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Ermittlungen laufen: Rätselhafte "Hinrichtung" von Georgier: Mordet ein Geheimdienst auf den Straßen von Berlin?

Ist der Mord an einem Georgier auf offener Straße Berlin das Werk eines Geheimdienstes? Ein tatverdächtiger Russe wurde festgenommen, er schweigt jedoch – und auch die Behörden halten sich bedeckt. Die Gerüchteküche läuft auf Hochtouren.

Tatort in Berlin-Moabit

Der Tatort in Berlin-Moabit

DPA

Zwei Schüsse. Eine Art Hinrichtung. So beschreibt eine Zeugin Reportern der "Berliner Morgenpost" das, was sich am Freitagmittag in Berlin-Moabit abspielt: Der Täter nähert sich seinem Opfer von hinten auf dem Fahrrad und drückt aus wenigen Metern Entfernung ab, berichtet die Frau. "Als der Mann auf dem Boden lag, hat er ein zweites Mal geschossen." Der Getroffene stirbt noch am Tatort.

Passanten alarmieren die Polizei, Beamte eilen zum Park Kleiner Tiergarten, nehmen die Fahndung nach dem Schützen und die Ermittlungen auf. Und haben schnell Erfolg: Sie können wenig später einen Tatverdächtigen festnehmen. Die Öffentlichkeit erfährt davon sechs Stunden nach der Tat – per Tweet der Berliner Generalstaatsanwaltschaft.

Den ganzen Freitag und auch am Wochenende halten sich die Sicherheitsbehörden mit weiteren Informationen bedeckt, geben nur spärlich Details bekannt. Die Zurückhaltung befeuert die Gerüchteküche: Der kaltblütige Mord ist möglicherweise das Werk eines Geheimdienstes, heißt es in Medienberichten. Tötete ein Auftragskiller für einen ausländischen Dienst? Ein politischer Mord auf den Straßen der deutschen Hauptstadt?

Das Opfer ist ein 40-Jähriger Georgier, informiert die Berliner Generalstaatsanwaltschaft. Die Menschenrechtsorganisation EMC mit Sitz in der georgischen Hauptstadt Tiflis teilt nach dem Mord mit, dass es sich bei ihm um Zelimkhan K. handele, auf den bereits mindestens ein Mordanschlag im Mai 2015 verübt worden sei.

Führen Spuren des Mordes in Berlin nach Russland?

Sein Auto sei seinerzeit in Tiflis' Stadtzentrum beschossen worden. K. sei nur durch viel Glück dem Tod entkommen und anschließend gezwungen gewesen, das Land zu verlassen, heißt es in der EMC-Stellungnahme. Ermittlungen seien offenbar gewollt im Sande verlaufen.

Wer hat warum ein Interesse daran, dass K. tot ist? Antworten kann möglicherweise die Vergangenheit des 40-Jährigen geben, wie mehrere Medien schreiben. K. soll im Zweiten Tschetschenienkrieg (1999 bis 2009) an der Seite der abtrünnigen Kaukasusrepublik gegen Russland gekämpft haben, meldet zum Beispiel die "B.Z.". Anschließend habe er einer Anti-Terror-Einheit des georgischen Innenministeriums angehört und sich unter anderem durch die Beteiligung an einer Geiselbefreiung 2012 mit 14 Toten Feinde in Islamistenkreisen gemacht – die nun aus Rache gehandelt haben könnten.

Laut "Spiegel Online" gehen die Sicherheitsbehörden aber noch einem ganz anderen Verdacht nach: Demnach könnte ein Geheimdienst, möglicherweise der russische Militärgeheimdienst GRU, hinter dem Mordanschlag stecken. K. sei in seiner Heimat "ein verlässlicher Partner im Kampf gegen russische Einflussnahme und ein stabilisierender Faktor in Auseinandersetzung" gewesen und habe auch nach seiner Flucht in die Ukraine weiter gegen russische Hegemonie gearbeitet. Zudem habe sein Name auf einer Todesliste des von Moskau unterstützten, tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow gestanden. Laut "Berliner Morgenpost" soll auch der russische Geheimdienst FSB den 40-Jährigen als Terroristen eingestuft habe. Bestätigt ist all dies offiziell nicht.

Generalbundesanwalt "in Kontakt mit Berliner Justiz"

Was die Berliner Ermittlungsbehörden dagegen bestätigen, sind das Alter und die Nationalität des festgenommenen Verdächtigen: Es handelt sich um einen 49-jährigen Russen. Er soll sich zu den Vorwürfen nicht geäußert und ein Gespräch mit Mitarbeitern der russischen Botschaft gefordert haben. Der Mordanschlag soll offenbar penibel vorbereitet worden sein. Laut "Spiegel Online" hat der mutmaßliche Täter Vorkehrungen für eine schnelle Ausreise aus der Bundesrepublik getroffen und sich eigens verkleidet, bevor er seine Neun-Millimeter-Waffe mit Schalldämpfer gezogen habe.

Doch würde ein Geheimdienst in aller Öffentlichkeit morden, wenn es doch viel diskretere Möglichkeiten gäbe? Führt die Spur vielleicht eher in das Milieu der Organisierten Kriminalität? All die Gerüchte sind eben vor allem eines: Gerüchte. Kommentiert werden sie von der Berliner Generalstaatsanwaltschaft nicht. "Wir ermitteln in alle Richtungen", heißt es nur auf Anfrage des stern. Bisher gebe es noch keine Erkenntnisse zu vermelden.

Fakt ist: Bei Verdacht auf Beteiligung eines ausländischen Geheimdienstes an dem Mord würde der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof auf den Plan treten. Die Behörde ist allerdings (noch) nicht eingeschaltet. "Wir haben die Sache im Blick und stehen im engen Kontakt mit der Berliner Justiz", sagt ein Sprecher der Karlsruher Strafverfolger.

Quellen: "Berliner Morgenpost" I, Generalstaatsanwaltschaft Berlin, EMC, "B.Z.", "Spiegel Online", "Berliner Morgenpost" II, "Bild", Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Nachrichtenagentur DPA

wue