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Atomkatastrophe in Japan: Verseuchung im Meer erreicht neuen Höchstwert

Der Strahlenwert im Meerwasser vor dem AKW Fukushima ist rasant angestiegen - auf das 1250-fache der normalen Belastung. Doch die japanischen Behörden versichern erneut: Das Risiko sei gering.

Die radioaktive Verseuchung des Meerwassers vor dem japanischen Katastrophen-Kraftwerk Fukushima hat einen neuen Höchstwert erreicht. Untersuchungen ergaben eine um das 1250-fache erhöhte Belastung durch radioaktives Jod, wie die japanische Atomaufsicht am Samstag mitteilte. Zugleich versuchte die Behörde, die wachsenden Sorgen der Menschen zu dämpfen: Die Verstrahlung stelle nur ein geringes Risiko für das Leben im Ozean dar, hieß es. Durch die Meeresströmung würden die strahlenden Partikel weggeschwemmt und verdünnt, bevor Fische und Algen sie aufnehmen könnten. Dennoch dürften die Messergebnisse Ängste in Japan und darüber hinaus schüren - vor radioaktiv verseuchten Lebensmitteln und unkontrollierbaren Folgen der Atomkraft generell. Zwei Wochen nach dem Unfall durch Erdbeben und Tsunami war Japans schwerbeschädigtes AKW noch weitgehend außer Kontrolle. Am Samstag versuchten Ingenieure, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Atomkomplex abzupumpen.

Im Untergeschoss des Turbinengebäudes von Reaktor 1 wurde laut Tepco stark radioaktives Wasser entdeckt, das den Kampf gegen den Super-GAU weiter erschweren könnte. Das Wasser sei womöglich aus undichten Rohren oder Ventilen zwischen Turbinengebäude und Reaktor ausgetreten, sagte ein Mitarbeiter der Atomsicherheitsbehörde. Auch in den Turbinengebäuden der Reaktoren 2 und 4 stand bis zu einem Meter hohes Wasser, das derzeit auf Radioaktivität untersucht werde. Am Donnerstag waren bei Arbeiten am Reaktor 3 drei Arbeiter verstrahlt worden, nachdem sie durch verseuchtes Wasser gelaufen waren. Das Wasser müsse unbedingt aus den Turbinengehäusen entfernt werden, bevor die Radioaktivität noch weiter steige, teilte die Atomaufsicht mit. Man suche nach Wegen, um das kontaminierte Wasser sicher zu bergen und dabei nicht die Umwelt zu verschmutzen. Temperatur und Druck hätten sich in allen Reaktoren stabilisiert.

Atomaufsicht: Keine Risse am Reaktor 3

Es gebe keine Hinweise auf Risse am Reaktor 3, betonte die Atomaufsicht zudem. Dies hatte sie am Vortag noch als möglich bezeichnet. Später erklärte die Behörde, die erhöhte Radioaktivität im Inneren von Reaktor drei könne aber auch auf die Kühlungsarbeiten oder auf Lecks in Rohren oder Ventilen zurückgeführt werden. Am Donnerstag waren drei Techniker, die sich um die Kühlung des heißgelaufenen Reaktors bemühten, verstrahlt worden. Sie waren dort mit Wasser mit einer um das 10.000-fache erhöhten Strahlung in Berührung gekommen.

Reaktor 3 ist der einzige der Fukushima-Reaktoren, der auch das besonders giftige Plutonium als Brennstoff verwendet. Nicht zuletzt deshalb macht dieser Reaktor den Behörden besonders große Sorgen. Doch insgesamt ist in vier der sechs Reaktorblöcken die Lage weiter außer Kontrolle. Immer wieder steigt Dampf und Rauch auf. Nur zwei der Reaktoren gelten als sicher. Die havarierte Nuklearanlage liegt 240 Kilometer nördlich der japanischen Hauptstadt Tokio. Im Großraum dieser Metropole leben rund 35 Millionen Menschen.

Am Samstag gab es wenigstens einen kleinen Fortschritt: Im Kontrollraum von Reaktor 2 brannte wieder Licht. Damit ist nun in drei Kontrollräumen das Licht wiederhergestellt. Die Helfer versuchten derweil mit Hochdruck, ausgelaufenes radioaktives Wasser an mehreren Reaktorblöcken zu entfernen. Danach sollten die Arbeiten zur Verkabelung der Kühlsysteme fortgesetzt werden.

Kühlung jetzt mit Süßwasser

Die Reaktorblöcke 1 bis 3 wurden am Samstag wieder mit Wasser von außen gekühlt, um die drohende Überhitzung zu stoppen. Wegen der hohen Strahlenbelastung geschah dies nach einem Bericht des Fernsehsenders NHK aus größerer Entfernung als bisher. Dabei wurde nun nicht mehr Meerwasser, sondern Süßwasser eingesetzt, was am Abend auch von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigt wurde. Verdampfendes Salzwasser kann Salzkrusten hinterlassen. Vor allem in den USA hatten sich Experten besorgt über eine Verkrustung der Kernbrennstäbe mit Salz geäußert.

Die japanische Regierung betonte unterdessen, dass sich die Lage in Fukushima nicht verschlechtere. Allerdings sei weiterhin höchste Wachsamkeit nötig, sagte ein Regierungssprecher am Samstag. Ministerpräsident Naoto Kan räumte am Vortag ein, die Krise sei noch längst nicht bewältigt. Mehr als 700 Techniker arbeiten im Schichtdienst daran, das Kraftwerk zu stabilisieren und die Kühlanlagen der Reaktoren wieder in Gang zu setzen - und so eine Kernschmelze mit verheerenden Folgen zu verhindern.

Als eine Reaktion auf Fukushima wollen die EU-Staaten künftig nicht nur Kernkraftwerke in der Union überprüfen, sondern auch Reaktoren der Nachbarstaaten der Gemeinschaft. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon stellte sich hinter Forderungen, weltweit die Reaktorsicherheit unter die Lupe zu nehmen.

 Bei dem Erdbeben der Stärke 9,0 und dem dadurch ausgelösten Tsunami am 11. März kamen nach offiziellen Angaben mindestens 10.489 Menschen ums Leben. 16.621 galten immer noch als vermisst, wie es am Samstagabend um 21 Uhr Ortszeit hieß.

ukl/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters