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Vorläufige Geburtenstatistik: Die deutsche Baby-Blase

Stirbt Deutschland vielleicht doch nicht aus? Vorläufige Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen einen Aufwärtstrend in der Geburtenrate und ein Plus wie seit Langem nicht. Das Amt wundert sich allerdings über die Aufregung - von Baby-Boom keine Spur.

Von Sophie Albers

Die Begeisterung ist groß. Die Meldung, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden kommt gerade richtig zum Jahresende. Trägt sie doch die Hoffnung in sich, dass Deutschland doch nicht ausstirbt und sich vielleicht auch nicht abschafft.

In den ersten neun Monaten des Jahres 2010 sei die Zahl der Geburten stark gestiegen, berichtete die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf das Statistische Bundesamt. Zwischen Januar und September 2010 seien insgesamt 510.000 Kinder zur Welt gekommen, was im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr (492.000) ein Plus von 3,6 Prozent bedeutet. Sollten die Zahlen weiterhin so steigen, wäre das eine beeindruckende Entwicklung, heißt es. Schließlich sinkt die Zahl der potentiellen Mütter seit Jahren kontinuierlich. Auch scheint die Krise die Libido weniger beeinträchtigt zu haben als befürchtet.

Auf dem richtigen Weg

"Das ist ein positives Signal. Wir sind mit unseren Familienleistungen, speziell mit dem Elterngeld und dem Ausbau der Kinderbetreuung, auf dem richtigen Weg", zitiert die Zeitung eine Sprecherin des Familienministeriums, die damit mittlerweile allerdings eine andere Studie zum Thema steigender Kinderwunsch beschrieben wissen wollte. Denn mit den für Glückseligkeit sorgenden Babyzahlen gibt es ein Problem: Sie sind "vorläufig", wie eine Sprecherin des Statistischen Bundesamtes im Gespräch mit stern.de immer wieder betonte. Und der Vergleichswert aus dem vergangenen Jahr ist extrem niedrig.

Es handle sich um einen "reinen Bearbeitungsstand". Die aktuellen Zahlen basierten ausschließlich auf dem "Registrierungsort", sprich den Geburten, die das in dem Bereich zuständige Standesamt meldet. Woher die Mutter kommt, ist nicht bekannt. Deshalb taugen die Zahlen beispielsweise auch nicht zur Verwerfung oder Untermauerung von Sarrazins umstrittener These der "gebärfreudigen Kopftuchmädchen". Das Echo auf die Zahlen verwirrt die Statistiker: Eigentlich sei die Zeit zwischen den Jahren ruhig, "aber heute ist es heftig", sagte die Sprecherin. "Wir können die Aufregung nicht verstehen."

Abweichung möglich

Die endgültigen Zahlen, die einen Aufwärtstrend tatsächlich belegen würden, gibt es im kommenden Sommer. Dann ist auch einsehbar, wer, wann und wo Leben gegeben hat, da der Wohnort der Mutter in der Statistik verzeichnet ist. Die derzeit für Hoffnung auf eine Trendwende sorgenden, vorläufigen Zahlen werden auf jeden Fall noch korrigiert, so die Sprecherin weiter. Und im vergangenen Jahr habe es eine größere Abweichung gegeben. "Wir wissen eben nicht, ob es so bleibt."

Doch selbst wenn sich die Wachstumsrate als stabil erweisen sollte, würde es am Ende keine einschneidende Veränderung der sinkenden Geburtenzahlen bedeuten. Hochgerechnet wären dann im Jahr 2010 in Deutschland rund 680.000 Kinder geboren worden. Rund 15.000 mehr als 2009, doch auch 2500 weniger als 2008, knapp 5000 weniger als 2007.

Der Besorgnis erregend niedrige Durchschnittswert der Geburten pro Frau pro Jahr würde sich damit nicht entscheidend ändern: Während die "natürliche Reproduktionsrate" bei 2,1 Kindern pro Frau liegt, pendelt er hierzulande seit Jahren zwischen 1,36 und 1,38 Kindern pro Frau. Damit gehört Deutschland in der "Kinderproduktion" zu den Schlusslichtern in Europa. Und das wird wohl auch noch eine Zeit so bleiben - den vorläufigen Zahlen zum Trotz.