HOME

Hassverbrechen inszeniert?: Der seltsame Fall des Jussie Smollett – der vermutlich für immer ein Rätsel bleiben wird

Zunächst war Jussie Smollett Opfer, dann auf einmal Täter und jetzt ist völlig unklar, was überhaupt passiert ist. Dank der Staatsanwaltschaft von Chicago wird der Fall wohl auch für immer ungeklärt bleiben.

Schauspieler Jussie Smollett sieht seine Unschuld durch die fallen gelassene Anklage bestätig

Schauspieler Jussie Smollett sieht seine Unschuld durch die fallen gelassene Anklage bestätigt. Die Staatsanwaltschaft widerspricht.

DPA

Jussie Smollett inszenierte ein Hassverbrechen auf sich selbst, sagt die Polizei. Von wegen, ich bin Opfer und nicht Täter, sagt der US-Schauspieler. Beide Seiten attackieren sich öffentlich. Und mitten in diesen Disput platzt die Staatsanwaltschaft und entscheidet, dass darüber niemand entscheiden soll. Am Dienstag ließ sie überraschend alle Anklagepunkte gegen den Star aus der TV-Serie "Empire" fallen. Die Polizei und selbst der Bürgermeister von Chicago sind außer sich. Smolletts Seite feiert den angeblichen Freispruch. Und die Frage bleibt: Was ist denn nun passiert?

Zunächst noch einmal der Fall: Ende Januar behauptet Smollett, zwei Maskierte hätten ihn nachts in Chicago auf offener Straße angegriffen. Die Männer hätten ihn geschlagen, mit Bleichmittel übergossen und ihm eine Schlinge um den Hals gelegt. Außerdem hätten sie ihn rassistisch und schwulenfeindlich beleidigt, dabei Donald Trumps Wahlkampfslogan "Make America Great Again" gerufen. Das angebliche Hassverbrechen sorgt für viel Aufsehen. Zahlreiche Sympathiebekundungen erreichen Smollett.

Mitte Februar dann die Wende: Die Polizei nimmt den Schauspieler fest, teilt mit: Smollett soll sich selbst einen Drohbrief ans Set von "Empire" geschickt und anschließend zwei Bekannte mit dem vorgetäuschten Angriff beauftragt haben. Der Schauspieler finde, er verdiene zu wenig und wolle sich mit der Attacke eine größere Bekanntheit und letztlich eine höhere Gage erschwindeln, so die Lesart der Polizei. Eine Grand Jury begutachtet die Beweise und entscheidet, eine Anklage zuzulassen. Smollett wird in 16 Punkten angeklagt, unter anderem wegen Falschaussage gegenüber der Polizei und dem Versenden eines Drohbriefes. Auf Letzteres steht eine maximale Gefängnisstrafe von fünf Jahren, tatsächlich auch, wenn man ihn an sich selbst schickt.

Jussie Smollett sieht seine Unschuld bestätigt

Am Dienstag nun die erneute Wendung: Alle Anklagepunkte werden fallen gelassen. Zunächst erklärt die Staatsanwaltschaft ihren Sinneswandel schmallippig. Man habe "alle Fakten und Umstände des Falls überprüft und Smolletts ehrenamtliche Tätigkeiten für die Gemeinde sowie seine Bereitschaft, seine 10.000-Dollar-Kaution nicht zurückzuverlangen" miteinbezogen, heißt es lediglich. Daher sei die Einstellung des Verfahrens eine "angemessene Lösung".

Smolletts Familie jubelt daraufhin, der Schauspieler sei durch die Entscheidung der Staatsanwaltschaft rehabilitiert. "Unser Sohn und Bruder ist ein unschuldiger Mann, dessen Name und Charakter zu unrecht in den Dreck gezogen wurde", heißt es in einer vom Sender ABC veröffentlichten Erklärung. Smollett selbst weist erneut jegliches Fehlverhalten zurück. "Ich war seit dem ersten Tag auf allen Ebenen ehrlich und konsequent", sagt der Schauspieler vor Reportern. "Dies war eine unglaublich schwierige Zeit", fügt er hinzu. "Ehrlich, eine der schlimmsten in meinem gesamten Leben." Seine Anwältin pocht darauf, dass es keinen Deal mit den Ermittlern gegeben habe.

Wenig später teilt der in dem Fall führende Staatsanwalt auf Nachfrage mit, dass die Entscheidung keinesfalls eine Entlastung sei und er persönlich Smollett auch nicht für unschuldig halte. Man stehe zu den Erkenntnissen der Polizei. Die Anklage trotzdem fallen zu lassen, sei in solchen Fällen "weder neu noch unüblich". Smollett sei keine Gefahr für die Allgemeinheit.

Bürgermeister und Polizeichef schäumen vor Wut

Den Bürgermeister von Chicaco, Rahm Emanuel, und seinen Polizeichef Eddi Johnson, lässt die Entscheidung fassungslos zurück. Sie geben am Dienstag unverzüglich eine Pressekonferenz, in der sie den Schauspieler scharf angehen: "Herr Smollett sagt immer noch, er sei unschuldig, und macht immer noch die Polizei von Chicago schlecht. Wie kann er es wagen?", sagt ein sichtlich aufgeregter Bürgermeister. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft sei eine "Beleidigung für alle, die das Gesetz achten". Auch der Polizeichef schäumt, spricht von einer "Umgehung des Justizsystems" und fordert eine Entschuldigung für die Stadt Chicago. Die Beweislage sei überwältigend. Das habe man auch vor Gericht zeigen wollen, dürfe man nun aber nicht. 

Die Öffentlichkeit wird sich auf absehbare Zeit keine Meinung über diese Beweislage bilden können, weil ein Richter laut CNN angeordnet hat, die Akte des Falls unter Verschluss zu halten. Entsprechend wenig ist über die Einzelheiten bekannt. Die Polizei will "mehrere Beweisstücke" haben, die belegen sollen, dass Smollett die Attacke selbst inszenierte.

Laut US-Medien sind die Behörden im Besitz von Videoaufnahmen, wie die beiden Männer, die den Angriff ausgeführt haben sollen, Skimasken und Sonnenbrillen kaufen. Diese sollen später bei der angeblich fremdenfeindlichen Attacke verwendet worden sein. Die Polizei stützt sich den Berichten zufolge auch auf die Aussagen der beiden Männer – übrigens zwei schwarze Brüder aus Nigeria. Diese behaupten, Smollett habe sie für die Attacke bezahlt. Zudem argumentiert die Polizei mit einem Scheck über 3500 US-Dollar von Smollett, ausgestellt auf einen der Brüder. Die Anwälte des Schauspielers halten dagegen, dabei handle es sich um Smolletts Personal-Trainer. Der Schauspieler sei "geschockt", dass der Angriff aus seinem Umfeld kam.

Es steht also mehr oder minder Aussage gegen Aussage. Bleibt die Akte des skurrilen Smollett-Falles unter Verschluss, wird vermutlich nie geklärt, was wirklich passiert ist in dieser Nacht Ende Januar in Chicago. Aber womöglich klärt sich auf Umwegen doch noch alles auf. Cheryl Dorsey, Polizistin im Ruhestand und regelmäßig im TV, sagt dem Sender CNN: "Wir werden wissen, dass die Polizei die Wahrheit sagt, wenn Jussies sehr, sehr gute Anwälte das Polizeirevier von Chicago nicht wegen Rufschädigung oder Verleumdung verklagen."

Quellen: AnklageschriftCNN / ABC / "Guardian" / Associated Press / AFP 

Kalifornien: Streit um Ketchup eskaliert: Frau würgt McDonald's-Mitarbeiterin