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AKW in Tschernobyl und Fukushima: Die schrecklichen Siebener

Ein Super-GAU der Stufe 7: Die Fukushima hat die gleiche Dimension erreicht wie die im AKW Tschernobyl. Doch kann man beide vergleichen? Wir haben es versucht.

Von Mareike Rehberg

Tschernobyl 2" – so wurde die Atomkatastrophe im havarierten japanischen Kernkraftwerk Fukushima in den vergangenen Wochen immer wieder bezeichnet. Nun leugnet auch die japanische Regierung nicht länger die Gefahr, die von der Atomruine ausgeht. Nachdem am Montag bereits die Evakuierungszone auf weitere stark verstrahlte Orte ausgedehnt wurde, hat die Atomaufsichtsbehörde in Tokio am Dienstag den Atomunfall von Stufe 5 auf die höchste Gefahrenstufe 7 angehoben. Diese Stufe war bislang der Katastrophe von Tschernobyl vorbehalten.

Mit der neuen Einstufung geht die japanische Atomaufsichtsbehörde davon aus, dass die radioaktive Verseuchung das Ausmaß des Tschernobyl-Unglücks vor 25 Jahren erreichen könnte. AKW-Betreiber Tepco befürchtet sogar, dass durch das radioaktive Leck noch mehr Strahlung entweicht, als seinerzeit bei der schweren Explosion im ukrainischen Kernkraftwerk. Doch trotz der Parallelen zwischen beiden Atomunfällen sind Fukushima und Tschernobyl nach Ansicht von Experten nicht wirklich vergleichbar.

Die Katastrophe: Feuerball versus Knallkette

In Tschernobyl kam es am 26. April 1986 zum Super-GAU, als nach einem durch Bedienfehler verunglückten Experiment der graphitmoderierte Unglücksreaktor 4 explodierte. Ein riesiger Feuerball schleuderte radioaktiv verseuchte Teilchen kilometerweit in die Luft, kein innerer Sicherheitsbehälter schirmte damals die Brennkammer von der Umwelt ab. In Fukushima hingegen fanden die Explosionen in drei Reaktorblöcken erst statt, als das AKW schon abgeschaltet war, auch die Bauweise der Reaktoren ist anders.

Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) vergleicht das Unglück in Japan im Gespräch mit stern.de mit einer Knallkette zu Silvester: Die müsse man auch nur einmal anzünden und dann komme es zeitversetzt zu mehreren Explosionen. In Fukushima habe man es außerdem mit einem monatelangen, eher schleichenden Prozess zu tun, bei dem noch kein Ende abzusehen sei.

Der Umgang mit dem Super-GAU: ein Desaster hier wie dort

Im Umgang mit der Katastrophe haben die Japaner nicht wirklich von Tschernobyl gelernt. Die Regierung und Betreiber Tepco schickten zwar nur wenige Hundert Arbeiter ins zerstörte AKW, um die Situation in den Griff zu bekommen, während die Sowjetführung damals Hundertausende Soldaten und AKW-Mitarbeiter als "Liquidatoren" bei den Aufräumarbeiten in der verseuchten Unglückszone helfen ließ. In beiden Fällen ließ aber die Kommunikations- und Informationspolitik gegenüber der eigenen Bevölkerung zu wünschen übrig: In Tschernobyl schwieg sich die Regierung tagelang über das Unglück aus, aber immerhin wurden die Menschen innerhalb einer 30-Kilometer-Evakuierungszone relativ bald in Sicherheit gebracht. In Fukushima ließ man sich mit der Räumung mehr Zeit, auch die Größe der Sperrzone wurde lange diskutiert.

Die Schäden: Schätzungen gehen weit auseinander

Die langfristigen Folgen des Atomstörfalls in Fukushima für die Gesundheit der Menschen sind noch nicht absehbar. Die Anhebung der Gefahrenstufe bedeutet nach der Systematik der internationalen Bewertungsskala (Ines) zwar, dass Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld zu erwarten sind, genaue Daten zur Zahl der Betroffenen und zum Ausmaß der zu befürchtenden Folgen gibt es aber nicht.

Auch zur Katastrophe von Tschernobyl kursieren bis heute widersprüchliche Opferzahlen. Umweltschützer gehen von Zehntausenden Toten aus, die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprechen dagegen nur von 4000. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und die GfS nehmen an, dass über Generationen hinweg 600 Millionen Menschen in Europa Gesundheitsschäden vom Reaktorunglück davongetragen haben oder noch davontragen werden. Zwischen 112.000 und 125.000 der 830.000 sowjetischen Aufräumarbeiter seien bis 2005 gestorben, der Rest ist heute schwer krank. Über 90 Prozent der damaligen Liquidatoren leiden demnach an Krebs, Bluthochdruck, hirnorganischen Schäden und Magen-Darm-Krankheiten. Vor allem bei Kindern steigt die Schilddrüsenkrebsrate.

Die Ausbreitung: Pazifik steht das Schlimmste noch bevor

Die Ausbreitung der radioaktiven Wolke in Japan beschränkt sich auf eine Höhe von maximal 500 Meter, deshalb wird die Radioaktivität nach Ansicht von Experten recht nahe am Reaktor niedergehen. In Tschernobyl dagegen wurden die strahlenden Teilchen kilometerweit in die Atmosphäre geschleudert, der Wind verbreitete sie dann über Tausende Kilometer. GfS-Experte Thomas Dersee sieht die Strahlung dennoch nicht als lokales Problem an: Im Juni beginne die Regenzeit, die Windrichtung ändere sich und die Radioaktivität könne sich über den ganzen pazifischen Raum verbreiten, befürchtet Dersee. In Fukushima besteht aber noch eine andere Gefahr: Der Ozean droht verseucht zu werden. Außerdem wohnen in den betroffenen Präfekturen Japans weitaus mehr Menschen als in der schwächer besiedelten Ukraine und in Weißrussland.

Lediglich in einem Punkt herrscht Sicherheit: Wie auch um Tschernobyl wird die Gegend um das AKW Fukushima lange kontaminiert bleiben. Noch 25 Jahre nach dem Super-GAU in der Ukraine sind Lebensmittel wie Pilze, Beeren und Wildfleisch auch in weiter entfernten Gebieten radioaktiv belastet. Japanische Kontrollmessungen für Spinat, Rindfleisch und Milch legen nahe, dass es auch im fernöstlichen Kaiserreich ähnlich sein wird.

mit Agenturen