Mindestens sieben Verdächtige sollen dann "nach und nach zur Geschädigten gegangen sein", um sie ebenfalls zu vergewaltigen. "Ob und inwieweit das Opfer dabei wehrlos war, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen", so Mächtel weiter. 

In diesem Freiburger Gewerbegebiet soll die Gruppenvergewaltigung stattgefunden haben

In diesem Freiburger Gewerbegebiet soll die Gruppenvergewaltigung stattgefunden haben

DPA

Nachdem das Opfer am Tag darauf Anzeige erstattet habe, haben 13 Beamte die Ermittlungen aufgenommen, Zeugen vernommen, Videos ausgewertet und DNA-Material sichergestellt. Am 19. Oktober habe das Landeskriminalamt Baden-Württemberg einen Treffer in der DNA-Datei mitgeteilt, der am nächsten Tag zur Festnahme eines Verdächtigen führte. In den Tagen darauf wurden dann die sieben weiteren Verdächtigen, darunter auch der Hauptverdächtige, festgenommen.

Gibt es weitere Täter?

Das ist wahrscheinlich. Nach Angaben des stellvertretenden Freiburger Kripo-Chefs Bernd Belle wurden am Opfer DNA-Spuren von zwei weiteren Personen sichergestellt, die keinem der bislang acht bekannten Verdächtigen zugeordnet werden können. Die Polizei sucht also nach mindestens zwei weiteren möglichen Tätern und hat die Ermittlungsgruppe inzwischen personell aufgestockt.

Wer sind die Verdächtigen?

Bisher sind insgesamt acht Männer bekannt, denen die Vergewaltigung der 18-jährigen Frau vorgeworfen wird: ein 25 Jahre alter Deutscher und sieben Syrer im Alter von 19 und 29 Jahren, die allesamt eine befristete Aufenthaltserlaubnis aus völkerrechtlichen, humanitären oder politischen Gründen für die Bundesrepublik haben. Alle Verdächtigen sitzen in Untersuchungshaft.

Nur zwei der Syrer seien bislang nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten, so Oberstaatsanwalt Mächtel. Bei den übrigen fünf Männern seien unter anderem illegaler Aufenthalt, Leistungserschleichungen, aber auch Körperverletzungs-, Raub- und Drogendelikte in den Akten vermerkt.

Bei drei der Verdächtigen haben sich zudem Hinweise auf eine Nähe zur Kurdenmiliz YPG ergeben, weil sie sich im Internet auf Fotos mit Waffen präsentierten. Endgültig bestätigen ließe sich der Verdacht aber bislang nicht, weil es dazu keine Angaben von kurdischen Stellen gebe, so Mächtel. 

Unter den möglichen YPG-Kämpfern sei auch der Hauptverdächtige, der inzwischen 22-jährige Syrer. Er werde in Ermittlerkreisen als "Intensivtäter" geführt, weil bereits zahlreiche Verfahren gegen ihn liefen.

So soll er 2017 gemeinsam mit einem ebenfalls im Fall der Gruppenvergewaltigung Beschuldigten und einem weiteren Mann eine 20-Jährige in seiner Wohnung vergewaltigt haben. Es gebe jedoch unterschiedliche Angaben zum Tathergang, sodass in dem Fall keine Haftbefehl erlassen worden sei.  Es handele sich um einen "einfachen", keinen "dringenden Tatverdacht", erklärte Mächtel.

Seit Sommer 2018 wurde der Hauptverdächtige laut Staatsanwaltschaft erneut auffällig: Die Polizei ermittelte unter anderem wegen des Verdachts der dreifachen Körperverletzung und zweier Sexualdelikte gegen den syrischen Flüchtling. Das Ermittlungsverfahren ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Freiburg

Der stellvertretende Leiter der Kriminalpolizeidirektion Freiburg, Bernd Belle, Polizeipräsident Bernhard Rotzinger und Oberstaatsanwalt Michael Mächtel (v.l.n.r.)

DPA

Warum war der Hauptverdächtige noch auf freiem Fuß?

Im ersten Halbjahr 2018 beschlagnahmte die Freiburger Polizei rund 250 Kilogramm Marihuana. Im Verlauf der Ermittlungen fanden Beamte heraus, dass der Syrer in das Drogengeschäft involviert gewesen sein soll. Um an Hintermänner und weitere Informationen zu gelangen, wurde verdeckt gegen den Verdächtigen ermittelt, er sei jedoch über Monate hinweg bis Ende September nicht an seiner Wohnadresse angetroffen worden. Am 10. Oktober erließ das Freiburger Amtsgericht Haftbefehl gegen den seinerzeit 21-Jährigen, der jedoch nicht sofort vollstreckt wurde. Laut Vize-Kripo-Chef Belle ein durchaus üblicher Vorgang, um in der Zwischenzeit zum Beispiel den Zugriff vorzubereiten oder weitere Informationen – auch zum Aufenthaltsort des Gesuchten – zu sammeln. "Wir haben dann festgelegt: Am 23. Oktober machen wir das!", so Belle. "Dann haben uns die Ereignisse überholt."

Hätte die Polizei die Gruppenvergewaltigung also durch einen früheren Zugriff verhindern können? "Bei unserer damaligen Planung hat das danach festgestellte Delikt (die Vergewaltigung der 18-Jährigen, d. Red.) noch keine Rolle gespielt", erklärt Belle. "Es war so nicht absehbar." Die Festnahme des Mannes sei nach den Vernehmungen der anderen Beschuldigten am Sonntag (21. Oktober) erfolgt.

Wie schätzt die Polizei die Sicherheit in Freiburg ein?

Im Rahmen einer Sicherheitspartnerschaft mit der Stadtverwaltung habe die Polizei viele Probleme in der Stadt mit Gewalt- und Raubstraftaten in den Griff bekommen und das subjektive Sicherheitsgefühl verbessern können, sagte Polizeipräsident Bernhard Rotzinger auf der Pressekonferenz. In diesem Jahr seien bereits rund 10.000 Personen kontrolliert und fast 5000 durchsucht worden. "Wir sind hier sehr gut unterwegs", so Freiburgs oberster Polizeibeamter mit Blick auf die allgemeine Sicherheit und Ordnung in der Stadt.

Allerdings musste er auch eingestehen, dass es im Bereich der Sexualdelikte in diesem Jahr einen starken Anstieg der Fallzahlen gebe. Dieser sei wahrscheinlich nicht nur durch eine erhöhte Anzeigebereitschaft zu erklären, sondern durch eine tatsächlich höhere Zahl von Straftaten in diesem Bereich. Genaue Zahlen werden Rotzinger zufolge jedoch erst nach Jahresende vorliegen. Der Anteil der Tatverdächtigen aus dem Ausland liege bei den Sexualdelikten bei etwa 50 Prozent. Sie seien "überproportional" vertreten, da der Anteil von Ausländern an der Freiburger Bevölkerung bei nur 17 Prozent liege.

Gemeinsam mit anderen Behörden und dem Innenministerium in Stuttgart werde die Freiburger Polizei auf dieses Lage "zeitnah, noch im November" reagieren, sagte Rotzinger den Bürgern zu. 

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) kündigte für den Freitagnachmittag ebenfalls eine Erklärung an. Ob er sich dabei auch zu dem Vorwurf der möglicherweise unnötig verschleppten Vollstreckung des Haftbefehls äußern wird, ist noch nicht bekannt.

Wie geht es dem Opfer?

Die 18-Jährige habe sich in professionelle Betreuung durch eine Opferschutzorganisation begeben, so Bernd Belle von der Freiburger Kripo. Zudem werde sie durch einen Anwalt beraten. "Sie wirkt auf uns stabil." Allerdings empfinde die junge Frau die umfangreiche Medienberichterstattung zunehmend als belastend, habe sie den Beamten berichtet.

Ein Waldstück in Freiburg