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Aufräumen nach "Kyrill": "Den Fahrplan können wir vergessen"

Die Aufräumarbeiten nach dem Orkan "Kyrill" laufen auf Hochtouren, doch die Bahn hat in Teilen Deutschlands noch massive Probleme: Im Ruhrgebiet ist der Verkehr nahezu zum Erliegen gekommen. Aber auch in Thüringen sind zehntausende Haushalte noch ohne Strom.

Nach dem verheerenden Orkan "Kyrill" gehen die Aufräumarbeiten weiter. Der Zugverkehr begann sich nach Angaben der Bahn wieder zu normalisieren, jedoch bestanden weiter regional Probleme. Die Versicherer schätzen den Schaden insgesamt auf eine Milliarde Euro.

Nach Angaben der Bahn vom Freitagabend laufen die Reparatur- und Aufräumarbeiten "auf Hochtouren". Alle Instandhaltungsfahrzeuge und Mitarbeiter seien zur Behebung der "immensen" Schäden im Einsatz, hieß es auf Webseite der Bahn. Bahn-Reisende in Nordrhein-Westfalen mussten sich auch am Samstag weiter auf Behinderungen einstellen. "Den Fahrplan können wir total vergessen", sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Nahezu zum Erliegen gekommen sei der Bahnverkehr am Samstagvormittag vor allem im mittleren Ruhrgebiet. Im Großraum Essen fahre derzeit kein Zug mehr. Erst am Nachmittag oder am Abend werde wieder mit einer Normalisierung gerechnet. Hintergrund seien anhaltenden Aufräumarbeiten sowie weiter herabfallende Äste und umstürzende Bäume. Die Schadenshöhe für die Bahn sei noch nicht zu beziffern. Der Luftverkehr läuft seit Freitagmorgen wieder weitgehend normal.

Deutschlands größter Stromnetzbetreiber RWE hatte die Stromausfälle am Freitag weitgehend behoben. Nur in Thüringen waren am Samstagmorgen 10.000 Haushalte noch immer ohne Strom. Bis Samstagmittag sollten zahlreiche Haushalte wieder versorgt werden. Der Orkan hatte in Thüringen zahlreiche Stromleitungen abgerissen. Insgesamt waren 60.000 Haushalte ohne Strom. Ein Großteil davon war bis zum Freitagabend wieder am Netz. Vielerorts kamen Notstromaggregate zum Einsatz.

Problematisch sei die Lage nach wie vor in einigen Regionen Südthüringens. Unterbrochen sei die Versorgung in 55 Orten in den höheren Lagen einiger Landkreise. In der Nacht waren die Reparaturarbeiten aus Sicherheitsgründen unterbrochen worden.

Elf Todesopfer in Deutschland

Der Orkan "Kyrill" hat eine Schneise der Verwüstung durch Europa geschlagen. Bei einem der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre waren allein in Deutschland elf Todesopfer zu beklagen, die meisten starben durch umstürzende Bäume oder herabfallende Äste. Es gab hunderte Verletzte. Besonders hart getroffen wurde das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort kamen am Donnerstag und Freitag fünf Menschen ums Leben, zwei starben in Bayern. Niedersachsen, Sachsen- Anhalt, Brandenburg und Baden- Württemberg hatten je ein Todesopfer zu beklagen.

Der Sturm tobte mit Spitzengeschwindigkeiten von über 200 Kilometern pro Stunde. Den höchsten Wert registrierte der Wetterdienst Meteomedia mit 225 Stundenkilometern auf dem Schweizer Aletschgletscher. In Deutschland blies "Kyrill" (altgriechisch: "Der Herr") am heftigsten über den Wendelstein in Bayern mit 202 Stundenkilometern. Bäume und Strommasten knickten wie Streichhölzer um, Häuserwände stürzten ein, Dächer wurden abgedeckt, der Verkehr brach zusammen, Hunderttausende waren zeitweise ohne Strom.

Während die Küstenregionen von den befürchteten schweren Sturmfluten verschont blieben, gab es im Binnenland ein Verkehrschaos, die Bahn stellte erstmals bundesweit ihren Fernverkehr ein, Autobahnen wurden gesperrt, hunderte Flüge gestrichen. Zehntausende gestrandete Reisende mussten die Nacht auf Bahnhöfen, Flughäfen oder in Notunterkünften verbringen.

Sturm-Risiko soll künftig weiter steigen

Schlimmer noch als Deutschland traf der Sturm die britischen Inseln. Dort starben mindestens 13 Menschen. In den Niederlanden gab es sechs Todesopfer, in Tschechien und Polen kamen je vier Menschen ums Leben, Frankreich meldete drei Sturmtote, Belgien zwei.

Das Sturm-Risiko in Europa wird nach Einschätzung des Rückversicherers Münchener Rück künftig weiter ansteigen. Mit dem Orkan "Kyrill" habe sich die Prognose bestätigt, dass der außergewöhnlich warme Winter eine besonders hohe Sturmgefahr mit sich bringe, erklärte Peter Höppe, Leiter der Geo-Risiko-Forschung der Münchener Rück, am Freitag. Der Orkan "passt in das Muster des Klimawandels, der die Wetterextreme auch in Europa langfristig verschärft". Insbesondere Winterstürme dürften nach Höppes Einschätzung künftig tendenziell stärker werden.

Meteorologen stellten "Kyrill" auf eine Stufe mit den Orkanen "Lothar" (1999) und "Wiebke" (1990). Allerdings habe "Lothar" mit deutlich höheren Windgeschwindigkeiten auf einem eng begrenzten Gebiet vor allem in Süddeutschland höhere Schäden angerichtet.

"Kyrill" brachte heftige Regenfälle und extrem warme Luft mit sich. Die Pegel vieler Flüsse stiegen bedrohlich an. Die höchsten Niederschlagsmengen gab es laut Meteomedia in Höchenschwand im Schwarzwald mit 113 Litern pro Quadratmeter. In Wien kletterte das Quecksilber auf 20 Grad - laut Meteomedia war das die höchste je gemessene Temperatur in einer Januarnacht in der österreichischen Hauptstadt.

DPA / DPA