HOME

Kinderehe in den USA : Mit elf Jahren vergewaltigt und mit dem Täter verheiratet - die Geschichte von Sherry Johnson

Als Sherry Johnson zum ersten Mal schwanger wird, ist sie erst zehn Jahre alt - das Ergebnis von mehreren Vergewaltigungen. Doch anstatt die Täter zur Verantwortung zu ziehen, wird sie mit einem von ihnen verheiratet. 

Amnesty International protestiert gegen die Kinderehe

In vielen Ländern ist die Kinderehe immer noch ein großes Problem. Hier protestiert die Organisation Amnesty International in Rom gegen die grausame Praxis.

"Willst du heiraten?", fragte die Mutter ihre kleine Tochter Sherry, die da gerade mal elf Jahre alt war. "Ich weiß nicht. Was ist eine Ehe? Wie verhält sich eine Ehefrau", erwiderte sie. "Egal, ich glaube du wirst bald heiraten", bekam das Mädchen von ihrer Mutter zur Antwort. Wenig später stand sie vor dem Traualtar - zusammen mit dem Mann, der sie vergewaltigt hatte.

Heute ist Johnson eine erwachsene Frau. Mit Schrecken erinnert sie sich an jenen Tag und an die Ehe, die folgte. "Es war ein schreckliches Leben", erzahlte sie nun der US-Zeitung "New York Times". Nach ihren Angaben hatte ihr "Ehemann" und der Pfarrer ihrer Gemeinde sie im Alter von zehn Jahren vergewaltigt. Insgesamt vier Mal sollen sich die beiden Männer an ihr vergangenen haben. In der Folge wurde sie schwanger.

Als sie das Kind zur Welt brachte, wurden die Behörden auf den Fall aufmerksam. Doch weder das Gericht noch ihre Eltern hätten ein Interesse daran gehabt, die Täter zur Verantwortung zu ziehen, berichtet sie. "Was wir uns für dich wünschen, ist eine ", habe der Richter zu ihr damals gesagt. "Sie haben mir statt meinem Mann die Handschellen angelegt", sagt Johnson.

Kinderehe in 27 US-Bundesstaaten nicht verboten

So endete sie in einer Zwangsehe, musste die Schule abbrechen und brachte ein Kind nach dem anderen zur Welt, während sie selbst noch ein Kind war. Und es war nicht irgendein Land, in dem ihr Schicksal solch eine tragische Wende genommen hat. Es waren die USA, es war Florida, der Sonnenscheinstaat eines Landes, dessen Präsident sich als der Anführer der freien Welt und des starken Rechts versteht. Wie ist das möglich?

In mehr als der Hälfte der US-Bundesstaaten gibt es für Eheschließungen kein Mindestalter. Nach Informationen der wohltätigen Organisation "Unchained at Last", die sich gegen Zwangsehen engagiert, heirateten in den allein im Zeitraum zwischen 2000 und 2010 mindestens 167.000 Kinder unter 17 Jahren. In der großen Mehrheit der Fälle werden dabei minderjährige Mädchen mit erwachsenen Männern verheiratet, mit der Zustimmung der Eltern, eines Richters oder beider Parteien. 

Ein Mittel, Vergewaltigungen zu vertuschen

So geschah es auch im Fall von Sherry Johnson. Ihren Angaben zufolge kommt es in ihrer Gemeinde auch nicht selten vor. Auch andere Mädchen wären im frühen Alter verheiratet worden, vor allem um Vergewaltigungen durch Kirchenälteste zu vertuschen. Ihre Familie und auch ihre Vergewaltiger hängen der sogenannten Pfingstbewegung an. Diese Bewegung stellt das Wirken des heiligen Geistes in den Vordergrund. Ihre Mitglieder versuchen biblische Erkenntnis und wissenschaftliche Erkenntnis in ein für sie verständliches Weltbild zu integrieren. In vielen Gruppen wird daher die Evolutionstheorie abgelehnt und ein kreationistischer Standpunkt eingenommen.

Erst nach Jahren gelang es Johnson, der Zwangsehe zu entkommen und sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Neun Kinder brachte sie von ihm zur Welt. Heute setzt sie sich für die Einführung eines Gesetzes ein, das die Kinderehe in den USA verbietet und erzählt ihre Geschichte in dem Buch "Forgiving The Unforgivable".

Ihre zentrale Frage dabei: "Mit elf Jahren kann man keinen Führerschein machen. Man bekommt keinen Job. Man darf keine Verträge unterzeichnen. Wieso erlaubt man aber jemandem in diesem Alter zu heiraten?"

Perfider Clip aus Ungarn: Wie die Polizei Vergewaltigungsopfer zu Tätern macht
ivi
Themen in diesem Artikel