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Morde an Elias und Mohamed: Silvio S.: Gibt es weitere Opfer?

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias und Mohamed liefert erschreckende Einblicke in ein jahrelang verborgen gebliebenes pädo-sexuelles Triebleben. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse werfen die Frage auf, ob Silvio S. weitere Taten verübt hat.

Polizisten der Spurensicherung im Haus des mutmaßlichen Kindermörders Silvio S. in Niedergörsdorf.

Polizisten der Spurensicherung im Haus des mutmaßlichen Kindermörders Silvio S. in Niedergörsdorf. Was sie fanden, klingt nach einem Horrorfilm. Menschenpuppen, SM-Zubehör und lauter Zeitungsausschnitte mit winzigen Kinderköpfen.

Zwei Kinderleichen, zwei Geständnisse. Mehr als 12.000 Seiten Ermittlungsakten und an die 1.000 Spuren. Die Beweislast im Prozess gegen Silvio S. ist erdrückend. Ihm droht eine lebenslängliche Haftstrafe und, sollte das Gericht seine besondere Gefährlichkeit feststellen, auch die anschließende Sicherungsverwahrung.

Seit dem ersten Prozesstag schweigt der Angeklagte vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Potsdam beharrlich. Fachleute halten es jedoch für möglich, dass er noch weitere Verbrechen an Kindern begangen haben könnte.
"Wenn er der Täter ist, dann wäre es zumindest sehr ungewöhnlich, dass er ohne jegliches kriminelles Vorleben ist", sagt der Top-Profiler und Serienmord-Experte Stephan Harbort im Interview mit dem stern. "Das müssen nicht zwingend weitere Tötungen sein. Aber dass jemand mit einem Mord anfängt, also gleichsam von 0 auf 100 geht, dazu noch mit einem Mord an einem Kind, widerspricht bisherigen Erfahrungen mit Serientätern, die sexualisierte Gewalt ausüben." 

Silvio S. ist noch nicht "ausermittelt"

Die Mordfälle Elias und Mohamed sind zwar nahezu vollständig "ausermittelt", wie die Fachleute sagen. Aber die Person Silvio S. ist noch längt nicht "ausermittelt" – die Aufklärer werden der Frage nachgehen müssen, ob es weitere, bisher unentdeckte Taten gibt.

Schon wenige Wochen nach dem Verschwinden des kleinen Elias aus Potsdam gingen die Ermittler in einer groben Eingrenzung des möglichen Tätertypus davon aus, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Person mit kriminellem Vorleben im Bereich der Sexualdelikte handeln müsse. Im Frühstadium der Fahndung grenzten sie den Täter auch sonst schon erstaunlich gut ein. Ihre Hypothese: Mann, unter 30, alleine lebend oder noch im Elternhaus. Alles Volltreffer – bis aufs Alter, das bei Silvio S. geringfügig höher lag: Er war zum Tatzeitpunkt schon 32.

Der Potsdamer Staatsanwalt Peter Petersen, Ankläger im Elias-Mohamed-Prozess, hat bereits angeordnet, dass nach dem Urteil in einem abgetrennten Ermittlungskomplex bundesweit nach möglichen Zusammenhängen mit weiteren, bisher ungeklärten Fällen von verschwundenen oder ermordeten Kindern gesucht wird. Schon das, was die Ermittler bisher über Silvio S. zusammengetragen haben, bietet dafür einige Ansatzpunkte.

DNA-Spuren von acht Personen

So fanden die Ermittler in der Wohnung und im Auto des Tatverdächtigen Spuren von insgesamt acht Personen, die weder Silvio S. noch den beiden Mordopfern Elias oder Mohamed zugeordnet werden konnten.

Das DNA-Material wurde an den unterschiedlichsten Gegenständen sichergestellt, die sich im Besitz von Silvio S. befanden, so zum Beispiel an einem schwarzen Gürtel, an einem Kinderslip, an einem Vaginalspeculum, an einer Totenschädelmaske und an einem Kinder-Kuscheltier.

Es ist gut möglich, dass es sich um harmlose Spuren handelt, die zum Beispiel Verkaufspersonal an den entsprechenden Gegenständen hinterlassen hat. Aber es wäre interessant zu wissen, ob die Spuren abgeglichen wurden mit dem DNA-Material von den Kindern, die in Deutschland in den letzten Jahren verschwunden sind und bis heute vermisst werden. Hatte eines dieser Kinder Kontakt mit den bei Silvio S. gefundenen Gegenständen?

Diverse Kinderfotos auf dem Handy von Silvio S.

In der Wohnung von Silvio S. fanden die Beamten in einer Schublade auch einen Zettel, auf dem gut ein Dutzend Namen handschriftlich notiert sind, jeweils mit Vor- und Nachname. Stammt die Handschrift von Silvio S.? Und wer sind die aufgeführten Personen? Handelt es sich dabei um Kinder?

Unklar ist auch, was es mit den diversen Kinderfotos auf sich hat, die auf dem sichergestellten Handy des Angeklagten gefunden wurden. Viele dieser Schnappschüsse hat Silvio S. offenbar unbemerkt von den Kindern und auch ihren Eltern gemacht: in Fußgängerzonen, auf Stadtfesten oder Kinderspielplätzen. Was wollte Silvio S. mit diesen Fotos? Dienten sie nur als "Material" zur Befriedigung seiner pädo-sexuellen Phantasien? Oder hatte er näher mit den abgelichteten Kindern zu tun?

Es existieren auch Handy-Bilder, die nicht getarnt im Vorübergehen geknipst wurden. Darunter ist eines besonders interessant: Ein blonder Junge, zwischen vier und sieben Jahre alt, liegend, mit geschlossenen Augen. Es ist nicht erkennbar, ob das Kind schläft, bewusstlos oder tot ist. Der unbekannte Junge ist dem ermordeten Elias erstaunlich ähnlich. Allerdings wurde das Bild bereits im Dezember 2014 aufgenommen – also ein halbes Jahr bevor Elias verschwand. Es dürfte sich also um ein anderes Kind handeln. Aber welches? Hatte Silvio S. Kontakt mit dem Kind? Und was ist mit dem Jungen geschehen?

DNA-Spuren könnten verloren sein

Als die Ermittlungsbeamten nach einem Hinweis von Silvio S. im Herbst 2015 dessen Kleingartenparzelle in Luckenwalde umgruben, fanden sie nicht nur die Leiche von Elias, verpackt in einem durchsichtigen Plastiksack, der wiederum in einem Pappkarton lag – sondern daneben, ebenfalls vergraben, einen Fußball. Hat Silvio S. mit diesem Ball Elias zum Mitgehen gelockt, als er ihn in unmittelbarer Nähe der elterlichen Wohnung in Potsdam-Schlaatz entführte? Und lassen sich über den Ball Zusammenhänge zu ähnlichen Fällen herstellen?

Kriminaltechnisch untersucht wurde der Fußball nicht, obwohl dies Sinn gemacht hätte – denn Plastik oder Leder fault auch bei längerer Liegezeit im Erdreich nicht oder nur sehr langsam.

Auch in einigen von Silvio S. benutzten Fahrzeugen wurden keine DNA-Spuren gewonnen. Zwar sicherten die Kriminaltechniker in seinem weißen Dacia mit dem amtlichen Kennzeichen TF- BZ 27, den er bei den Entführungen von Elias und Mohamed benutzt haben soll, entsprechende Rückstände. Ebenso an einem Opel Vectra, den er zuvor besessen hatte. Aber sowohl von einem Ford als auch von einem PKW-Hundeanhänger, den Silvio S. über Ebay gekauft hatte, wurde kein DNA-Material abgenommen. Diese wertvollen Spuren könnten mittlerweile für immer verloren sein.

Nicht alle Autos von Silvio S. wurden untersucht

Gleiches gilt für die mit dem Emblem einer Teltower Sicherheitsfirma gekennzeichneten Dienstfahrzeuge vom Typ Peugeot 208 Diesel, die Silvio S. bei seinem Job als Wachmann benutzte. Hier entfiel die kriminaltechnische Untersuchung wohl, weil eine private Nutzung seitens des Arbeitgebers nicht gestattet war.

Die Uniform des Sicherheitsunternehmens hätte er allerdings auch privat nuten können – mangels Umkleidemöglichkeit am Arbeitsort mussten sich die Mitarbeiter zu Haue umziehen, hatten also auch in ihrer Freizeit Zugriff auf die Uniform. Zu recherchieren wäre, ob bundesweit Fälle bekannt geworden sind, in denen sich ein Uniformierter Kindern genähert hat und sein Respekt einflößendes "amtliches" Aussehen genutzt hat, um diese zum Mitgehen zu bewegen.

Rätselhafte Tour ins Ausland

Auch der SMS-Verkehr von Silvio S. wirft Fragen auf. Im Frühsommer Sommer 2015 muss er eine vermutlich mehrtägige Reise unternommen haben. Er meldet sich aus Frankfurt/Oder und schreibt wenig später, dass er wieder in Deutschland sei. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war er also in Polen. Der Hintergrund müsste ermittelt werden. Er könnte völlig harmlos sein, vielleicht wollte er nur billig Zigaretten kaufen. Das grenznahe Gebiet auf polnischer Seite gilt allerdings auch als Hochburg für Kinderhandel, Kinderpornografie und Kinderprostitution.

Die Funkzellenabfrage hat lediglich ergeben, dass sein Handy an den Tagen, als Elias und Mohamed verschwanden, im Umfeld der jeweiligen Tatorte nicht geortet wurde. Es kann aber auch schlicht ausgeschaltet gewesen sein. Ein komplettes Bewegungsprofil des Silvio S., das sich über die Ortungsdaten seines Handys möglicherweise für einen weiter zurückreichenden Zeitraum erstellen ließe, fehlt bisher. Es könnte darüber Auskunft geben, ob er sich in Gegenden aufhielt, in denen Kinder auf bis heute ungeklärte Weise verschwunden sind.

Hat Silvio S. etwas mit dem Verschwinden der kleinen Inga zu tun?

Im Zuge weiterer Ermittlungen rund um Silvio S. könnte auch der Fall der bis heute vermissten Inga aus Sachsen-Anhalt wieder in den Blickpunkt rücken. Mit ihren Eltern besuchte das damals fünf Jahre alte Mädchen am 2. Mai 2015 Bekannte in Stendal und verschwand, als es im Wald Brennholz für einen Grillabend suchen wollte.

Als die Fälle Elias und Mohammed bekannt wurden, nahmen die jeweiligen Ermittlergruppen sofort Kontakt auf. Denn vom Alter her passte Inga genau in das "Beuteschema" von Silvio S. Und, dass er durchaus auch Interesse an Mädchen hatte, belegen diverse Mädchenkleider und Mädchenfotos, die bei der Durchsuchung seiner Wohnung gefunden wurden. Sogenannte "Mantrailer"-Hunde hatten schon vor dem Verschwinden von Elias und Mohamed für die Polizei die Geruchsspur von Inga verfolgt. Sie führten die Polizeibeamten unter anderem die Autobahn A9 entlang Richtung Berlin, bis zur Anschlussstelle Klein Marzehns. Von dort aus ist es nur eine gute halbe Autostunde bis zum Wohnort von Silvio S. dem südlich von Berlin liegenden Dorf Kaltenborn in Brandenburg.

Aber einen belastbaren Hinweis, dass Silvio S. etwas mit dem Verschwinden von Inga zu tun hat, gibt es bis heute nicht. Im Gegenteil: An jenem Tag im Mai 2015, als Ingas Verschwinden gegen 19.30 Uhr bemerkt wurde, trat Silvio S. seinen Dienst als Wachmann gegen 19 Uhr an, gut anderthalb Autostunden entfernt. Das liefert ihm ein Alibi. Und: In PKW, Wohnung und Gartenparzelle von Silvio S. fanden die Ermittler keine Spur von Inga.

Kriminalistische Mammutaufgabe

Der abgelegene Ort ihres Verschwindens in einem ausgedehnten Waldgebiet unterscheidet sich zudem deutlich von den Tatorten, an denen Elias und Mohamed entführt wurden, nämlich einmal das Neubaugebiet Potsdam-Schlaaatz und beim anderen Mal das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) – in beiden Fällen relativ anonyme Umgebungen mit einer hohen Anzahl von Kindern und geringer sozialer Kontrolle, die unauffälliges Ausspähen und Annähern an potenzielle Opfer erlaubt, dazu ausreichend Parkgelegenheiten zum nahen Abstellen des für die Entführung wichtigen eigenen Autos und eine gute Verkehrsanbindung, die für das schnelle Wegbringen des entführten Kindes entscheidend ist.

Eines dürfte jetzt schon klar sein: Vor den Ermittlungsbehörden liegt eine kriminalistische Mammutaufgabe. Wenn der Richter sein Urteil gegen Silvio S. wegen der ihm zur Last gelegten Morde an Mohamed und Elias gesprochen hat, wird diese Aufgabe wohl noch lange nicht zu Ende sein.