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Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg: Tödliche Gefahren unter uns

Zehntausende Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg liegen in Deutschland noch unter der Erde. Unglücke wie in Göttingen sind bislang selten passiert. Doch die Blindgänger werden immer gefährlicher.

Von Sönke Wiese

Die Gefahr lauert unter uns, nur wenige Meter tief im Boden, überall in Deutschland: Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Zehntausende Blindgänger liegen immer noch, über 65 Jahre nach ihrem Abwurf, unentdeckt im Erdreich. Täglich müssen Kampfmittelräumdienste ausrücken, um die Altlasten unschädlich zu machen; ein Routinejob, wie es schien. Bis am Dienstagabend in Göttingen eine amerikanische Fliegerbombe bei der Entschärfung hochging und drei Menschen in den Tod riss. Es ist das schwerste Unglück dieser Art seit vielen Jahren.

Die Evakuierung der Anwohner lief noch, der Kampfmittelräumdienst baute gerade die Technik zur Entschärfung auf, als am Dienstagabend um 21.36 Uhr auf dem Schützenplatz der Stadt die amerikanische Zehn-Zentner-Bombe des Typs SAP 1000 explodierte. Die Wucht war so groß, dass drei Sprengstoffexperten sofort tot waren und sechs Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Warum es zur vorzeitigen Detonation kam, ist noch nicht klar. Die Opfer galten als erfahrene Spezialisten, die bereits an der Entschärfung von 600 bis 700 Bomben beteiligt waren.

100.000 unentdeckte Blindgänger bundesweit

Das Göttinger Unglück zeigt: Routine gibt es in dem Job nicht. "Unsere Leute riskieren jedes Mal ihr Leben", sagt Manfred Stahl von der Hamburger Feuerwehr. Die Hansestadt litt im Zweiten Weltkrieg in besonderem Maße unter dem Bombenhagel. Das Ergebnis: Bis heute hat sie sieben Bombenentschärfer im Dienst - und die haben viel zu tun. Am Mittwoch, dem Tag nach dem Göttinger Unglück, ist es deshalb auch schwer, die Spezialisten der Stadt ans Telefon zu kriegen. Denn auch an diesem Tag stehen zwei Bombenräumungen an. Über 160 beseitigte der Kampfmittelräumdienst allein in Hamburg im vergangenen Jahr.

Und die gefährliche Arbeit wird so schnell nicht ausgehen: Über 100.000 Fliegerbomben des Typs, der in Göttingen explodierte, sind im Zweiten Weltkrieg allein auf Hamburg niedergegangen, ihre Blindgängerquote betrug 13 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass es in Hamburg noch 3000 unentdeckte Bomben gibt", sagt Stahl. Auch in Berlin sollen noch über 3000 Blindgänger im Untergrund verborgen sein. Zahlen für das gesamte Bundesgebiet existieren nicht, weil die Kampfmittelräumung Ländersache ist. Es könnten um die 100.000 sein, schätzen Experten. Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet ist die Gefahr am größten. Hier waren die Schwerpunkte der alliierten Luftangriffe. Entdeckt werden die Blindgänger meist bei Bauarbeiten.

Besonders tückisch sind Langzeitzünder

5500 Bomben werden jedes Jahr in Deutschland entschärft. Die Öffentlichkeit bekommt von der gefährlichen Arbeit der Sprengstoffexperten allenfalls etwas mit, wenn es zu weiträumigen Evakuierungen kommt oder zu spektakulären Sperrungen von Autobahnen oder Bahnlinien. "Das sorgt leider immer wieder für Unmut", sagt Manfred Stahl. "Dabei dienen die Maßnahmen doch nur der Sicherheit der Bevölkerung." Dass die Gefahren tatsächlich nicht nur theoretisch sind, zeigte nun das tragische Unglück in Göttingen. Dort flogen die Bombensplitter zum Teil mehrere Hundert Meter weit.

Die Bevölkerung wiegt sich in einer trügerischen Sicherheit, weil angesichts der Vielzahl von Entschärfungen Unglücke verhältnismäßig selten vorkommen. In Göttingen war erst in der vergangenen Woche auf dem Schützenplatz eine Bombe ohne Zwischenfall beseitigt worden. Doch je länger die Blindgänger unentdeckt im Erdreich lagern, desto riskanter ist ihre Entschärfung. "Das Kritische sind die Zünder, die über Jahrzehnte im Erdreich oder im Wasser der Korrosion ausgesetzt sind", sagt Stahl von der Hamburger Feuerwehr.

Besonders tückisch allerdings sind Bomben mit Langzeitzündern. Auch die amerikanische Fliegerbombe in Göttingen war damit ausgerüstet. Der Detonationsmechanismus ist so angelegt, dass die Bombe erst mit zeitlicher Verzögerung explodiert. "Der Sprengstoff verändert sich nicht, und das Zündsystem rostet nicht durch", sagt Volker Scherff vom Bund Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker. Das sollte bei Angriffen auf militärische Ziele wie etwa Flughäfen die Arbeit der Räumdienste erschweren. Und diesen Zweck erfüllt der Mechanismus auch noch 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

mit DPA