VG-Wort Pixel

Elbe-Jahrhundertflut Wiederholung nicht ausgeschlossen

Aufgerissene Häuser, ein Kanzler in Gummistiefeln, Sandsack-Ketten auf Deichen. Die Elbflut im Jahr 2002 ist unvergessen. Milliarden sind seitdem in den Hochwasserschutz geflossen. Hat es etwas genützt? Georg Rast, Hochwasser-Experte des WWF, hat dazu eine klare Meinung.
Von Marcus Müller

Herr Rast, was wurde beim Wiederaufbau nach 2002 beim Hochwasserschutz falsch gemacht? Die Überflutungsräume an der Elbe sind noch nicht wieder frei gemacht worden. Das trifft besonders auf die Bundesländer an der unteren Elbe zu, also ab Magdeburg abwärts, die Länder Brandenburg und Niedersachsen. Dort hat man sich zu sehr darauf verlassen, dass oben am Fluss etwas getan wird, und dass die Wassermassen unten gar nicht ankommen.

Und das funktioniert nicht?

Nein, das Jahr 2006 hat ja gezeigt, dass es sehr wohl eine elementare Hochwassergefahr auch für die unteren Anrainer gibt. Dort muss auch etwas getan werden, auch dort müssen die Rückhalteräume wieder frei gemacht werden.

Eigentlich hat es doch genug Geld gegeben, um sich für die nächste Flut zu wappnen. Reichen 7,8 Milliarden Euro nicht? Von dem Geld ist das meiste in den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur gelaufen.

Und das war falsch?

Nicht grundsätzlich. Zerstörte Bahnstrecken, Autobahnen, Eisenbahnbrücken und die vielen lokalen Straßen sind wichtig. Der einzig nachhaltige Hochwasserschutz ist aber, möglichst weite Flutungsräume zu schaffen. Da ist sehr wenig geschehen. Es gibt zu viel Beton und zu wenig Natur.

Woran liegt das?

Man hat sich gerne auf die kurzfristigen Erfolge gestürzt - also Vorhersage, Warnsysteme, schneller Bau von Ufermauern oder Deich-Ertüchtigungen. Aber die Rückversetzung von Deichen, sprich die Erweiterung des Überflutungsraumes, damit sich das Hochwasser besser ausbreiten kann, das dauert natürlich auch.

Ist das Geld in die richtigen Projekte geflossen?

Wir haben eine Studie erstellt, in der insgesamt elf Beispiele in Sachsen und in Sachsen-Anhalt zeigen, dass vor allem die Kommunen gerne auch Infrastrukturmaßnahmen finanziert haben, die eigentlich keinen Hochwasserschaden erlitten hatten.

Was heißt das genau? Man hat etwa in der Landschaft plötzlich kleine Wege ausgebaut als asphaltierte Straße, auch in Überflutungsgebieten. Dadurch versiegelt man die Landschaft und das Wasser kann nicht abfließen. Außerdem wird das Schadenspotential wieder erhöht. In einem Fall ist sogar eine Kegelbahn saniert worden.

Wird nicht kontrolliert, wofür das Geld verwendet wird?

Nicht ausreichend. Und bei einem Missbrauch greifen auch keine Strafmaßnahmen. In den Fördermechanismen müsste wesentlich zwingender sichergestellt werden, dass auch tatsächlich in den nachhaltigen Hochwasserschutz investiert wird.

Sachsens Umweltminister Stanislaw Tillich weist Ihre Kritik zurück. Man habe den Flüssen wieder mehr Raum gegeben, sagt er. Und die Rückverlagerung von Deichen brauche Zeit.

Wir haben trotzdem den Eindruck, dass man das in Sachsen bisher etwas zu stark zurückgestellt hat. Man muss alle Maßnahmen einer Hochwasserschutz-Strategie sofort beginnen, damit die Botschaft bei der Bevölkerung im Gedächtnis bleibt. Denn wenn man einige Jahre nach dem Hochwasser verstreichen lässt und man sich nur auf die wenig Druck ausübenden Maßnahmen konzentriert, dann ist die Notwendigkeit in der Bevölkerung nicht mehr vermittelbar.

Wer hat denn da versagt? Es ist zu sehr die klassische Art, wie man an den Hochwasserschutz herangeht. Gerade im kommunalen Bereich denkt man immer noch, dass man durch die Deichertüchtigung, mit der lokalen Deicherhöhung, mit dem Bau von Ufermauern das Problem in den Griff bekommt. Das ist eine trügerische Sicherheit.

Aber Häuser, Orte, Menschen müssen doch auch geschützt werden.

Natürlich. Aber auch Deiche bieten nur einen begrenzten Schutz. Kein Deich kann beliebig nach oben erweitert werden. Und wenn man einen Deich lokal erhöht, dann wird die Gefahr flussabwärts größer. Es besteht die Gefahr, dass sich eine Katastrophe wie 2002 wiederholt.

Vor fünf Jahren hat es vor der Elb-Flut ununterbrochen geregnet. Kann man sich denn vor solch extremen Wetterlagen überhaupt schützen?

Nur ganz begrenzt. Es gibt keinen Hochwasserschutz, der extremen Regen ganz ohne Schaden abwickeln könnte, wie wir ihn jetzt wieder in der Schweiz haben oder 2002 in Tschechien und im Erzgebirge hatten. Das wäre auch nicht finanzierbar.

Zurzeit ist die Lage am Rhein verheerend. Müssen wir immer wieder mit riesigen Fluten rechnen?

Man kann das nicht vorhersagen. Auch die Schweizer sind überrascht, dass jetzt im Zwei-Jahres-Rhythmus derartig große Ereignisse so häufig auftreten. Die Historie zeigt uns aber, dass es solche Phasen gibt. Die Wahrscheinlichkeit von regionalen Starkregen-Ereignissen und damit Flutwellen wird aber ansteigen, je stärker global die Temperatur zunimmt.


Mehr zum Thema



Newsticker