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Rechtsextremer Anschlag in Halle: "Die Tür habe ich selbst gebaut"- Augenzeugen schildern den Angriff auf die Synagoge

Der Attentäter Stephan B. wollte in Halle in eine Synagoge eindringen – zum Glück hielt die Tür stand. In der Synagoge herrschte währenddessen Angst. Zwei Gemeindemitglieder erzählen von den furchtbaren Stunden.

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Während Familien mit Kindern, Studenten, Rentner vor dem Eingang Kerzen abstellen und Blumen ablegen, in stiller Trauer kurz verharren, tritt ein Mann durch eine der Türen, zündet sich eine Zigarette an, atmet tief ein, atmet tief aus, und lässt den traurigen Blick kurz schweifen. Polizisten, Kameraleute, die Straße vor der Synagoge von Halle ist vollgepackt. Eine Aufmerksamkeit, die er sich nicht gewünscht hat.

Der Mann ist Mitglied der jüdischen Gemeinde, er war am Mittwoch selbst in der Synagoge. Er geht die Straße ein paar Meter herunter, stellt sich an eine ruhige Stelle und erzählt, was dort passierte. Man sieht ihm, der seinen Namen nicht nennen möchte, den Schock an, man hört die Trauer in seiner Stimme.

Seiner Erzählung nach kam der Sicherheitsmann der Synagoge in den Gebetsraum und rief, dass vor der Tür geschossen werde. Der Kanton der Gemeinde schrie daraufhin, die Mitglieder sollten sich ein Stockwerk höher in Sicherheit bringen.

Kerben der Projektile im Holz der Tür

Der Mann hat eine mächtige, tiefe Stimme, er kommt aus der Ukraine, lebt seit dreißig Jahren in Deutschland. Ein Jude in Deutschland, fassungslos, über das, was gestern geschah. "Ich bin mit dem Sicherheitsmann zum Monitor gelaufen, von wo aus wir alles, was vor der Tür geschah, beobachten konnten." Wie der Attentäter eine Frau erschoss. Wie er drei Molotow-Cocktails über die Mauern warf, von denen einer detonierte. Wie er versuchte, in das Gebäude einzudringen, immer wieder feuerte er auf die verriegelte Holztür. Sie hielt dem Beschuss stand – und rettete wohl zig Menschen das Leben. Aber noch jetzt kann man in der Mittagssonne gut die tiefen Kerben erkennen, die die Projektile des Täters im Holz hinterlassen haben.

"Die Tür habe ich selbst gebaut." Der Mann wird ironisch: "Die ist geschützt, allerdings nur denkmalgeschützt, nichts Besonderes. Dieser Attentäter war offensichtlich einfach dumm, dass er die nicht überwinden konnte." Es klingt Bitterkeit, aber auch Erleichterung aus seiner Stimme.

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Zehn Minuten, bis ein Polizeibeamter in Halle am Telefon war

Wegen Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, den Juden in aller Ruhe begehen, hätten die Gemeindemitglieder ihre Festnetztelefone ausgestöpselt und die Handys abgeschaltet. "Ich musste das erst mal anschalten, mit zittrigen Fingern, das hat alles gedauert. Dann habe ich in meinem Büro angerufen und meinen Mitarbeitern gesagt: Ruft von allen Leitungen die Polizei an. Auf uns wird geschossen. Die müssen so schnell wie möglich kommen!"

Zehn Minuten, erzählt er, hätte es gedauert, bis die Mitarbeiter überhaupt einen Polizeibeamten am Telefon gehabt hätten. Zuvor lief nur ein Anrufbeantworter. Als er endlich durchkam, hätte der Beamte dann erst mal in aller Ruhe gefragt, worum es gehe, gesagt, der Anrufer solle bitte deutlicher sprechen und immer schön langsam.

Es war, sagt er, reines, pures, von Gott gesandtes Glück, dass der Attentäter es nicht in die Synagoge geschafft hat. "Die Tür ist auch nicht immer zu, das war eigentlich Zufall." Etwa 60 Menschen seien in der Synagoge gewesen, davon zwanzig amerikanische Gäste von einer jüdischen Studentenvereinigung aus Berlin.

Gemeindemitglieder mussten sechs Stunden ausharren

Vor einem Jahr hätte die Polizei die Gefährdungslage heruntergestuft – für die Gemeindemitglieder völlig unverständlich. Bis dahin hätte am wenige Meter entfernten Wasserturm sowie direkt vor der jüdischen Gemeinde ein Polizeiauto gestanden. "Seitdem werden wir nicht mehr geschützt."

Im Dunkeln steht ein Mann mit Brille und grauen Locken vor einer von der Polizei bewachten Absperrung

Sechs Stunden mussten die Gemeindemitglieder in der Synagoge ausharren, sechs Stunden, in denen sie alleine waren und nicht wussten, was eigentlich passiert. Ein weiteres Mitglied der Gemeinde, das sich zu dem Gespräch dazustellt, Eli G., stand währenddessen vor der Synagoge, kommunizierte mit der Polizei. "Da waren Hunderte Polizisten, aber es herrschte das reinste Chaos, es gab gar keine Kommunikation zwischen denen. Die kannten das Gelände auch überhaupt nicht." Die Polizisten hätten gefragt: Wo können wir da rein? "Ich zeigte ihnen die Türen, erklärte die Zugänge. Die wollten sie dann nicht nehmen, weil sie Angst vor Sprengfallen hatten."

"Ich fühle mich hier schon lange nicht mehr sicher"

G. habe den Beamten gesagt, dass sie von der anderen Seite über die Mauer klettern könnten. "Das haben sie dann auch getan, kamen nach wenigen Minuten aber zurück." Die Gemeindemitglieder hätte die Polizei zunächst alleine im Gebäude der Synagoge zurückgelassen.

Schon lange hatte Eli G. Angst vor einem Anschlag. Dass es jetzt so viel Zuwendung und Anteilnahme gibt, dass sogar der Bundespräsident zur Synagoge kommt, findet er gut und richtig. Aber er fügt auch an: "Wenn so etwas passiert, ist das Geschrei immer groß. Doch was kommt danach?"

"Ich fühle mich hier", sagt Eli G., "schon lange nicht mehr sicher."

In Halle?

"In Deutschland."

rw