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CIA-Opfer als Brandstifter: El Masri sieht sich von Geheimdiensten bedroht

Das deutsche CIA-Entführungsopfer Khaled el Masri, der jüngst mitten in der Nacht in Neu-Ulm den Großmarkt Metro mit Benzin angezündet hat, sieht sich seit längerem von Geheimdiensten bedroht. Das sagte sein Anwalt Manfred Gnjidic stern.de.

Von Rainer Nübel

Khaled el Masri, der nach der Brandstiftung in die psychiatrische Abteilung eines bayerischen Bezirkskrankenhauses eingewiesen wurde, hat seinem Anwalt Details zu den Vorgängen vor seiner Tat genannt. Es geht ihm besser. Er schaut mich wieder an und spricht ganze Sätze", sagt Manfred Gnjidic. Das sei in den vergangenen Monaten nicht der Fall gewesen.

El Masri, den der US-Geheimdienst CIA Ende 2003 bei einer Reise nach Mazedonien festgehalten und in ein Geheimgefängnis in Afghanistan verschleppt hatte, war in jüngerer Zeit im Neu-Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer betreut worden. Doch Gnjidic merkte, dass der Deutsch-Libanese weiter unter einem starkem psychologischen Druck stehe. Wiederholt habe sein Mandant da schon angedeutet, dass er sich von Geheimdiensten massiv bedroht sehe. Bei meinem Treffen am Sonntag hat er dieses jetzt ganz klar ausgedrückt", sagte Gnjidic stern.de. Unter anderem habe el Masri davon berichtet, dass Ende 2006, als er nachts auf einer vierspurigen Bundesstraße von Ulm Richtung Biberach gefahren sei, plötzlich fünf Wagen aufgetaucht und zwanzig Kilometer lang hinter und neben ihm hergefahren seien.

El Masri gibt Brand zu

El Masri gebe zu, dass er mit Benzin den Brand im Metro gelegt habe, so Gnjidic. Doch er habe auch zu verstehen gegeben: Wenn er den Großmarkt hätte abfackeln wollen, dann hätte er eine Gasflasche mitgenommen. Was nicht der Fall gewesen sei. Und el Masri habe berichtet, was er bei seiner Verhaftung durch die Polizei unmittelbar nach der Tat gesagt haben will: "Wäre ich damals auf das Angebot der Amerikaner eingegangen, hätte ich jetzt nicht die Schwierigkeiten." Ein Hinweis darauf, dass die CIA ihn als V-Mann rekrutieren wollte und er ablehnte?

Den Neu-Ulmer Großmarkt Metro hat Khaled el Masri in den vergangenen Jahren häufig besucht. Was der US-Geheimdienst sogar wusste. CIA-Agenten hatten ihn in Verhören wiederholt darauf angesprochen, dass er dort zusammen mit dem Terror-Verdächtigen Reda Seyam regelmäßig Fisch gekauft habe.

Wurde el Masri provoziert?

El Masri habe ihm detailliert die Vorgänge im Metro vor seiner Brandstiftung berichtet, so Gnjidic. Demnach habe er dort vor einigen Wochen einen MP3-Player erworben. In einer eingeschweißten Packung. Als er den MP3-Player am Abend an seinen Laptop angeschlossen habe, sei das Gerät heiß gelaufen und habe zu rauchen begonnen. El Masri habe festgestellt, dass der MP3-Player offenbar nicht in Ordnung sei. Als er ihn am nächsten Tag umtauschen wollte, habe eine Metro-Verkäuferin el Masri vorgeworfen, er habe an dem MP3-Player herummanipuliert. "Wohin haben sie die Batterien denn reingesteckt?", soll ihn die Metro-Mitarbeiterin gefragt haben. El Masri darauf in Rage: "In ihren Arsch." Dennoch habe er an diesem Tag noch in aller Ruhe im Großmarkt einkaufen können. Erst später habe der Großmarkt ihm Sachbeschädigung vorgeworfen. Und erst einen Tag später sei ein Hausverbot gegen ihn verhängt worden. Eine Mitarbeiterin habe ihm dabei ironisch "einen schönen Tag" gewünscht. Am nächsten Tag sei er wieder gekommen, habe seinerseits einen "schönen Tag" gewünscht ­ und die Metro-Angestellte angespuckt.

Anwalt Gnjidic: "Mein Mandant fragt sich, ob er bewusst provoziert wurde, damit er ausrastet." El Masri habe ständig Angst um das Leben seiner Kinder. Schon zwanzig Tage vor der Brandstiftung habe er sie aus der Schule genommen. Kurz vor seiner Tat habe die Schulleitung die Rückkehr der Kinder gefordert. Erst bei Gnjidics Gespräch mit el Masri am Sonntag habe sein Mandant zugestimmt, dass sie von heute an wieder zur Schule gehen.

Ausraster bei der Ausbildung

Gegen Khaled el Masri wird seit Anfang des Jahres auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt, weil er einen Dekra-Prüfer krankenhausreif geschlagen hatte. Dieser hatte den Deutsch-Libanesen abgemahnt, weil er bei seiner Weiterbildung zum Lkw-Fahrer zu viele Stunden versäumt hatte. Auch zu diesem Vorgang hat el Masri laut seinem Anwalt jetzt detailliertere Angaben gemacht. Dass er wiederholt nicht zur Weiterbildung bei der Dekra gegangen sei, habe daran gelegen, dass er in dieser Zeit seine Kinder von der Schule abgeholt habe. Das sei ihm "heilig". Als der Dekra-Ausbilder sein Fehlen mehrfach beanstandet habe, habe er diesem erbost ein "Entschuldigungsschreiben" geschickt mit der Aufschrift: "Blondine! Eilt sehr". Am 29. Januar 2007 kam es bei der Dekra dann zu dem tätlichen Angriff. "Wir sind hier nicht in einem Kasperle-Theater", habe der Ausbilder zuvor geschimpft. El Masri habe von ihm gefordert, das "Kasperle-Theater" zurückzunehmen. Als dies nicht geschehen sei, habe er einen Tisch umgeworfen und den Mann verprügelt.

Anwalt Manfred Gnjidic berichtet indess von "merkwürdigen Vorgängen" in seinem Umfeld. Im Kindergarten seines Sohnes sei bekannt, dass der Junge nicht fotografiert werden dürfe. Vor einiger Zeit sei dort jedoch ein Mann aufgetaucht, der angeblich von einer Schule für angehende Kindergärtnerinnen komme, so der Anwalt. Als die Leiterin für einen Augenblick abwesend gewesen sei, sei der Mann in die Gruppe seines Sohnes geeilt und habe diesen fotografiert.

Anfang 2006 hatte die Staatsanwaltschaft München das Telefon, Fax und zwei Handys von el Masris Anwalts überwachen lassen. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Telefonüberwachung jetzt für unverhältnismäßig und rechtswidrig erklärt.