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Nach zwei Jahren Pandemie Lebenserwartung der US-Amerikaner drastisch gesunken – bei Indigenen um bis zu sechs Jahre

Indigene Kinder in Australien bei einem Baseball-Spiel
Die Lebenserwartung bei indigenen Bevölkerungsgruppen ist in den USA um sechs Jahre gesunken. Ein drastischer Rückgang, der Experten in Sorge versetzt.
© AAP / Imago Images
Menschen, die 2021 in den USA geboren wurden, leben im Schnitt drei Jahre weniger als diejenigen, die 2019 zur Welt gekommen sind. Ein historischer Rückgang, der sich bei Indigenen in einem besonders heftigen Ausmaß zeigt. Die Lebenserwartung vor Ureinwohner ist um sechs Jahre gesunken.

Drei Jahre – so viel Lebenszeit haben die US-Amerikaner in den vergangenen Jahren verloren. Während ein 2019 geborener US-Bürger im Durchschnitt 79 Jahre alt wurde, beträgt die Lebenserwartung für 2021 Geborene nur noch 76 Jahre. Solch einen starken Rückgang hat es seit hundert Jahren nicht mehr gegeben. Die Pandemie sei laut dem Bericht des Center for Disease Control and Pervention nur zum Teil für den Abwärtstrend verantwortlich. Das Virus habe die Sterblichkeitsrate erhöht und mache ungefähr die Hälfe des Rückgangs aus. Der Rest sei auf Drogenkonsum, Herz- und Nierenerkrankungen sowie Suizide zurückzuführen.

Um einiges dramatischer sind die Daten von indigenen US-Amerikanern. Ihre Lebenserwartung ist mit 65 Jahren so niedrig wie bei keiner anderen ethnischen Bevölkerungsgruppe. Auch der Rückgang der Lebenserwartung ist bei Indigenen gravierend: Mehr als sechs Jahre haben sie seit 2019 eingebüßt. Die Corona-Pandemie hat unter Indigenen besonders viele Todesopfer gefordert. Nach Angaben der "New York Times" seien die Fallzahlen unter Ureinwohnern 50 Prozent höher gewesen als bei weißen US-Amerikanern. Auch seien Indigene doppelt so häufig an den Folgen einer Infektion gestorben. Grund dafür sind einer Analyse der "New York Times" zufolge die vielen Gesundheitsprobleme, mit denen die Ureinwohnern bereits vorher zu kämpfen hatten. Corona hätte diese deutlich verschärft.

Schlechte Gesundheitsversorgung für Indigene in den USA

Der Gesundheitsdienst für Indigene sei seit Jahren unterfinanziert. Alternde Einrichtungen, Finanzierungs- und Versorgungsengpässen sowie eine unzureichende Anzahl von Gesundheitsdienstleistern und Krankenhausbetten sind die Folgen. Laut Jennie R. Joe, emeritierte Professorin für Familien- und Gemeindemedizin am Wassaja Carlos Montezuma Center for Native American Health der Universität von Arizona, sei es die Kombination aus Armut und chronischen Krankheiten, die die Verkürzung der Lebenserwartung befeuert. Einer von vier Indigenen lebt in Armut, jeder Siebte hat Diabetes. 14,5 Prozent leiden an Fettleibigkeit. Zusätzlich sind Alkoholismus und daraus resultierende Leberprobleme in indigenen Gemeinden stark verbreitet. Alles Risikofaktoren für einen schweren Corona-Verlauf. Doch das sind nur ein paar der Probleme.

Ureinwohner der USA bei einem Protest
Ein Indigener bei einem Protestmarsch. Corona-Infektionen breiten sich in Gemeinden von Ureinwohnern oftmals schneller aus als unter weißen US-Amerikanern.
© VWPics / Imago Images

Kaum ausgebaute Infrastruktur, beengte Wohnverhältnisse, schlechte Luft- und Wasserqualität schädigen die Gesundheit zusätzlich. Beispielsweise bei den Navajo, deren Gebiet sich über 27.000 Quadratmeilen über Arizona, New Mexico und Utah streckt. In einigen Gegenden gibt es kaum fließend Wasser, was die Körperhygiene erschwert. Durch das Heizen mit Holz und Kohle ist die Luft selbst in Innenräumen oft verschmutzt, was bereits vor der Pandemie Atemprobleme verursacht hat. Und üblicherweise leben bei den Navajo mehrere Generationen in einem Haushalt. Isolation und Quarantäne sind kaum möglich – stattdessen konnte sich das Virus schneller ausbreiten.

Besorgniserregende Entwicklung sollte ein Aufruf zum Handeln sein

Die stark gesunkene Lebenserwartung hat selbst Experten schockiert. Bob Anderson, Chefstatistiker des Center for Disease Control and Pervention sagte gegenüber CNN: "Als ich das in dem Bericht sah, fiel mir die Kinnlade herunter." Für die indigenen Gemeinden selbst sind die Zahlen wenig überraschend. "Das ist einfach das, was biologisch mit Bevölkerungsgruppen passiert, die chronisch und stark gestresst sind und denen es an Ressourcen mangelt", zitiert die "New York Times" Ann Bullock, Angehörige des Minnesota Chippewa-Stammes und ehemalige Direktorin für Diabetesbehandlung bei der staatlichen indigenen Gesundheitsbehörde.

Matthew Clark, Chief Medical Officer beim indigenen Gesundheitsdienst, bezeichnet die Ergebnisse des neuen CDC-Berichts als besorgniserregend, allerdings sei die schlechte Gesundheitsversorgung der Ureinwohner bekannt, die unverhältnismäßig hohen Infektions- und Sterberaten seien zu erwarten gewesen. Nichtsdestotrotz sollten die Zahlen ein dringender Aufruf zum Handeln sein.

Asiatischstämmige Menschen sind nach Angaben der CDC die einzige ethnische Gruppe, deren Lebenserwartung sich während der Pandemie nicht verändert hat. Sie liegt nach wie vor bei 83,5 Jahren. Bei Amerikanern mit Latino-Abstammung ist die Lebenserwartung um vier Jahre auf 78, bei Schwarzen um drei Jahre auf 71,5 gesunken. Auch in Deutschland ging die Lebenserwartung zwischen 2019 und 2021 von 81,2 auf 80,7 Jahre zurück. Mediziner Steven Woolf, der an der Virginia Commonwealth University in Richmond zu Bevölkerungsgesundheit forscht, hob laut einem Artikel der "Zeit" hervor, dass diese Entwicklungen in nahezu allen Industrieländern zu beobachten waren. Allerdings hätten fast alle Nationen den Abwärtstrend drosseln können. Alle außer die USA.

Quellen:Center for Disease Control and Pervention, CNN, "Die Zeit", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "New York Times"

lhi

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