Cem Özdemir "Türkische Reaktionen sind überzogen"


Der Brand in einem Ludwigshafener Wohnhaus, bei dem neun Menschen ums Leben gekommen sind, schockiert Deutsche als auch Türken. Im Interview mit stern.de sagt der Grünenpolitiker Cem Özdemir, warum die Reaktionen der türkischen Medien überzogen und wenig hilfreich sind.

Warum belastet die Brandkatastrophe von Ludwigshafen das deutsch-türkische Verhältnis?

Es gibt die Befürchtung, dass es sich möglicherweise um einen rassistischen Anschlag handelt. Hier kommen die Bilder der Anschläge in den 90er Jahren wieder hoch, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen. Wenn sich das nun wiederholt hätte, wäre der Schock in der türkischen Gemeinschaft massiv. Und deshalb hoffe ich, dass es kein rassistischer Anschlag war, auch wenn das die Opfer nicht wieder lebendig macht.

Noch sind die Ursachen für die Brandkatastrophe nicht geklärt. Dennoch gibt es schon heftige Reaktionen von der türkischen Seite. Sind diese Reaktionen überzogen?

Die Reaktionen sind überzogen und alles andere als hilfreich. Das gilt auch für Äußerungen von deutscher Seite, die eine rassistische Tat von vornherein ausgeschlossen haben. Politiker und Medien sollten sich jetzt erst einmal etwas zurückhalten und die Ermittlungen abwarten, auch wenn das manchen offenbar schwer fällt. Auch Pietät und der Respekt vor den Opfern gebietet es. Jetzt sollten wir die Sicherheitsbehörden vor Ort ihre Arbeit machen lassen. Sobald Ergebnisse vorliegen, können wir sie bewerten, kommentieren und daraus Schlüsse ziehen.

Wie groß ist das Vertrauen in die deutschen Ermittlungsbehörden?

Es mag bei manchen türkischen Migranten sicherlich vereinzelt Misstrauen geben. Aber entscheidend ist doch, dass die betroffenen Familien, nach allem, was ich mitbekommen habe, selber Vertrauen in die Arbeit der Polizei haben. Auch darin, dass mit allem Nachdruck ermittelt wird und nichts von vornherein ausgeschlossen wird. Von Teilen der türkischen Presse wird ein anderer Eindruck erweckt, insbesondere, was die Arbeit der Feuerwehr betrifft. Das bedauere und kritisiere ich. Wenn jetzt miese Trittbrettfahrer Feuerwehrleute, die geholfen und vor Ort selbst einiges erlebt haben, zusammenschlagen, werden nur neue Gräben gegraben. Davon haben wir ohnehin schon genug.

Es gibt den Vorwurf, Erdogan wolle mit diesem Thema von eigenen innenpolitischen Problemen ablenken.

So weit würde ich nicht gehen. Natürlich muss Erdogan in so einer Situation Anteil nehmen, wenn er nach Deutschland kommt. Es handelt sich schließlich um eine Katastrophe, von der türkische Staatsbürger betroffen sind. Ein anderer Regierungschef würde in einer vergleichbaren Situation nicht anders handeln. Es ist gut, wenn Erdogan jetzt zur Besonnenheit aufruft. Das Problem ist auch nicht Erdogan, das Problem sind Teile der türkischen Presse. Mein Eindruck ist, dass sich der Appell der türkischen Regierung auch an die Presse gerichtet hat und ich hoffe, dass das verstanden wurde.

Gibt es eine Verbindungen zum Fall Marco W.? Ist das die türkische Revanche?

Gegenseitiges Aufrechnen von angeblichen Fehlern ist das allerletzte, was wir brauchen. Wohin soll das auch führen? Deutschland und die Türkei sind zwei befreundete Länder, die beide ein Interesse daran haben, dass ihre Beziehungen gut sind und gut bleiben. Man sollte jetzt kein Öl ins Feuer gießen. Wenn die Türkei Ermittler schicken möchte und Innenminister Schäuble das begrüßt, ist das okay. So gehen befreundete Länder miteinander um. Ich möchte aber betonen: Die deutsche Polizei und die deutsche Feuerwehr ist auch meine Feuerwehr und Polizei. Ich wünsche mir, dass das alle Türkischstämmigen das so sehen. Hier die Türken, dort die Deutschen, das sollten wir endlich überwinden. Und wenn es dafür nötig ist, dass die Feuerwehr mehr Türkischstämmige in ihren Reihen hat.

Interview: Markus Baluska

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