Bürgermeister Ray Nagin Held im überfluteten Höllenloch


Nach dem Hurrikan wollten die Menschen in New Orleans beruhigende Worte hören, Bürgermeister Ray Nagin gab sie ihnen nicht, und machte auch keine Anstalten, etwas zu beschönigen. Berühmt hat ihn ein Wutausbruch gemacht.

"Hebt euren Hintern und tut endlich was!" rief Ray Nagin, Bürgermeister der überfluteten Südstaatenmetropole New Orleans, nachdem der Hurrikan "Katrina" Nagins Stadt unbewohnbar gemacht hatte und die Hilfe nur schleppend anlief. Unverhohlen kritisierte er das Krisenmanagement aus Washington und machte seiner Verzweiflung Luft. Für solche emotionalen Ausbrüche ist Nagin, der seit 2002 im Amt ist, eigentlich nicht bekannt. Sein Umfeld lobt seine Amtsführung im Stil eines Geschäftsführers und seine offene, ehrliche Art. All das steht während der größten Katastrophe, die auf einen Bürgermeister zukommen kann, nun auf dem Prüfstand.

"Kein Handel, keine Elektrizität, keine Restaurants"

Kurz nach der Katastrophe wollten die Bürger beruhigende Worte hören, Antworten und einen festen Zeitpunkt wissen, ab wann der Alltag wieder beginnen kann in New Orleans. Nagin gab ihnen nichts davon. Zwar hörte er bedächtig zu, versuchte nicht sich zu drücken. Aber beschönigen wollte er nichts: "In den nächsten zwei oder drei Monaten wird es in dieser Region keinen Handel, keine Elektrizität und auch keine Restaurants geben." Die Zwangsevakuierung der Stadt ordnete er am Mittwoch an - eine noch nie da gewesene Entscheidung, aber die einzig mögliche, so erklärte Nagin, in einer Stadt, die unbewohnbar geworden war.

Als die unermesslichen Probleme nacheinander deutlich wurden - zerstörte Viertel, Tausende hilfebedürftiger Menschen, keine Dienstleistungen mehr und Plünderungen auf den Straßen - suchte Nagin nach Lösungen, wie seine Berater berichten. Von einem improvisierten Büro im Hyatt-Hotel sucht der Bürgermeister nach Wegen aus der Katastrophe. Allerdings kann wohl erst in Wochen die Führungsstärke des früheren Geschäftsmanns realistisch bewertet werden. "Er ist wirklich gelassen. Er bewältigt das alles sehr analytisch und logisch", glaubt Greg Meffert, der technische Leiter der Stadt New Orleans, einer von Nagins wichtigsten Beratern. "Er kanalisiert die Informationen und setzt dann Schwerpunkte für die Maßnahmen", erklärt Meffert.

"Blick auf das Leben der Menschen bewahrt"

Nagin ist bekannt für seine lockere Art, den gelegentlichen Gebrauch von Umgangssprache und seinen unkonventionellen Sprachgebrauch, der wenig gemein hat mit dem seiner Politikerkollegen. "Bei allen Forderungen, die von den unterschiedlichen Seiten an ihn gestellt wurden, hat er immer den Blick auf das Leben der Menschen bewahrt", findet Stadträtin Jackie Clarkson. Von Hause aus ist Nagin kein Politiker. Bevor er 2002 zum ersten Mal die politische Bühne betrat, war er Führungskraft bei Cox Cable. Umso überraschter war die politische Szene seiner Heimatstadt, als der Demokrat den Sieg bei den Bürgermeisterwahlen davontrug - ein Schwarzer, der auch von der weißen Bevölkerung unterstützt wird, vor allem von der Führung der Wirtschaft.

Neulich beklatschte er die Ankunft eines Heeresgenerals, von dem er erwartete, dass "er einigen Leuten in den Hintern tritt." Nagin legte zudem eine harte, aber analytische Bewertung der Plünderungen vor: Es habe mit der verzweifelten Suche nach Lebensmitteln begonnen und "eskalierte sehr schnell in diesem massenhaften Chaos". Seine Sprache ist nicht sensationell, aber schonungslos. Seine Stadt ist zu einem überfluteten Höllenloch geworden, und Nagin macht keine Anstalten, das zu verschleiern.

Adam Nossiter/AP AP

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