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Wahl zum Stadtrat: Wer Hunde hält, wird ausgepeitscht: Wie ein Tierarzt Teheran verändern will

In Teheran steht die Wahl des Stadtrats bevor und möglicherweise ist sie die Chance für Veränderung. Vor allem für Haustierbesitzer, die bislang Strafen fürchten müssen. Ein Tierarzt erzählt, was Hundebesitzer erdulden müssen - und was er ändern will.

Streunende Hunde werden von der "Urban Animal Control" in Teheran gefangen und in völlig überfüllten Tierheimen sich selbst überlassen. Doch sie zählen noch zu den Glücklicheren - manch andere werden einfach erschossen oder vergiftet.

Streunende Hunde werden von der "Urban Animal Control" in Teheran gefangen und in völlig überfüllten Tierheimen sich selbst überlassen. Doch sie zählen noch zu den Glücklicheren - manch andere werden einfach erschossen oder vergiftet.

Hunde gelten in der iranischen Tradition als unreine Tiere. Sie sind nicht erwünscht - nicht als Streuner auf der Straße und schon gar nicht als Haustiere mit emotionalem Wert. Doch der Iran ist - wie kaum ein anderes Land - bekannt für seine Kontraste zwischen traditionellen Vorschriften und der modernen Aufgeschlossenheit in großen Teilen der Gesellschaft.

Teheran: Die Wahl macht moderne Iraner sichtbar

Neben der iranischen Präsidentenwahl steht in der Hauptstadt Teheran auch die Wahl des Stadtrats an, und nicht weniger als 8000 Personen wollen kommenden Freitag einen der 21 Plätze ergattern, berichtet die New York Times. Dieses Jahr darf sich erst einmal jeder Teheraner für den Stadtrat bewerben. Das ist möglich, weil die Kandidaten dieses Mal von einem Parlament überprüft und zugelassen werden, in dem 2015 Reformisten und Moderate eine knappe Mehrheit erreichten. Experten sagen, es sei das erste Mal, dass die gebildete Mittelklasse und moderne Städter hervortreten, um sich zu behaupten. Die Stadtratwahl in Teheran mache endlich die vielen Iraner sichtbar, die etwas verändern und bewegen wollen.

Einer von ihnen ist Dr. Payam Mohebi, der Star-Tierarzt der iranischen Hauptstadt. Sein Ziel im Stadtrat: Die Situation der Tiere verbessern. Um Aufmerksamkeit zu erregen, hat er sich für sein Wahlplakat mit einem Hund ablichten lassen - das wäre hierzulande zwar keine große Sache. Im Iran ist es jedoch ein Skandal. Manche dürften sogar vermuten, Mohebi habe einen seltsamen Hang zur Selbstzerstörung. Denn er lebt in einem Land, in dem es unter Strafe steht, mit einem Hund spazieren zu gehen. Gegenüber der New York Times erklärt er, warum er mit seinen Postern provoziert: "Ich mache das, damit ein Platz im Stadtrat für die Tiere besetzt wird. Sie leben mit uns, wir lieben sie, sie müssen auch Rechte haben." Schon lange kämpft er dafür, dass Menschen sich Haustiere halten dürfen. 2002 eröffnete er die erste Haustier-Praxis Teherans, obwohl damals kaum jemand ein Haustier hatte. "Die Leute hielten mich für verrückt, aber ich sah eine Veränderung kommen", sagt der Tierarzt in der New York Times. Generell habe Teheran sich verändert. Die Leute haben mehr Geld, haben mehr Freiheiten und die Aufmerksamkeit für Soziales sei größer als früher.

Strafe für Hundebesitz: 60 Peitschenhiebe

Dennoch verabschiedete das Parlament vor drei Jahren, als es noch von Hardlinern dominiert war, ein Gesetz, dass den Besitz eines Hundes unter Strafe stellt. Das Ausmaß ist unglaublich: Wer einen Hund besitzt muss nicht nur mit einem Bußgeld von 2500 Euro rechnen, sondern darf sich auch auf die Tötung des Hundes und 60 Peitschenhiebe für sich selbst einstellen. "In dieser Stadt leben mittlerweile Millionen Haustiere - was denken die? Es gibt eine riesige Kluft zwischen der Politik und der Gesellschaft", so Mohebi. 

Die Wahl in der 13-Millionen-Einwohner-Stadt könnte der Beginn einer Veränderung sein. Neben dem Veterinär stehen unter anderem Anwälte, Angehörige religiöser Minderheiten, Frauenrechts-Aktivistinnen, Bänker und berühmte Sportler zur Wahl. Im Stadtrat hätten Sie während der kommenden vier Jahre Einfluss auf die Agenda, könnten soziale und wirtschaftliche Themen nach vorne bringen. Ein anderer der 8000 Kanditaten erklärt, dass Social Media seiner Meinung nach verantwortlich für die neuen Chancen ist: "Wenn ich vor vier Jahren kandidiert hätte, wie hätte ich meine Ansichten unter die Leute gebracht? Heute wissen die Wähler alles. Nichts kann mehr zensiert werden", sagt er gegenüber der New York Times. 

Bleibt abzuwarten, was die Wahl am Freitag bringt. Sollte Payam Mohebi tatsächlich in den Stadtrat gewählt werden, will er dafür sorgen, dass der Besitz von Hunden nicht mehr unter Strafe steht. Er schlägt spezielle Parks für Hunde und ihre Besitzer vor, damit sich niemand von den Tieren belästigt fühlen muss - ein Kompromiss zwischen traditionellen und modernen Ansichten.