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Radioaktivität in Lebensmitteln: Die strahlende Ernte von Tschernobyl

Was Japan noch zu erwarten hat, zeigt Tschernobyl: 25 Jahre nach dem Super-GAU ist nicht einmal ein Zehntel der Strahlung abgebaut - auch nicht in Wildschweinen und Pilzen aus Bayern.

Von Niels Kruse

Zwei Tage, nachdem der Reaktor in Tschernobyl in sich zusammengeschmolzen war und sich die Strahlenwolke über Westeuropa breit gemacht hatte, verkündete der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) im Brustton der Überzeugung: "Deutschland ist 2000 Kilometer von der Unfallstelle entfernt und eine Gefährdung der Bevölkerung absolut auszuschließen." Doch ein starker Ostwind sollte den Mann Lügen strafen: Keine zwei Tage später schlugen in ganz Deutschland die Geigerzähler aus wie nie zuvor - vor allem in der bayerischen Heimat Zimmermanns. Der Wash-out, wie radioaktiv belasteter Regen genannt wird, hatte die Böden des gesamten Alpenraums kontaminiert. Vor allem die Wälder waren von dem Super-GAU in der Sowjetunion betroffen. Und sind es bis heute.

Das nichtstaatliche Münchner Umweltinstitut prüft regelmäßig die Cäsium-137-Belastung der Waldböden. Auch 25 Jahre nach dem GAU in Tschernobyl sind einige Tiere und Pflanzen derartig verstrahlt, dass sie nicht gegessen werden sollten. Vor allem Wildschweinfleisch und Pilze wie Pfifferlinge und Semmelstoppelpilze weisen die 3- bis 20-fache Belastung dessen auf, was dem Menschen noch zuzumuten ist. Das Isotop Cäsium-137 fällt bei der Kernspaltung an und hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. "Erst nach zehn Halbwertszeiten fällt die Belastung in einen für Menschen unbedenklichen Bereich", sagt Christina Hacker, Expertin für Radioaktivität beim Umweltinstitut München. In anderen Worten: Erst in rund 300 Jahren lassen sich Lebensmittel aus dem Wald wieder bedenkenlos essen.

In Wales werden Lämmer mit dem Geigerzähler geprüft

Es sind nicht nur bayerische Waldprodukte, die immer noch gefährlich belastet sind. Auch im britischen Wales, 2500 Kilometer von Tschernobyl entfernt, wird Lammfleisch erst nach einem Strahlentest für Verkauf und Verzehr freigegeben. Ebenfalls stark belastet sind die Böden in Kärnten, der Steiermark sowie im Baltikum und in Skandinavien, das als erstes von der Strahlenwolke erreicht wurde. Bei den dortigen Rentieren wird eine Belastung von bis zu 50.000 Becquerel pro Kilogramm gemessen. Die Bundesregierung dringt allerdings darauf, die Grenzwerte zu senken. Bislang gilt: Gesunde Erwachsene vertragen 600 Becquerel pro Kilogramm. Das Dilemma von radioaktiver Strahlung allerdings ist: Ihre Wirkung auf den Menschen lässt sich nicht genau vorhersagen, so dass Grenzwerte immer nur Richtwerte sein können.

Im Sperrgebiet rund um den Unglücksreaktor von Tschernobyl etwa leben trotz Verbots immer noch viele Leute, vor allem alte, die ihre Heimat nicht verlassen wollten. Zwar können die Bewohner unbedenkliches Essen in Supermärkten kaufen, dennoch ernähren sich die einfachen Menschen seit Jahrzehnten von selbstangebautem Gemüse, sie züchten auch Bienen und essen Fisch aus stark kontaminierten Flüssen - für viele ohne gravierende gesundheitliche Folgen.

Zulässige Dosis mal eben um das 20fache angehoben

Auch in Westeuropa hatten sich die Regierungen damals dem drohenden "radiologischen Notstand“ gebeugt und kurz nach der Katastrophe die Strahlungsgrenzwerte für Lebensmittel erhöht. Grund war die Befürchtung, dass die Bevölkerung nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden könnte, weswegen die Behörden eine höhere Belastung in Kauf genommen hatten. Die "Tschernobyl-Verordnung" sollte ursprünglich bis 2020 gelten und sah vor, dass Kinder und Säuglinge etwa über Milchprodukte nicht mehr als 370 Becquerel pro Kilogramm zu sich nehmen sollten. Nun aber hat die EU kurzerhand die Grenzwerte für Lebensmittelimporte aus Japan de facto erhöht. Für Babys etwa bedeutet das: Künftig dürfen bei Milchprodukten bis zu 400 Becquerel gemessen werden. Die zulässige Dosis für Erwachsene etwa für Kartoffeln und Öle wurde von 600 auf 12.500 Becquerel pro Kilogramm angehoben - das entspricht im Einzelfall bis zur 20-fachen bisherigen Strahlungsmenge.

Damit tolerieren die Brüsseler Behörden nun stärker kontaminierte Nahrungsmittel als die japanischen. "Rein theoretisch könnten also Lebensmittel, die in Japan selbst wegen ihrer Belastung nicht mehr verkauft werden dürfen, ganz legal nach Europa exportiert werden", höhnt die Verbraucherorganisation Foodwatch in einer Stellungnahme. "Vollends absurd wird diese Entscheidung, wenn man bedenkt, dass die Lebensmittelimporte aus Japan kaum ins Gewicht fallen", sagt Christina Haucker vom Münchner Umweltinstitut. Bei einem Anteil von gerade einmal 0,1 Prozent aller Lebensmittel, die aus Japan kommen, bestehe keine Notwendigkeit für die Erhöhung der Grenzwerte.

Wird bald Ingwer aus Korea kontaminiert?

Zumindest noch nicht. Was bislang in deutschen Supermärkten aus Fernost in den Regalen liegt - Tee, seltene Fische, Algen - stammt noch aus der Zeit vor dem Super-GAU. Erst in einigen Monaten würden die ersten belasteten Nahrungsmittel nach Europa verschifft. Und was den Herkunftsstempel Japan trägt, dürften die meisten Verbraucher bis auf weiteres ohnehin meiden. Doch noch ist überhaupt nicht absehbar, wann die Katastrophe von Fukushima endet. "Der Strahlungsausstoß kann noch Monate weiter gehen", sagt Hacker, und in der Zeit auch Nachbarländer wie China und Korea verseuchen. Von Tokio bis zur Ostküste der Halbinsel liegen keine 1000 Kilometer. Sollte die Radioaktivität also Korea erreichen, dann könnten künftig auch Lebensmittel wie Ingwer und Kreuzkümmel verstrahlt werden. Bis in 300 Jahren der größte Teil des Cäsiums abgebaut ist.