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Vater des Newtown-Amokläufers: Mein Sohn, der Massenmörder

"Ich wünschte, er wäre nie geboren worden": Mehr als ein Jahr, nachdem Adam Lanza in einer Grundschule in Newtown 20 Kinder und sechs Erwachsene tötete, redet Peter Lanza ausführlich über seinen Sohn.

Von Alexandra Kraft, New York

Adam Lanza tötete im Dezember 2012 an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 20 Kinder und sechs Erwachsene

Adam Lanza tötete im Dezember 2012 an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 20 Kinder und sechs Erwachsene

Peter Lanza träumt jede Nacht von seinem Sohn Adam. Es sind Träume von großer Traurigkeit. Und es sind Momente, in denen Lanza glaubt, die rasende Bösartigkeit seines Sohnes und die Angst der Opfer spüren zu können. In der aktuellen Ausgabe der US-Zeitschrift "The New Yorker" meldet sich Lanza zum ersten Mal ausführlich zu Wort.

Insgesamt sechs Interviews gewährte er dem Journalisten Andrew Salomon. Lanza hatte ihn am Jahrestag des Amoklaufes angerufen und ihn um ein Gespräch gebeten, weil er nun bereit sei, seine Geschichte zu erzählen. Salomon sagt: "Er sprach mit mir, weil er hofft, durch seine Informationen anderen Familien zu helfen und vielleicht einen weiteren Amoklauf zu verhindern."

"Du kannst nicht böser werden"

Lanza, der von Adams Mutter Nancy geschieden war, hatte vor dessen Bluttat seinen Sohn zwei Jahre lang nicht gesehen oder gesprochen. Trotzdem ist er heute überzeugt, dass die Tat für niemanden vorhersehbar gewesen sei. Aber er denke ständig darüber nach, was er hätte anders machen können. "Jede Änderung an meinem Verhalten und unserer Beziehung wäre gut gewesen, weil nichts hätte das Ergebnis schlimmer machen können", sagt Lanza der Zeitschrift. Ein anderes Mal erklärt er: "Du kannst nicht böser werden." Und: "Wie sehr hasse ich mich dafür, dass er mein Sohn ist."

Als Kind sei Adam, so sein Vater, ein "normaler, schräger kleiner Junge" gewesen. Mit einigen Sonderlichkeiten: 1992 geboren sprach er bis zum Alter von drei Jahren nicht, obwohl er alles verstand. Er war überempfindlich gegen jede Art von Berührung. Selbst die Schildchen in seiner Kleidung mussten deswegen entfernt werden. In der Vorschule und der Grundschule Sandy Hook, die er bis zur sechsten Klasse besuchte, habe er immer wieder Dinge gerochen, die es nicht gab. Außerdem wusch er sich ständig die Hände.

Peter Lanza, Buchhalter bei General Elctric, sagt: "Adam liebte Sandy Hook, er sprach als er größer wurde, immer davon, wie schön es als Kind gewesen sei." Damals verband auch Vater und Sohn noch eine tiefe Zuneigung. Stundenlang spielten die beiden ihm Keller ihres Hauses Lego.

Verstörende Gewalt in Adams Texten

Ob seine Eltern es nicht sehen wollten - oder konnten, ist heute schwer zu beurteilen. Aber es gab bei Adam auch damals bereits deutliche Anzeichen für erhebliche psychische Probleme. So war er nahezu unfähig, Gefühle zu artikulieren und übte Gesichtsausdrücke stundenlang vor einem Spiegel. Im selben Jahr, so stellt der Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft zum Amoklauf fest, verfasste Adam Lanza ein kleines Buch mit dem Titel "The Big Book of Granny" in dem eine alte Frau mit einer Pistole wahllos tötet. Im dritten Kapitel versucht sie gemeinsam mit ihrem Sohn, einen Jungen auszustopfen, um ihn als Trophäe auf den Kaminsims stellen zu können. Einige Jahre später berichtete ein Lehrer über verstörende Gewalt in Adam Lanzas Texten.

Etwa zur selben Zeit bekamen Peter und Nancy Lanza Ehe-Probleme. Während der Vater sich in die Arbeit stürzte, kümmerte sich seine Frau ausschließlich um die Kinder. An den Wochenenden nahm Peter Lanza seine beide Söhne vereinzelt mit auf Wandertouren. Lanza erinnert sich: "Für die Kinder war die Scheidung keine große Sache." Er zog nach Stamford, einer kleinen Stadt etwa eine Stunde von Newtown entfernt. Aber er traf die Jungs jedes Wochenende.

Besonders mit Adam habe er sich viel unterhalten. "Oh Mann, dieses Kind brachte man nicht zum schweigen", sagt Lanza zum "New Yorker“. Zunächst habe sich Adam für Politik interessiert, er sei ein großer Fan des Republikaners Ron Paul gewesen. Später habe er sich mehr für Waffen und den Zweiten Weltkrieg begeistert. Phasenweise habe er davon gesprochen, in die Armee einzutreten. Aber niemals, so Peter Lanza, hätten die beiden über Massenmörder gesprochen oder sei sein Sohn an der Schule gewalttätig gewesen. Im Gegenteil. Einmal an Weihnachten sagte Adam Lanza seinen Eltern, dass er von seinem Taschengeld Stofftiere für arme Kinder kaufen wollte. Was er dann auch gemeinsam mit seinem Vater tat.

Psychiater diagnostiziert Asperger-Syndrom

Allerdings wuchsen Adams Schwierigkeiten. Mit dem Wechsel an die weiterführende Schule, war er den neuen Anforderungen kaum mehr gewachsen. Viele Eindrücke überforderten ihn. Er konnte sich kaum konzentrieren. Seine Mutter kopierte seine Bücher in Schwarz-Weiß, weil er Farbbilder nicht ertragen konnte. Er hörte auf Saxofon zu spielen, er hasste plötzlich Geburtstage und Feiertage und litt unter Panikattacken. Oftmals sperrte er sich weinend in sein Zimmer. Seine Mutter versuchte ihn dann durch die Tür hinweg zu trösten.

"Es war klar, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist mit ihm", sagt Peter Lanza. "Sein assoziales Verhalten, seine Ängste, seine Unfähigkeit zu Schlafen und sich zu konzentrieren, sein gebückter Gang und seine Weigerung, Augenkontakt zu halten, wir konnten die Veränderungen sehen." Kurze Zeit später diagnostizierte ein Psychiater das Asperger-Syndrom, eine in der Regel schwächer ausgeprägte Form des Autismus. Adams Eltern freuten sich, endlich eine Erklärung für sein Verhalten zu haben. Aber Adam, so sein Vater, akzeptierte die Diagnose nie.

"Folgenschwere Isolation": Das Zuhause von Adam Lanza und seiner Mutter in Newtown, Connecticut (Archivbild).

"Folgenschwere Isolation": Das Zuhause von Adam Lanza und seiner Mutter in Newtown, Connecticut (Archivbild).

Zustand verschlechtert sich immer weiter

Fortan übernahm Nancy Lanza alle Entscheidungen im Leben ihres Sohnes. "Ich saß nur noch auf der Rückbank", sagt sein Vater. Als ein Psychiater empfahl, den Jungen nicht mehr zur Schule zu schicken, um ihm den Stress des Zusammenseins mit Gleichaltrigen zu ersparen, wurde er fortan zu Hause von seiner Mutter unterrichtet. Der Beginn einer folgenschweren Isolation. Adam Lanzas Zustand verschlechterte sich immer weiter.

Im "New Yorker“ berichtet Peter Lanza, dass sein Sohn sich plötzlich weigerte, Metallgriffe an Türen anzufassen. Alle Möbel aus seinem Zimmer räumte. Außerdem wollte er auch nicht, dass seine Mutter Dinge anfasste, weil sie ihn dann verseuchen könnte. Bei einer späteren Untersuchung notiert ein Psychiater: "Wenn seine Mutter vor ihm in die Küche ging, zwang er sie, den Weg noch einmal zu wiederholen.“ Der Mediziner warnt vor der engen Mutter-Sohn Beziehung. Sein Fazit: "Nancy Lanza ist eine Gefangene im eigenen Haus.“

Schießstand statt Wandertouren

"Adam wollte keine Therapie“, sagt Peter Lanza. Er habe sich für normal gehalten. "Und alle anderen haben von ihm eine schräges Verhalten erwartet, weil er an Asperger litt. Vielleicht hat das aber etwas anderes, Größeres, wie Schizophrenie überdeckt." Denn eigentlich sei eine solche Gewalttätigkeit für Asperger Patienten völlig untypisch. Peter Lanza ergänzt bitter: "All diese Experten, die ihn gesehen haben, haben nichts bemerkt, das Hinweise auf sein späteres Verhalten hätte geben können."

Peter Lanza bewahrt noch heute die E-Mails, die er mit seiner Frau Nancy seit der Trennung austauschte, in Ordnern auf. Sie dienen nun als traurige Protokolle der wachsenden Hilflosigkeit. 2008, als Adam 16 war, ging er nur noch phasenweise in die Schule. In den Mails beschreibt Nancy Lanza wie sie verzweifelt versucht, dass Beste für ihren Sohn zu tun – und dabei vermutlich alles falsch machte. Statt sich professionelle Hilfe zu holen, isolierte sie ihn immer weiter. Auch vom Vater.

Regelmäßig bat sie Peter Lanza, nicht vorbeizukommen, weil Adam einen "schlechten Tag“ hatte. "Sie baute eine Welt um ihn herum", sagt Peter Lanza heute. Aber statt damals einzugreifen, akzeptierte er die schrittweise Entfremdung von seinem Sohn. Statt mit dem Vater auf Wandertouren zu gehen, begleitete Adam Lanza seine Mutter, eine Waffennarrin, nun auf den Schießstand.

Per Mail teilte Nancy Lanza dann 2010 ihrem Ex-Ehemann mit, dass Adam ihn nicht sehen wolle. Peter Lanza war frustriert, erzwang aber keine Treffen. "Es wäre zum Streit gekommen und das wollte ich nicht.“ Die Verzweiflung des Vaters war so groß, dass er sogar darüber nachdachte, einen Privatdetektiv zu engagieren. "Er sollte herausfinden, wo ich meinem Sohn über den Weg laufen könnte." Er entschied sich aber dagegen. Warum sein Sohn den Kontakt abbrach, weiß Peter Lanza nicht. Er hat nur eine Vermutung: "Er wollte nicht, dass ich sehe, wie er psychologisch verfällt. Seine Mutter konnte er besser kontrollieren, als mich."

"Adam hätte mich in einer Sekunde umgebracht"

So schickte Nancy Lanza in den kommenden Jahren auch nur noch gute Nachrichten von ihrem Sohn – obwohl die Wahrheit wohl eine andere war. Schon längst hatte Adam Lanza aufgehört, mit seiner Mutter zu sprechen, er kommunizierte nur noch per E-Mail mit ihr. "Sie wollte, dass alle denken, alles ist in Ordnung“, so Peter Lanza. Wohl auch, weil sie sich nie von ihrem Sohn bedroht gefühlt habe. Peter Lanza berichtet: "Sie schlief mit offener Schlafzimmertür und sie hatte Waffen im Haus, dass hätte sich nicht, wenn sie Angst gehabt hätte."

Peter Lanza ist überzeugt, dass sein Sohn keine Gefühle für ihn gehabt habe. "Ich glaube, Adam hätte mich innerhalb einer Sekunde umgebracht, wenn er die Chance dazu gehabt hätte." Deswegen habe er auch seine Mutter Nancy vor seinem Amoklauf mit vier Schüssen hingerichtet. Peter Lanza sagt: "Einen Schuss für Nancy, einen Schuss für Adam, einen für seinen Bruder Ryan und einen für mich."

Wo und wie Adam Lanza beerdigt wurde, will sein Vater nicht verraten. "Das wird nie jemand erfahren", sagt er. Aber die DNA seines Sohnes wird von Wissenschaftlern untersucht, in der Hoffnung, darin einen Hinweis auf Anomalien zu finden, die ihn zum Mörder werden ließen. Seinen Nachnamen mag Peter Lanza kaum mehr sagen. "Ich habe schon nachgedacht, ihn ändern zu lassen, aber das ist, als wollte ich so tun, als sei nichts passiert und das ist nicht die Wahrheit." Mit zwei Familien ermordeter Kinder hat er sich inzwischen getroffen. Peter Lanza sagt: "Wenn ich könnte, würde ich sofort den Platz mit ihnen tauschen."

Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?