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Ebola erreicht New York: Wie die Millionenmetropole auf Patient Null reagiert

Das Worst-Case-Sze­na­rio ist Wirklichkeit: Ebola ist in New York angekommen und Panik droht auszubrechen. Viele glauben den Beteuerungen Obamas nicht mehr, das Virus sei für die USA keine Gefahr.

Von Alexandra Kraft und Norbert Höfler, New York

Demonstranten in New York appellieren an die USRegierung, sich mehr im Kampf gegen Ebola zu engagieren

Demonstranten in New York appellieren an die USRegierung, sich mehr im Kampf gegen Ebola zu engagieren

Es war ein Bild voller Symbolkraft. Der amerikanische Präsident Barack Obama trifft im Oval Office Nina Pham. Nein, er trifft sich nicht nur, er nimmt sie in den Arm, drückt sie. Auf den ersten Blick ist das nicht bemerkenswert. Aber Nina Pham hatte Ebola. Sie ist eine der Krankenschwestern, die den inzwischen verstorbenen Thomas Eric Duncan in Dallas gepflegt hatten. Dabei steckte sie sich an. Nun ist sie geheilt. Und kaum, dass sie aus dem Hospital entlassen war, hielt der US-Präsident sie im Arm. Ein seltener, sehr vertrauter Moment für Barack Obama. Und die perfekte Inszenierung. Seht her, Ebola kann in den USA geheilt werden. Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt. Wir haben alles unter Kontrolle, seid unbesorgt. All das sollte das Bild von der Umarmung in die Welt hinaus tragen.

US-Präsident Barack Obama empfängt die von Ebola geheilte Krankenschwester Nina Pham im Weißen Haus

US-Präsident Barack Obama empfängt die von Ebola geheilte Krankenschwester Nina Pham im Weißen Haus

340 Kilometer entfernt, im New Yorker Stadtteil Washington Heights spielen sich ganz andere Szenen ab. Hier wohnte Dr. Craig Spencer, 33, der Mediziner, der für "Ärzte ohne Grenzen" in Guinea Ebola-Patienten betreute und nun selbst infiziert ist. Seit Donnerstag wird er auf einer speziellen Isolierstation im Bellevue Hospital betreut. Ein siebenköpfiges Team des amerikanischen Seuchenschutzes (CDC) sucht nach seinen Kontaktpersonen.

Vor dem Apartmentgebäude mit der Nummer 546 in dem er bis zur Diagnose wohnte, stehen ein paar seiner Nachbarn zusammen. Viele sind geschockt. Als sie von der Diagnose in den Nachrichten gehört hatten, putzten sie hastig die Knöpfe im Aufzug mit Chloreiniger und wischten den Boden im Treppenhaus. Ricardo Lawrence, der in der Etage unter Spencer wohnt, sagt: "Die Phantasie der Leute dreht durch." Es fällt vielen schwer, Ruhe zu bewahren. Ihr Viertel, ihr Wohnblock ist zum Symbol für Ebola in New York geworden. Mitten in der Millionenstadt. Patient Null einer ihrer Nachbarn.

Flucht vor der Seuche

Das Haus ist seit Freitag gesperrt, nur Bewohner dürfen es seitdem betreten. Ein Sicherheitsmann steht im Flur, wer rein will, muss sich ausweisen. Am Nachmittag trugen Seuchenschützer Kleidung und Bettzeug des Infizierten in blauen Säcken und Plastiktonnen heraus und verluden es in einen Umzugswagen. "Das muss alles verbrannt werden," sagt Ernos Terogene. Er wuchs hier auf, heute arbeitet er als Barmann. Das Viertel ist sein Kiez, er kennt hier fast jeden. Nun zeigt er auf die zwei beleuchteten Fenster im fünften Stock. Dem stern sagt er: "Die Regierung sagt uns nicht die Wahrheit. Ich glaube, Ebola ist viel, viel gefährlicher als sie uns sagen." So wie er, denken hier viele.

Viele Bewohner sind vorübergehend zu Verwandten oder Freunden gezogen. Manche aus Angst, manche um dem Trubel zu entkommen. Der Postbote, der Briefe und Pakete liefert, trägt eine Atemschutzmaske und blaue Gummihandschuhe. Ernso Terogene sagt: "Ich werde nie, nie mehr das Haus 546 betreten. Wenn ich dort wohnen würde, ich wäre weg. Weit weg. Glaub mir."

Nun erzählt er, was er über Ebola gehört hat. Er kennt die Fakten, eigentlich weiß er, dass das Ansteckungsrisiko sehr gering ist. Aber die Angst siegt bei ihm über die Vernunft. Er erklärt: "Ich fürchte mich vor dieser Krankheit. In New York leben die Menschen so eng zusammen, sechs Millionen fahren jeden Tag mit der U-Bahn. New York ist der schlimmste Ort, wenn Ebola wirklich ausbricht."

Ein Sicherheitsmann bewacht den Eingang zum "Ebola-Haus". Die Wohnung des infizierten Mannes im Stadtteil Harlem wurde versiegelt.

Ein Sicherheitsmann bewacht den Eingang zum "Ebola-Haus". Die Wohnung des infizierten Mannes im Stadtteil Harlem wurde versiegelt.

Verschwörungstheorien gedeihen

Auch Yemi Olumolade wohnt im Viertel. Ihr Arbeitsweg zur Columbia-Universität führt sie am "Ebola-Haus" vorbei. Sie sagt dem stern: "Ich habe mich über das Virus informiert. Ich habe keine Angst." Dann schaut auch sie zum Fenster hinauf und sagt: "Aber irgendwie mulmig ist einem dann doch." Sie trifft die Stimmung vieler New Yorker in diesen Tagen.

Ein paar Meter weiter steht ein Prediger mit schulterlangen Rasta Locken. Mit ausgestreckten Armen ruft er in den Abendhimmel: "Das ist die Strafe Gottes. Ihr könnt euch nicht dagegen wehren." Und es sind nicht wenige, die bei seinen Worten nicken. Hinter vorgehaltener Hand sagen viele, dass sie längst nicht mehr glauben, was sie in den Nachrichten hören. Die Beteuerungen der Regierung, Ebola sei für die USA keine Gefahr. Und dass die Ansteckung nicht so leicht sei. Einer sagt sogar, er glaube, der Ebola-Erreger sei von Terroristen in Umlauf gebracht worden.

Im Erdgeschoss des Wohnblocks betreibt Radwan Saif den kleinen Lebensmittelladen "Nadal 2 Deli". Er sagt dem stern: "Ich hoffe, die Leute vergessen es ganz schnell wieder. Das wäre besser für mein Geschäft." Natürlich fragen ihn alle nach Ebola, nach Doktor Spencer. Radwan Saif sagt: "Ich bin für Flugverbote. Oder, dass alle, die aus Westafrika kommen, am Flughafen getestet werden."

Auf dem Weg zu ihrer Arbeit muss Yemi Olumolade am Haus des Ebola-Patienten vorbei - ein ungutes Gefühl

Auf dem Weg zu ihrer Arbeit muss Yemi Olumolade am Haus des Ebola-Patienten vorbei - ein ungutes Gefühl

Wut gegen den Infizierten

Auch im Bellevue Krankenhaus, wo Spencer behandelt wird, herrscht große Unsicherheit. Nachdem sich zwei Krankenschwestern in Dallas angesteckt hatten, fürchten sich viele. Die Angst ist so groß, dass sich am Freitag überdurchschnittlich viele Pflegekräfte krank meldeten oder sich gar weigerten, die Isolierstation zu betreten. Eine Schwester ging so weit, dass sie vorgab einen Schlaganfall erlitten zu haben. Nach einer intensiven Untersuchung in der Notaufnahme wurde sie als Simulantin enttarnt und zurück an die Arbeit geschickt.

Viele sind aber auch wütend auf Dr. Spencer. Weil er, obwohl er Ebola Patienten behandelt hatte, noch mit der U-Bahn kreuz und quer durch New York fuhr. Und dass er, als er sich bereits schwach fühlte, noch Bowling spielte und in einem Restaurant aß. Auf Twitter beschimpfen viele den Arzt für sein, aus ihrer Sicht, fahrlässiges Verhalten. Er hätte es besser wissen und machen müssen, so der Tenor. Einige fordern gar, ihn für Totschlag anzuklagen, sollte er andere infiziert haben. Seine Familie versuchte zu beruhigen. So sagte seine zukünftige Schwiegermutter inzwischen: "Es ist lächerlich, zu sagen, er sei fahrlässig gewesen. Er hat sehr gewissenhaft auf Symptome geachtet und er kannte die Krankheit."

Statt in die Quarantäne direkt zu Obama

Wirklich hören will diese Worte scheinbar niemand. In einem Leserbrief in der "New York Post" schreibt ein Mann: "Seit Präsident Obama behauptet, es sei sicher für Ärzte aus Westafrika zurück zu kommen ohne Quarantäne, sollten diese Ärzte direkt ins Weiße Haus fahren und sich für ihre Arbeit danken lassen. Ein Händeschütteln und eine Umarmung wären der richtige Lohn."

Die Bundesstaaten New York und New Jersey haben inzwischen ihre Quarantäneverordnung verschärft. Ärzte, die aus Krisenregionen zurückkehren, müssen automatisch für 21 Tage isoliert werden, teilten die Gouverneure Andrew Cuomo und Chris Christie mit. Für alle anderen Reisenden aus Westafrika gilt die Verordnung allerdings nicht.