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Ex-Krankenpfleger: Niels Högel wegen 85 weiterer Morde verurteilt – warum sind Kliniken perfekte Orte für Serienkiller?

Der Ex-Krankenpfleger Niels Högel ist wegen 85 weiterer Morde erneut zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nicht nur sein Fall zeigt: Ausgerechnet Kliniken sind der perfekte Ort für Serienmörder. Wie lässt sich das ändern?

Niels Högel: Lebenslange Haft für Patientenmörder

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien zum Prozessauftakt vergangenen Herbst im stern. Anlässlich des Urteils gegen Niels Högel spielen wir ihn erneut.


Bereits zum Auftakt des Prozesses wegen 100-fachen Mordes an Patienten vor dem Landgericht Oldenburg gestand der angeklagte frühere Krankenpfleger Niels Högel die Taten. Auf die Frage des Gerichts, ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zuträfen, antwortete Högel mit "ja". Verurteilt wurde er letztlich in weiteren 85 Fällen, erneut zu lebenslanger Haft. Die Kammer stellte auch die besondere Schwere der Schuld fest. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist damit so gut wie ausgeschlossen. 

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Der Prozess wird ihm im Festsaal der Weser-Ems-Hallen gemacht. Dort, wo sonst Ü-30-Partys und Kongresse stattfinden. Nie war eine Gerichtsverhandlung in Oldenburg größer, nie zuvor musste man eine Halle mieten, weil der Platz im Gerichtsgebäude nicht gereicht hätte.

Wieder ein Rekord, den er aufstellt.

Nach dem, was man über Niels Högel weiß, dass er nämlich im Gefängnis mit seinen Taten prahlte, empfindet er den Festsaal vielleicht als die richtige Bühne. Er ist des Mordes in 100 Fällen angeklagt. Högel ist wohl der schlimmste Serienmörder in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Krankenpfleger soll die Wehrlosigkeit seiner Patienten ausgenutzt haben, um ihnen Medikamente in tödlicher Dosis zu spritzen. Mehr als 100 Angehörige und ihre Anwälte sitzen als Nebenkläger im Saal.

Krankenpfleger Niels Högel tötete über 100 Menschen

Mord für Mord wird das Schwurgericht verhandeln. Und die Beweise sind so erdrückend, dass Högel am Ende schuldig gesprochen wird. Die 100 Taten hat er schon gestanden. Für zwei andere Morde und zwei Mordversuche sowie gefährliche Körperverletzung wurde er bereits 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die wichtigste Frage lautet Prozesses deswegen nicht, wie er ausgehen wird. Sondern: was wir aus ihm lernen.

Jeder liegt irgendwann einmal im Krankenhaus. Begibt sich in die Hände von Pflegern und Ärzten. Verlässt sich darauf, dass sie ihm nur Gutes wollen in dieser Situation, in der er auf ihre Hilfe angewiesen und schutzlos ist. Ist ihnen ausgeliefert, wenn sie Spritzen setzen. Wer denkt schon daran, dass jemand Böses plant?

Dabei ist das Krankenhaus der perfekte Tatort für einen Mörder. Er muss sich das Vertrauen der Patienten nicht erst erschleichen: Sie halten ihm ihre Venen hin. Besonders einfach ist es, wenn die Patienten schlafen, nach Operationen etwa oder wenn eine Infektion sie geschwächt hat. Die Mordinstrumente sind dann schon vorbereitet, der Venenkatheter ist gelegt. Es reicht, wenn der Täter weiß, was einen Kreislauf zusammenbrechen lässt. Und wer in der Klinik arbeitet, weiß das. Das haben die Jahre gezeigt. Gleich mehrere der bekanntesten Serientäter Deutschlands waren Pfleger. Deswegen ist die wichtigste Frage dieser Tage, was sich ändern muss, damit jemand wie Niels Högel nicht erst nach fünf Jahren und mehr als 100 Morden auffliegt.

Am allermeisten schmerzt diese Frage Jürgen Röper, den Sohn von Högels letztem Opfer. Drei Wochen vor dem Prozess sitzt Röper in einem Hamburger Café. Erzählt vom letzten Telefongespräch mit seiner Mutter. Es war im Juni 2005. Renate Röper, 67, hatte sich aus der Klinik gemeldet. Die OP am Bein sei gut verlaufen, sagte sie ihrem Sohn, ihrem einzigen Kind. Ihr Oberschenkel war nach einem Sturz in der Wohnung gebrochen. Sie werde von der Klinik direkt in die Reha verlegt, sagte sie. Ob er ihr morgen ein paar Anziehsachen vorbeibringen könne.

"Sie klang total optimistisch. Wir waren erleichtert, dass es noch mal gut gegangen ist", sagt ihr Sohn. "Aber es war ja auch nichts Lebensgefährliches."

Doch einen Tag später klingelte wieder sein Telefon. "Ich konnte es nicht fassen! Tot? Eine Lungenembolie? Wieso das denn?"

Alle Kontrollen haben versagt

Er erfuhr, dass seine Mutter wohl Kreislaufprobleme bekommen habe. Um sie besser überwachen zu können, habe man sie deswegen auf die Intensivstation verlegt. Da sei es dann passiert. Man habe vergebens versucht, sie zu reanimieren. Was sollte Jürgen Röper anderes denken, als dass das Schicksal zugeschlagen hatte?

In Wahrheit war es Niels Högel. Und in Wahrheit waren es auch die Versäumnisse seiner Vorgesetzten, die Renate Röper das Leben gekostet haben sollen.

Kein anderer Mord von Niels Högel illustriert das Versagen aller Kontrollen eines Krankenhauses so sehr wie dieser. Högel war 2005 am Delmenhorster Klinikum längst als "brutaler Rettungs-Rambo" verrufen. Seltsamerweise war er immer dabei, wenn ein Patient reanimiert werden musste. Und seit er Teil des Teams war, kam es ständig zu Reanimationen. Delmenhorst war zudem das zweite Klinikum, an dem er die Sterberate in die Höhe jagte, nur weil es ihn reizte, Menschen wiederzubeleben. Einmal soll er sogar Schwesternschülerinnen dazugerufen haben, als er einen Patienten wiederbelebte. Machte eine Show daraus. Die aber oft schiefging.

Schon zuvor in Oldenburg war das so. Dort berief man sogar eine Krisensitzung von Pflegern und Ärzten ein. Thema: Reanimationen und unerklärliche Blutwerte bei den Patienten. Nach der Besprechung meldete sich Högel krank.

In den folgenden drei Wochen starben zwei Patienten auf der Station. Nachdem Högel wieder zum Dienst zurückgekehrt war, kam es allein an einem Wochenende zu mehr als einem Dutzend Reanimationen an fünf Patienten. Drei von ihnen starben gleich, zwei weitere in den folgenden Tagen.

Högel fürchtete damals schon, jetzt habe man ihn, aber es geschah nichts. Er konnte weiter morden – bis man ihn von Oldenburg mit einem guten Arbeitszeugnis weglobte, weil man dieses schlechte Gefühl bei ihm nicht loswurde. Niemand rief die Polizei. Högel wechselte nach Delmenhorst. Es dauerte nur sieben Tage, bis er auch dort wieder einen Patienten zu Tode spritzte.

Als er in Delmenhorst Renate Röper tötete, war es aber längst mehr als eine Ahnung, mehr auch als eine Vermutung, dass Högel mordete. Es gab einen Beweis: eine Blutprobe. Das Blut stammte von Dieter M., der einen Tag vor Renate Röper auf Högels Station gestorben war. Högel war damals ans Bett von M. getreten, er stellte den Alarm des Überwachungsmonitors stumm, damit niemand etwas mitbekam. Er spritzte M. das Medikament Gilurytmal, dessen Wirkstoff Ajmalin Herzkammerflimmern auslösen kann. Stoppte dann eine lebensnotwendige Infusion. In diesem Moment kam zufällig eine Kollegin ins Zimmer, sah Högel am Bett von M., den eigentlich sie betreute. "Dein Patient hat keinen Druck mehr", soll Högel noch gesagt haben. Bei M. setzte Herzkammerflimmern ein, man konnte ihn gerade noch retten, doch am nächsten Tag starb er, wobei dafür auch seine Krebserkrankung der Grund gewesen sein könnte.

Der Moment in Zimmer 6 änderte alles. Denn die Schwester hatte Verdacht geschöpft. Sie zog Kollegen ins Vertrauen. Man nahm dem Patienten M. Blut ab. Ein Pfleger fand vier verdächtige Ampullen in einem Mülleimer.

Es dauerte zwei Tage, bis das Labor die Ergebnisse schickte. Sie sollen am Freitag gegen Mittag angekommen sein. Der Befund ergab: Ajmalin positiv. Högel hatte ohne medizinischen Grund das gefährliche Herzmittel gespritzt. Den Ermittlungen zufolge verabredeten sich daraufhin mehrere seiner Vorgesetzten vor einem OP-Saal, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Aber anstatt die Polizei zu alarmieren, soll entschieden worden sein, erst einmal abzuwarten. Högel sei ab morgen im Urlaub, soll jemand in der Runde gesagt haben, er komme davor nur noch zu einer Spätschicht.

Er kam. Und um 19.05 Uhr war Renate Röper tot. Erst eine Woche später erstattete der Chefarzt Anzeige.

"Sinnbildlich" , nannte der Leiter der Sonderkommission, Arne Schmidt, das Verhalten der Klinik-Vorgesetzten. Der Ablauf dieses Tages zeige "das Versagen von Verantwortlichen", "deren völlig falsche Bewertung von vorliegenden Fakten und die tragischen Folgen, die sich für die Patienten ergeben haben". Die Taten hätten verhindert werden können, sagt der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme, "wenn die damals Verantwortlichen die Polizei eingeschaltet hätten".

Jürgen Röper ist deshalb einer der Angehörigen, auf die noch ein zweiter Prozess wartet: der gegen die Vorgesetzten. Er wird nach dem Högel-Prozess beginnen. Die Anklage, die auf "Tod durch Unterlassen" lautet, ist bereits erhoben. Es dürfte nicht das letzte Verfahren zu dieser Mordserie bleiben, denn auch gegen die Vorgesetzten in Oldenburg laufen noch Ermittlungen.

"Das sind doch Ärzte", sagt Röper. "Die sind verpflichtet, den Menschen zu helfen. Warum haben sie nichts gesagt? Dann würde meine Mutter noch leben. Ich will, dass alles restlos aufgeklärt wird und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden."

Warum haben die nichts gesagt? Warum fiel so lange niemandem auf, was auf den Stationen geschah? Diese Fragen stellen sich nicht nur in diesem Fall. In seinem Arztbüro im St. Marien-Hospital Hamm sammelt der Psychiatrieprofessor Karl Beine Artikel, Bücher, Aufsätze und Urteile über Tötungsserien in Krankenhäusern weltweit. Sein Material füllt Schränke. "Der Anlass war Erich", sagt er. Erich war einer seiner Patienten, als Beine als junger Arzt in einer Klinik in Gütersloh praktizierte. Erich war ihm ans Herz gewachsen. Ein Mann, der im Krieg verschüttet wurde und deswegen psychisch schwer erkrankt war. "Ein komplizierter, aber liebenswerter Kerl", sagt Beine. Der Pfleger Wolfgang L. spritzte ihm Luft in die Venen, es kam zu einer Embolie, die "Erich elendig um sein Leben ringen ließ, bis er nach einigen Minuten zugrunde ging".

Beine hat das Ganze so schwer erschüttert, dass ihn das Thema nicht mehr losließ. Über die Jahre saß er in vielen Gerichtssälen, wälzte unzählige Urteile und Vernehmungen, schrieb Bücher, befragte Ärzte und Pfleger, um am Ende die Muster der Mordserien zu erkennen. Und diese Muster sind es, die ihn wütend machen.

"Den Tätern wird es zu leicht gemacht"

"Es ist immer das Gleiche", sagt er. "Irgendwann kommt ein Verdacht auf. Aber nichts geschieht. Und in diesen Latenzzeiten morden die Leute weiter. Das war in Delmenhorst so. In Sonthofen. In Gütersloh. In Wuppertal. In Berlin. Warum ist das so? Was läuft im System Krankenhaus falsch, dass es immer wieder passiert?"

In Sonthofen tötete Pfleger Stephan L. zwischen 2003 und 2004 mindestens 29 Patienten. In Gütersloh war es Wolfgang L., der Anfang der 90er Jahre neben Erich mindestens neun weiteren Menschen das Leben nahm. In Wuppertal tötete in den 80er Jahren Michaela R. mindestens sieben Menschen, wahrscheinlich aber viele mehr. Und in Berlin spritzte die Krankenschwester Irene Becker etwa zur gleichen Zeit wie Högel mindestens fünf Menschen tot. Das sind nur die bekanntesten Krankenhausfälle aus Deutschland. Nicht aus Altersheimen und der ambulanten Pflege. Vor allem sind es nur jene Fälle, die entdeckt wurden.

"Ich habe immer wieder gesehen, wie vertuscht und verschleiert wurde. Wie Mitarbeiter, die etwas sagten, eingeschüchtert wurden“, sagt Beine. "Man will lieber die Augen davor verschließen, denn etwas derart Entsetzliches darf in der eigenen Klinik nicht vorkommen." Beine weiß, wie sehr seine Kritik viele Kollegen ärgert. "Ich will damit nicht die individuelle Schuld der Täter kleinreden. Aber ihnen wird es zu leicht gemacht."

Schwester Irene Becker tritt in kleinen Trippelschritten durch die Gefängnistür ins Freie. Sie hat an diesem kalten Wochenende vor einigen Monaten ein paar Stunden Ausgang aus ihrer Zelle gewährt bekommen. Seit 2007 sitzt sie ihre Haftstrafe wegen mehrfachen Mordes ab. Sie ist nun Mitte 60, ihr Haar ist schütter geworden, sie zupft nervös an ihrer Jacke, raucht eine Zigarette. Zum Gespräch will sie in eine Kirche gehen. Sie setzt sich in die Bank, vorn probt ein Chor, zwei Geigenmusiker stimmen ein, und was sie erzählt, macht klar, was Psychiater Beine meint. "Ich trat einfach ans Bett" , flüstert sie, um den Chor nicht zu stören, "guckte auf den Monitor. Und spritzte. Ich sah, wie der Patient auf einmal ruhiger wurde. Ich bin selbst auch ganz ruhig geblieben dabei."

Und der Alarm des Überwachungsmonitors?

"Den Alarm hatte ich ausgedrückt. Dann habe ich gewartet, bis es vorbei war. Und habe den Chef gerufen."

Hat man Sie gefragt, was passiert ist?

"Nein."

Nie?

"Bei unseren Patienten wunderte man sich nicht, wenn jemand starb. Nur einmal hat mich ein Arzt gefragt, der offensichtlich etwas vermutete: Gibt es irgendwas zu sagen? Und ich sagte: Nein."

Und was brauchten Sie, um zu töten?

"Das eine Medikament war gut. Davon gab es viel, das fällt nicht auf, wenn davon etwas fehlt."

Was hätte Sie abhalten können?

"Wenn mich vielleicht einmal ein Arzt angesprochen hätte."

Hätten Sie denn irgendwann aufgehört?

"Weiß ich nicht."

Aufgehört hatte ihre Serie erst, als sie selbst kaum noch Anstalten machte, ihr Treiben zu verbergen. Als ein Patient verstorben war, fand ein Kollege eine verdächtige Spritze im Mülleimer. Gerüchte machten die Runde, aber noch über Wochen blieb der Verdacht ohne Folgen. Andere Kollegen konnten sich später sogar an Andeutungen von Becker selbst erinnern. "Mensch, guck doch mal, die Nachlassprotokolle sind alle von mir" , hatte sie wohl einmal gesagt, "das müsste mir doch zu denken geben." Oder: "Jetzt ist D. tot, dann ist der N. ja der Nächste."

Wenn Irene Becker von sich redet, dann sagt sie nie "ich", sondern immer "man".

Warum haben Sie das getan?

"Ja", sagt sie, "warum hat man das getan? Es gab die Trennung von meinem Mann. Da war klar: Du bist allein! Und ich weiß noch, wenn da in der Klinik irgendwer lag, wo eine Frau war, die beiden sich unterhalten haben und geküsst. Da habe ich zu den Kollegen gesagt: Du, da versorge ich nicht mehr. Und wenn man dann das Elend der Kranken sah, dachte man irgendwie: Man ist allein, und die sind auch allein. Oh Gott, was ist das denn für ein Leben?"

Bereuen Sie?

"Natürlich. Immer. Jahrelang gut gearbeitet, und nun ist mir das passiert mit meinem Mann. Ja, die Scheidung war’s."

Ein psychiatrischer Gutachter stellte fest, dass Becker eine Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und zwanghaften Zügen besitzt. Aber sie war Herrin ihrer Entscheidungen und wusste, dass ihr Handeln strafbar war, deswegen lebt sie heute im Gefängnis und nicht in der Psychiatrie.

Becker fühlte sich damals so sicher, dass sie einmal, das war nur vier Tage nachdem in Delmenhorst Renate Röper gestorben war, einem Patienten eine tödliche Dosis eines Blutdrucksenkers spritzte – während ihre Kollegen versuchten, ihn zu reanimieren.

Dauernd wird ja irgendwas gespritzt

Ein anderes Mal traf es eine 48 Jahre alte, schwer herzkranke Frau. Sie hatte keine gute Prognose, wie alle Patienten, die Becker tötete. Ihr Mann hatte Angst, dass seine Frau bald sterben könnte. Deswegen wollte das Paar, dass die Frau aus der Berliner Charité in ihr Heimatkrankenhaus verlegt wird. Der Mann brachte am Tag zuvor Kleidung für die Reise mit. Er setzte sich ans Bett. Dann kam Becker dazu, nahm eine Spritze und steckte sie in den zentralen Venenkatheter, den praktisch alle Patienten auf einer Intensivstation haben. Dauernd wurde irgendwas gespritzt, der Mann schöpfte keinen Verdacht. Aber plötzlich sank der Blutdruck seiner Frau ab. Becker stellte den Alarm aus. "Dann fragte mich der Mann: Was ist geschehen? Und na ja, dann kam der Arzt dazu." Da war die Frau schon tot.

Haben Sie den Menschen in die Augen geschaut?

"Diese Frau guckte kurz hin", flüstert Becker, "aber dann weg. Manche konnten nicht mehr schauen."

Im Urteil steht: "In der Gesamtbetrachtung ist zu beachten, dass die Taten eingebettet gewesen sind in ein eher problematisches System, das durch die mangelnde psychosoziale Betreuung der Pflegekräfte, mangelnde Struktur und letztlich auch mangelnde Kontrolle erst die Vielzahl der Taten, die sich nach Ansicht der Kammer im Einzelnen durchaus angedeutet hatten, ermöglichte."

Aber was folgt daraus?

Der niedersächsische Landtag richtete aufgrund der Mordserie von Niels Högel einen Sonderausschuss ein. Über Monate hinweg lud man Sachverständige ins Parlament: Ärzte, Polizisten, Pfleger, Apotheker, Klinikchefs. Auch der Psychiatrieprofessor Karl Beine und der Soko-Leiter Arne Schmidt waren da. Am Ende listete der Ausschuss Vorschläge auf, damit Krankenhäuser nicht wieder zu Tatorten werden.

Warum, zum Beispiel, fiel es Niels Högel und Irene Becker so leicht, an tödliche Medikamente zu kommen? Während Högels Dienstzeit in Delmenhorst versiebenfachte sich der Verbrauch des Medikaments Gilurytmal. Als man das in der Arzneimittel-Kommission der Klinik bemerkte, forschte man nicht nach, sondern erklärte das Medikament in einer Sitzung im April 2004 einfach zum Standard, sodass die Bestellung noch einfacher wurde.

Der Ausschuss schlug deswegen vor, dass Medikamente in Zukunft in Tüten und Einzeldosen abgepackt nur noch für jeden einzelnen Patienten herausgegeben werden sollen. Das sogenannte Unit-Dose-Verfahren wird zum Beispiel im Hamburger Universitätsklinikum erfolgreich praktiziert. Aber die Umstellung ist teuer, weshalb die niedersächsische Landesregierung es bis heute nicht zur Pflicht machen will.

Auf Drängen des Ausschusses will die niedersächsische Landesregierung nur ins Krankenhausgesetz schreiben, dass von nun an sogenannte Stationsapotheker den Medikamenteneinsatz im Blick behalten sollen. Auch anonyme Meldesysteme, an die Mitarbeiter Hinweise auf Fehler oder Fehlverhalten geben können, sollen bald zur Pflicht werden – jedenfalls in Niedersachsen. Doch was ist mit den anderen Bundesländern?

Noch immer wird ein Krankenhaus vor allem als Heilanstalt verstanden. Nicht als Hochrisikobereich. Dabei lauern an wenigen Orten so viele Gefahren wie dort, Gefahren, die nicht nur von mordenden Pflegern ausgehen, sondern auch von fahrlässig desinfizierenden Putzkräften, von falsch behandelnden Ärzten oder von Pflegern, die unabsichtlich die falsche Medikamentendosis verabreichen.

Doch ein Krankenhaus lebt von seinem guten Ruf. In Oldenburg hatte es, während Högel mordete, schon einen Hygieneskandal gegeben. Zwei Patienten waren gestorben, weil man ihnen verunreinigtes Kontrastmittel gespritzt hatte. Von schlechter Presse hatte das Klinikum genug. In einem Krankenhaus geht es fast immer um viel. Es ist wie in einer Werkstatt, in der Flugzeuge repariert werden. Jedes nicht entdeckte Problem kann tödliche Folgen haben.

Dann landen die Toten zum Beispiel bei Klaus Püschel in der Hamburger Rechtsmedizin. Für die Betroffenen ist es zu spät. "Aber aus Toten kann man auch fürs Leben lernen", sagt Püschel in seinem Büro. "Wenn man denn will."

Seine Zunft bringt zwar immer wieder Medienstars hervor, aber der Alltag ist ein anderer und oft frustrierend. "Unsere Gesellschaft gibt viel Geld aus, um das Leben zu verlängern", sagt Püschel, "aber sobald das Leben beendet ist, bleiben wir oberflächlich. Tote haben nun mal keine Lobby."

Püschel fordert eine Art Rasterfahndung in den Kliniken. Die automatische Beobachtung aller Todesfälle. Wo treten sie vermehrt auf? Warum? Wer pflegt dort? Wer behandelt dort? "Das wäre eine geeignete Maßnahme", sagt auch Arne Schmidt, der Soko-Leiter, der nach jahrelanger Ermittlungsarbeit in den Krankenhäusern so etwas wie ein Präventionsexperte auf diesem Feld geworden ist.

Rechtsmediziner Püschel springt von seinem Bürostuhl auf und zieht einen Ordner aus einem der vollgepackten Regale. "Und das hier brauchen wir" , sagt er. Er hält eine Broschüre in der Hand, die er entworfen hat. Sie zeigt eine Art Fließband, auf das jeder Tote kommen solle. "Eine Bildgebungskette" , sagt Püschel. Jeder Tote soll in den Computertomografen geschoben werden, dann ins MRT und danach noch ein paar Blut- und Gewebeproben abgenommen bekommen. "Kostet um die 1000 Euro pro Körper" , sagt er. "Aber dann würden wir eine Menge erfahren. Nicht nur über Tötungen. Sondern auch über Behandlungsfehler und Infektionen. Die Haut liegt wie ein Deckmantel über allen inneren Dingen. Wir müssen sie durchleuchten." Püschel weiß, dass er damit nicht alle Morde aufklären könnte. Und er weiß, dass seine Idee vielleicht in der Stadt, aber kaum auf dem Land realisierbar ist, wo die nächstgelegene Rechtsmedizin zwei Autostunden entfernt sein kann. "Dann müssen wir eben hier beginnen. Es wäre ein erster, wichtiger Schritt."

Forscher der Universität Rostock haben vor Kurzem 10.000 Totenscheine überprüft. Sie fanden zahlreiche Fehler, oft war die angegebene Todesursache nicht plausibel. Und in 44 Fällen wurde fälschlicherweise ein natürlicher Tod festgestellt.

Eine Leichenschau für 14,57 Euro

"Wenn wir die wahren Mordzahlen kennen würden, würde es uns alle schütteln" , sagt Michael Tsokos, der die Rechtsmedizin der Berliner Charité leitet. "Das ist keine Dunkelziffer. Es ist eine Finsterziffer." Der Rechtsmediziner kommt im blauen Kittel aus dem Sektionssaal. Dort haben er und seine Leute damals auch einige der Opfer von Irene Becker obduziert, nachdem man sie wieder ausgegraben hatte. Erst als Becker überführt war, wurden sie untersucht. Tsokos kritisiert, dass Totenscheine meist von den behandelnden Ärzten ausgestellt werden. "Die haben zum Großteil nur wenig Erfahrung mit der Leichenschau, gerade wenn es um mögliche spurenarme Tötungsdelikte geht. Ich behandele ja auch keinen Hirntumor. Das müssen speziell fortgebildete Ärzte machen." In Bremen ist das seit einem Jahr so. Aber nur dort.

Stirbt in Berlin ein Mensch, der keine Angehörigen hat, der also anonym auf Staatskosten beerdigt wird, bekommt ein Arzt für die Leichenschau 14,57 Euro. Wie gründlich schaut man für 14,57 Euro hin? Gibt es Angehörige, sind es auch nur maximal 51 Euro.

Nur selten veranlassen Ärzte eine Obduktion. In Deutschland liegt die Quote bei unter fünf Prozent und damit deutlich unter dem europäischen Schnitt. In Österreich zum Beispiel liegt sie bei knapp zwölf Prozent.

Der niedersächsische Sonderausschuss empfahl deswegen, das Bestattungsgesetz zu ändern und die Leichenschau in die Hände fachlich geschulter externer Ärzte zu legen. Eine gründlichere Suche nach der Todesursache und mehr Obduktionen fordert auch die Ärztegewerkschaft "Marburger Bund". Aber die niedersächsische Landesregierung entschied sich dagegen. Das neue Bestattungsgesetz sieht weiterhin nicht vor, dass Spezialisten die Leichenschau übernehmen. Pathologen kritisieren das. Michael Birkholz, Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts in Verden, sagte: "So können wir Taten wie die des Pflegers H. weiterhin nicht verhindern."

Unter Polizisten heißt es gern, dass kein Verbrechen so häufig aufgeklärt wird wie der Mord. Man rühmt sich mit einer Aufklärungsquote von weit über 90 Prozent. Doch wie viel ist diese Quote wert? Allein im Fall Högel gehen die Ermittler von weitaus mehr als den nun angeklagten Morden aus. 322 potenzielle Opfer haben sie identifiziert. Doch viele von ihnen wurden in Urnen beerdigt. Kein Rechtsmediziner kann in der Asche noch Spuren von Högels Giften finden. Er selbst gestand nur widerwillig. An viele Fälle konnte er sich gar nicht mehr erinnern. "Bei 50 habe ich aufgehört zu zählen" , soll er zu einem Mithäftling gesagt haben.

Am Dienstag wird er in den Saal der Weser-Ems-Hallen treten und die Blicke von mehr als 100 Angehörigen aushalten müssen. Auch Jürgen Röper, der Sohn seines letzten Opfers, wird ihn dann das erste Mal sehen.

"Klingt komisch, aber er interessiert mich nicht übermäßig", sagt Röper. "Den Typen habe ich abgeschrieben." Viel wichtiger seien die Vorgesetzten und das System, das die Taten so lange unentdeckt ließ. "Wir können unsere Toten nicht zurückholen“ , sagt Röper. "Aber wir sollten alles dafür tun, dass andere nicht auch noch sterben."

Krankenpfleger Niels H. vor Gericht im Jahr 2015
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(